Genauere Nachverfolgung in Deutschland Mutanten auf dem Vormarsch

Fast alle Coronavirus-Infektionen in Deutschland gehen auf aggressivere Mutanten des Erregers zurück. Um den Überblick zu behalten, analysiert Deutschland das Erbgut der Erreger nun öfter im Detail.
Laboranalysen: Vier bis acht Prozent der positiven Coronaproben werden sequenziert

Laboranalysen: Vier bis acht Prozent der positiven Coronaproben werden sequenziert

Foto: Max Kovalenko / Lichtgut / imago images

95 Prozent der in Deutschland genauer untersuchten Coronavirus-Proben enthalten Varianten, die als besorgniserregend eingestuft sind, berichtete das Robert Koch-Institut (RKI)  am Mittwoch. Bislang wurde vor allem die ansteckendere, Ende 2020 in Großbritannien entdeckte Variante B.1.1.7 nachgewiesen.

Unter 54.000 zwischen dem 12. bis 18. April analysierten Proben waren 93 Prozent auf B.1.1.7 zurückzuführen. Andere, ebenfalls als besorgniserregend eingestufte Varianten bleiben dagegen selten. So wurden die in Südafrika entdeckte Viruslinie B.1.351 sowie die zunächst in Brasilien registrierte Mutante P.1 bislang nur vereinzelt in Deutschland entdeckt.

Beide Virusvarianten tragen Mutationen, die dem Erreger offenbar erlauben, den Immunschutz von ehemals Infizierten und Geimpften ein Stück weit zu umgehen. Diese besitzen dann zwar weiterhin bessere Abwehrmechanismen als Ungeimpfte und Personen, die noch nicht infiziert waren, sind aber schlechter vor den als problematisch eingestuften Varianten geschützt als vor dem Ursprungstyp des Coronavirus.

Auch Mutante aus Indien nachgewiesen

B.1.351 und P.1 sind allerdings nicht die einzigen neuen Varianten des Coronavirus, die potenziell problematische Mutationen tragen. In Indien breitet sich derzeit etwa die Linie B.1.617 aus, die ebenfalls genetische Veränderungen auf dem Bindeprotein des Virus trägt, dem sogenannten Spike-Protein. Mit diesem dringt das Coronavirus in menschliche Zellen vor.

Die Mutationen könnten auch diese Viruslinie ansteckender machen und sie in die Lage versetzten, einen Immunschutz teils zu umgehen. Noch sind die Details aber unklar. Bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und beim RKI steht B.1.617 unter Beobachtung, als besorgniserregend wurde sie aber noch nicht eingestuft. »Dafür fehle bislang die Evidenz«, teilte das RKI auf SPIEGEL-Anfrage mit.

In Deutschland wurde B.1.617 bislang 21 Mal nachgewiesen. Wie häufig sie tatsächlich auftritt, lässt sich allerdings nicht sagen, denn nur bei einem Bruchteil der positiven Coronaproben wird überprüft, um welche Form von Sars-CoV-2 es sich genau handelt.

85.000 Virusgenome untersucht

Die sequenzierenden Labore in Deutschland sollen seit Januar  mindestens fünf Prozent der Genome in Sars-CoV-2 positiven Proben bestimmen und dem RKI melden. Auch das RKI selbst analysiert das Erbgut positiver Coronaproben und nutzt Informationen aus wissenschaftlichen Datenbanken.

»Derzeit werden dadurch in Deutschland wöchentlich circa vier bis acht Prozent der positiven Proben erfasst und hinsichtlich der zirkulierenden Sars-CoV-2 Linien aufgeschlüsselt«, so das RKI. 2020 habe der Wert noch bei 0,1 bis 0,2 Prozent gelegen.

Insgesamt wurden laut RKI in Deutschland im Jahr 2021 bis zum 11. April fast 85.000 komplette Virusgenome untersucht. Damit ließ sich die Ausbreitung der B.1.1.7-Linie verfolgen. »Deutschland besitzt damit ein sensitives System, um auch sehr selten auftretende Virusvarianten identifizieren zu können«, so das RKI.

In Großbritannien, das bereits im vergangenen Jahr umfassend sequenziert hat, wurden vor dem durch B.1.1.7 begünstigten rasanten Anstieg der Corona-Fallzahlen im November 2020 etwa zehn Prozent der positiven Proben analysiert. Dadurch ließ sich die Ausbreitung der neuen Variante im Detail verfolgen.

Laut dem COVID-19 Genomics UK Consortium  haben Fachleute in Großbritannien inzwischen mehr als 440.000 Sars-CoV-2 Viren sequenziert. Auch die zunächst in Indien aufgetretene Variante B.1.617 wurde dabei identifiziert. 77 Fälle wurden in dem Land bislang nachgewiesen, so das RKI in seinem Bericht vom Mittwoch.

Rasante Ausbreitung in Indien

B.1.617 wurde zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra gefunden und verbreitet sich dort stark. Auch in anderen indischen Bundesstaaten zirkuliert sie inzwischen. Im ganzen Land nehmen die Corona-Fallzahlen seit Wochen immer schneller zu. Zuletzt wurden dort so viele Neuinfektionen und Tote registriert wie noch nie in der seit mehr als einem Jahr währenden Pandemie.

295.000 Infektionen und 2000 Tote im Zusammenhang mit Covid-19 meldete das Gesundheitsministerium am Mittwoch. Als Grund für den rasanten Anstieg sehen Fachleute neben der Ausbreitung der neuen Mutante vor allem Sorglosigkeit. Es gab lange Massenveranstaltungen für anstehende Regionalwahlen und religiöse Feste, bei denen Menschen keine Masken tragen und keinen Abstand halten.

In absoluten Zahlen ist Indien mit mehr als 15 Millionen erfassten Infektionen nach den USA am schlimmsten von der Pandemie betroffen. Mehr als 180.000 Menschen starben in Verbindung mit dem Coronavirus. Das Gesundheitssystem ist teils überlastet. In Indien leben rund 1,3 Milliarden Menschen.

Mit Material von dpa
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