Raumfahrtprofessor "Es wird keinen deutschen Weltraumbahnhof geben"

Die Wirtschaft möchte von Deutschland aus Raketen ins All schießen, die Bundesregierung will den Vorschlag prüfen. Dabei steckt hinter der Idee ein grundlegendes Missverständnis, sagt Raumfahrtprofessor Ulrich Walter.
Weltraumbahnhof in Baikonur: "Es geht nicht um bemannte Raumfahrt"

Weltraumbahnhof in Baikonur: "Es geht nicht um bemannte Raumfahrt"

Foto: AFP

Ulrich Walter, Jahrgang 1954, ist Professor für Raumfahrt an der TU München. Der Physiker und Autor hat eine Astronautenausbildung durchlaufen und war 1993 an Bord des Orbiters "Columbia" für elf Tage im All.

SPIEGEL: Herr Walter, Sie bauen in München eine Luft- und Raumfakultät auf und waren selbst im All. Es hat Sie sicher gefreut, dass in Deutschland vielleicht ein Weltraumbahnhof gebaut wird.

Walter: Eigentlich war ich verwundert. Hinter dieser Idee steckt ein grundlegendes Missverständnis. Ein Weltraumbahnhof ist per Definition eine Anlage, von der Raketen senkrecht von einer Startrampe aus starten. Eine solche Anlage würde in Deutschland niemals zugelassen, weil das Land dafür viel zu dicht besiedelt ist. Bei einem Unfall könnten herabfallende Trümmerteile große Schäden anrichten.

SPIEGEL: Ist der Vorschlag also eine Luftnummer?

Walter: Die einzige Chance, die ich für Deutschland sehe, wären horizontale Startmöglichkeiten. Dabei starten die Raketen nicht von einer Rampe, sondern werden mit Flugzeugen über sicherem Gebiet zunächst in eine gewisse Höhe gebracht, und erst dort werden die Raketentriebwerke gezündet. Ich würde bei einer solchen Anlage aber nicht von einem Weltraumbahnhof sprechen, sondern von einem Weltraumflughafen.

SPIEGEL: Halten Sie eine solche Anlage in Deutschland für machbar?

Walter: Meiner Meinung nach wäre der ehemalige Militärflugplatz in Nordholz dafür durchaus geeignet. Eine entsprechend lange Startbahn wäre dort bereits vorhanden. Nötig wären allerdings Tanks für besonderen Treibstoff und ein zusätzlicher Hangar für die Spezialflugzeuge und moderne Einrichtungen für Start und Landung. Grob geschätzt ließe sich das mit Investitionen von 50 Millionen Euro machen. Nordholz ist seit Längerem als ein solcher Startplatz im Gespräch. Es gab auch einen Interessenten aus den USA. Aber er machte gleich einen Rückzieher, als er erfuhr, dass Deutschland kein Weltraumgesetz hat.

SPIEGEL: Warum ist das Gesetz so wichtig?

Walter: Es regelt beispielsweise, wer für den Schaden aufkommt, wenn ein Raketenteil über dem Meer herabstürzt und zufällig ein Schiff trifft. Ohne diese Rechtssicherheit werden sich kaum Investoren für Missionen oder einen Weltraumflugplatz finden. Ein Weltraumgesetz ist bisher nicht zustande gekommen, weil viele Politiker dachten, Deutschland bräuchte so etwas nicht. Die Regierung hat zwar im Koalitionsvertrag vereinbart, ein solches Gesetz zu schaffen, doch seitdem ist nicht viel passiert.

SPIEGEL: Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat zumindest angekündigt, den Vorschlag eines Weltraumbahnhofs zu prüfen.

Walter: Deutsches Territorium ist für Raketenstartplätze nicht geeignet, weil Raketenstarts nicht ungefährlich sind und Deutschland dafür einfach zu dicht besiedelt ist. Außerdem brauchen wir Deutsche keinen eigenen Weltraumbahnhof, denn die Raumfahrt hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Raketen und Starts kann man sich heute weltweit auf dem freien Markt kaufen. Womit das meiste Geld verdient wird, ist das, was man in den Weltraum schießt.

SPIEGEL: Diese Entwicklung wird gemeinhin als New Space bezeichnet.

Walter: Genau. Und bemannte Raumfahrt spielt da so gut wie keine Rolle, abgesehen von den Plänen Elon Musks, zum Mars zu fliegen. Eine Geldmaschine sind die Erdbeobachtungdaten von Satelliten. Diese kann man heute viel kleiner und kostengünstiger bauen, es geht hier um Kostensenkungen um den Faktor zwei bis fünf! Daher ist das inzwischen ein gigantischer Markt, an dem auch vergleichsweise kleine Unternehmen Erfolge erzielen können. Derzeit werden pro Jahr etwa 350 Milliarden Dollar im Bereich New Space umgesetzt. In den Vierzigerjahren soll die Summe nach Marktforschungen angeblich bei einer Billion Dollar liegen.

SPIEGEL: Wenn nicht in einen Weltraumbahnhof, wo sollte Deutschland stattdessen investieren?

Walter: Die größten Potenziale sehe ich bei der Entwicklung von kleinen Satelliten und Technologien für unterschiedlichste Anwendungen: Kartografie zeitlich veränderlicher Bodennutzung, Messung der Atmosphärenverschmutzung, digitale Höhenmodelle unserer Erde, Katastrophenbeobachtung in Echtzeit. Ein konkretes Beispiel: Für die Landwirtschaft können die genauen Daten aus dem All den Bauern auf den Quadratmeter genau zeigen, wo sie mehr oder weniger Düngemittel einsetzen oder punktuell bewässern müssen. Über Satellitennetzwerke lässt sich die gesamte Erde lückenlos - Land und Wasser - mit Breitbandinternet versorgen. Das ist ein sehr lukrativer Markt, genau wie die Entwicklung eigener, kleinerer Raketen. Daran arbeiten bereits mehrere Start-ups in Deutschland. Von wo die Raketen dann in den Weltraum starten, ist vollkommen egal.

SPIEGEL: Denken Sie, dass Deutschland führend im Bereich New Space werden kann?

Walter: Ich bin da skeptisch, es wäre schon schön, wenn Deutschland international mithalten könnte. Aber viele Deutsche halten nichts von Raumfahrt. Ich habe das selbst erlebt, als ich das bayerische Raumfahrtkonzept "Bavaria One" mitentwickelt habe. Damals gab es schnell Häme, Bayern wolle zum Mond fliegen. Aber genau darum geht es nicht, sondern hauptsächlich um die Entwicklung von Kleinsatelliten und die Gewinnung der genannten Erdbeobachtungsdaten. Deutschland droht eine Entwicklung zu verschlafen, in der sich viel Geld verdienen lässt.

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