"Discovery"-Rückkehr Astronaut Reiter unterwegs zum Weihnachtsbaum

Thomas Reiter ist in die ewige Liste der Langzeit-Raumfahrer aufgerückt - als zweiter Nicht-Russe. Kollegen haben ihn mit Lob überschüttet, wohl auch aus Erleichterung über die gesamte Shuttle-Mission: Es klemmte einiges, doch am Ende klappte doch noch alles - und das Sonnensegel ein.


Cape Canaveral - Auf dem Rückweg zur Erde mag Christer Fuglesang so etwas wie Neid auf seinen Freund Thomas Reiter empfunden haben. An Bord des US-Shuttles "Discovery" befinden sich beide auf dem Rückweg zur Erde. Sollten sie planmäßig am Freitag landen, wird der erste Astronaut Schwedens ganze 13 Tage im Weltall gewesen sein. Der Deutsche Reiter hingegen kehrt bereits von seinem zweiten Langzeiteinsatz zurück.

Schon um die Jahreswende 1995/1996 war er an Bord der russischen Raumstation "Mir" um die Erde gekreist. Nun gingen für Reiter fünf Monate an Bord der Internationalen Raumstation ISS zu Ende. Fuglesang war von der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa seinerseit zwar zu Reiters Ersatzmann auserkoren worden - doch das Double kam nicht zum Einsatz.

Und trotz des kurzen Ruhms, den sich der Schwede in der Vorweihnachtszeit 2006 bei seinen Außenbordeinsätzen am klemmenden ISS-Sonnensegel verdient hat, heimste Reiter nach dem Abkoppeln von der ISS die Komplimente ein: "Kraft der mir verliehenen Autorität, die ich gerade erfunden habe, wollen wir dich zu einem Ehrenmitglied der Nasa erklären", scherzte "Discovery"-Kommandant Mark Polansky. Der US-Astronaut und derzeitige ISS-Kommandant Michael Lopez-Alegria nannte Reiter einen "Modell-Astronauten" und bescheinigte ihm "Kompetenz, Gewissenhaftigkeit und Beständigkeit".

Ob der Esa-Astronaut an Weihnachten schon zu Hause bei seiner Familie in Deutschland sein wird, ist zweifelhaft. Denn nach dem Langzeitaufenthalt in der Schwerelosigkeit wird der 48-Jährige erst einmal gründlich ärztlich untersucht. Außerdem muss er sich langsam wieder an die irdische Schwerkraft gewöhnen.

Erster Westeuropäer auf Hitliste der Langzeitflieger

Thomas Reiter kann nach seinem zweiten Raumflug mehrere Erst- und Bestleistungen für sich verbuchen: So war er der erste Deutsche an Bord der ISS. Zugleich hat er in ihr als erster Westeuropäer einen Langzeitflug absolviert. Auch sein Ausstieg in den freien Raum war westeuropäische Premiere. Mit nunmehr einem Jahr Gesamtflugzeit ist Reiter erst der zweite Nicht-Russe in der ewigen Hitliste der Langzeitflieger.

Er liegt jetzt knapp hinter dem US-Astronauten Michael Foale, der mit 373 Tagen auf Platz 18 rangiert. Absoluter Überflieger ist der Russe Sergej Krikaljow, der es bei sechs Weltraum-Missionen auf insgesamt 803 Tage brachte. Reiter absolvierte in der Raumstation ein Versuchsprogramm, das von Radsporttraining in der Schwerelosigkeit bis hin zur Erprobung von Hautpflegemitteln reichte.

Während des achttägigen Gemeinschaftsfluges mit der ISS ist Shuttle-Astronaut Robert Curbeam viermal in den freien Raum ausgestiegen. Auch das bedeutet einen neuen Rekord. Dreimal wurde er dabei von Fuglesang und einmal von Sunita Williams begleitet, die Thomas Reiter als drittes ISS-Besatzungsmitglied ablöst.

Voraussetzungen für "Columbus" und sechs Passagiere

Die Raumfahrer montierten ein zwei Tonnen schweres Bauteil, verkabelten die Station neu und holten bei einem zusätzlichen vierten Ausstieg ein altes Sonnensegel ein, das sich verklemmt hatte. Damit wurden die energetischen Voraussetzungen für den weiteren Ausbau der Station geschaffen. Damit kann das Esa-Wissenschaftsmodul "Columbus" Ende kommenden Jahres an der ISS andocken.

Zudem soll die Stammbesatzung der Raumstation in Zukunft auf sechs Astronauten verdoppelt werden. "Discovery"-Kommandeur Polansky erklärte mit Blick auf die ISS, man wolle einen Ort immer ordentlicher zurücklassen als man ihn angetroffen habe. "Und ich glaube, das haben wir erreicht."

Die "Discovery" wird am Freitag um 21.56 Uhr MEZ mit ihrer siebenköpfigen Besatzung auf der Erde zurückerwartet. Durch die Entscheidung, die Mission um einen Tag zu verlängern, wurde das Zeitfenster für eine sichere Rückkehr zur Erde um einen Tag verkürzt. Spätestens am Samstag muss die siebenköpfige Besatzung wieder zurück sein - länger reicht der Sauerstoff- und Energievorrat nicht. Wo das Shuttle landen wird, ist noch nicht entschieden. Die Nasa wird wahrscheinlich alle drei Landepisten vorbereiten, über die sie verfügt: das Kennedy Space Center in Florida, den Luftwaffenstützpunkt Edwards in Kalifornien und den Weltraumbahnhof White Sands in New Mexico.

Die beste Wettervorhersage gab es für White Sands, wo es bislang erst eine Shuttle-Landung gab. Am liebsten wäre der Nasa allerdings eine Landung im Kennedy Space Center, da die "Discovery" dann nicht erst nach Florida zurücktransportiert werden muss.

stx/AFP/AP/dpa

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