Explosion des "Cygnus"-Raumfrachters "Antares"-Rakete flog mit Antrieb aus Sowjet-Zeiten

Warum explodierte der "Cygnus"-Raumfrachter? Der Grund war offenbar der Antrieb der "Antares"-Trägerrakete. Der Motor wurde vor einem halben Jahrhundert in der Sowjetunion entwickelt - und hat eine bewegte Geschichte.

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Schock spricht aus den Gesichtern. Nur wenige Stunden sind seit dem Absturz der Trägerrakete "Antares" vergangen, an deren Bord sich der Raumfrachter "Cygnus" befand. Tapfer stellen sich die leitenden Mitarbeiter von Nasa und der Firma Orbital Sciences den Fragen der Journalisten. Doch sie sind ratlos.

Mühsam stochern sie nach Erklärungen für das, was gerade mindestens 200 Millionen Dollar an Technik in Flammen aufgehen ließ. Klar scheint, dass der Antrieb der unteren Raketenstufe versagte. "Es sah aus, als sei etwas in der ersten Stufe auseinandergefallen", sagte Frank Culbertson, Vizechef der Firma Orbital Sciences, die die "Antares"-Rakete gebaut hat. Warum genau das geschah, ist aber noch unklar. "Wir versuchen, das so schnell wie möglich herauszufinden", sagte Culbertson bei einer Pressekonferenz.

"Antares"-Antrieb stammt aus Sowjetzeiten

Die erste Stufe der "Antares"-Rakete steht schon seit Längerem in der Kritik. Ihr AJ-26-Motor basiert auf dem alten sowjetischen Modell NK-33. Dieses Triebwerk sollte ursprünglich Kosmonauten auf den Mond bringen, bis Moskau dieses Vorhaben Mitte der Siebzigerjahre aufgab. Die NK-33-Motoren sollten zerstört werden, doch Chefkonstrukteur Nikolai Kusnezow widersetzte sich dem Befehl. Er beauftragte einige Vertraute, die Motoren in einem Lagerhaus im russischen Samara zu verstecken.

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Explosion beim Start: "Antares"-Rakete endet in Feuerball
Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den Neunzigerjahren wurden die Motoren auf dem Gelände wiederentdeckt. Für die Amerikaner war die NK-33 wegen ihrer enormen Schubkraft interessant - und weil die Triebwerke nach vier Jahrzehnten immer noch betriebsfähig waren. Die russische Firma Aerojet kaufte vor einigen Jahren dann rund 40 der Motoren, für etwa eine Million Dollar pro Stück. Orbital Sciences wiederum erwarb die Triebwerke und "amerikanisierte" sie für ihre Zwecke, wie es Culbertson auf der Pressekonferenz ausdrückte.

Die Konkurrenz lästerte von Beginn an über das Konzept. "Das klingt ehrlich gesagt nach einem Witz", sagte Elon Musk, Gründer der privaten Raumfahrtfirma SpaceX, schon 2012. "Sie nutzen russische Raketenantriebe, die in den Sechzigern entwickelt wurden. Und ich meine damit nicht, dass das Aussehen aus der Zeit ist, ich meine wirklich die Technik dahinter."

"Es gibt nichts Besseres"

Diesen Einwand lässt Robert Schmucker von der Technischen Universität München jedoch nicht gelten. "Ich halte den NK-33-Motor nach wie vor für sehr robust und zuverlässig", sagt der Raketenexperte. Am Design von Raketentriebwerken habe sich in den vergangenen Jahrzehnten nichts Grundlegendes geändert. "Der NK-33 ist nicht veraltet, es gibt nichts wesentlich Besseres", so Schmucker. Das werde auch erkennbar an der Tatsache, dass Pannen mit Flüssigtreibstoff-Raketen in den vergangenen Jahren extrem selten vorgekommen seien.

Die Raumfahrttechnik gehe eben stets ans Limit der eingesetzten Materialien. "Da ist kein Rohr unnötig dick, da gibt es kein Kilogramm zu viel", sagt Schmucker. "Zu einer Panne kann es immer wieder kommen. Man muss den Fehler finden und abstellen, dann geht es weiter." Das musste im Übrigen auch Elon Musk erst kürzlich erfahren: Mitte August explodierte eine "Falcon9R"-Rakete seiner Firma SpaceX bei einem Test.

Auch Culbertson verteidigte nach der "Antares"-Explosion den Rückgriff auf die Sowjet-Technik und verwies darauf, dass das Alter des Modells auch Vorteile habe. So seien die NK-33 Triebwerke ausführlich getestet worden und hätten immer wieder ihre Robustheit unter Beweis gestellt. Gleichzeitig kritisierte Culbertson die Abhängigkeit der USA von Sowjet-Technik: "Es gibt nun einmal nicht viele andere Optionen auf der Welt für Antriebe dieser Größenordnung. Und vor allem nicht in diesem Land."

Nächste "Sojus"-Rakete ist schon unterwegs

Die örtlichen Einsatzkräfte waren unterdessen damit beschäftigt, das Gebiet rund um die Startrampe im östlichen Virginia weiträumig abzusperren. Da unklar ist, wie die Rakete genau explodiert ist, trauen sich Feuerwehrkräfte derzeit nicht an die brennenden Überreste heran. Stattdessen warte man ab, bis die Trümmer von selbst erlöschen, erklärten offizielle Stellen.

An Bord der "Antares"-Rakete waren unter anderem Lebensmittel und Ausrüstung für wissenschaftliche Experimente. Der finanzielle Schaden beträgt alleine durch den Verlust der Rakete und des "Cygnus"-Transporters rund 200 Millionen Dollar. Hinzu kommt, dass anscheinend auch Teile der Startrampe am Weltraumbahnhof Wallops (US-Bundesstaat Virginia) beschädigt wurden. Wann hier der nächste Start erfolgen kann, ist unklar. Ebenso unsicher ist, wann Orbital Sciences die verbleibenden vier Starts, die die Firma der Nasa vertraglich zugesichert hat, durchführen kann. "Wir werden fliegen, sobald wir wieder für die Sicherheit garantieren können", sagt Culbertson.

Für die Astronauten der ISS besteht jedoch keine Gefahr einer Unterversorgung. Die Vorräte an Bord der Raumstation reichen noch bis Anfang 2015. Außerdem plant SpaceX eine weitere Mission für Dezember, und schon am Mittwochmorgen startete eine weitere Rakete mit Lebensmitteln, Treibstoff und privater Post zur ISS - eine russische "Sojus", die ebenfalls in den Sechzigerjahren entwickelt wurde.

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