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09. August 2005, 17:39 Uhr

"Discovery"-Rückkehr

Nasa jubelt - Probleme bleiben

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Die Raumfähre "Discovery" ist gelandet, doch Sektlaune dürfte bei der Nasa kaum ausbrechen. Die teils dramatische Mission hat in erster Linie bewiesen, dass die US-Raumfahrtbehörde in Krisen ideenreich ist - nicht aber, dass die veralteten Space Shuttles sicher sind.

"Discovery" bei der Landung: Vehikel mit Schwächen
REUTERS

"Discovery" bei der Landung: Vehikel mit Schwächen

Hamburg - "Willkommen zu Hause, Freunde", grüßte Astronaut Ken Ham die Besatzung der "Discovery" nach der Landung in der Mojave-Wüste. Aus dem Kontrollzentrum der Nasa erklärte Ham: "Glückwunsch zu einem wirklich spektakulären Testflug." Erleichtert zeigte sich auch Shuttle-Kommandeurin Eileen Collins. Sie sagte: "Wir sind froh, zurück zu sein, und beglückwünschen das gesamte Team."

Doch nach dem ersten Moment der Freude und der Erleichterung über die sichere Rückkehr der "Discovery" ist nun klarer denn je: Houston hat ein Problem. Oder, um genauer zu sein: drei Probleme, und die heißen "Discovery", "Atlantis" und "Endeavour". Fast 1,5 Milliarden Dollar und zweieinhalb Jahre Arbeit hat die Nasa investiert, um ihre Space Shuttles sicherer zu machen. Doch die rundum überwachte "Discovery"-Mission hat die Schwächen der in die Jahre gekommenen US-Raumfähren erst in voller Brutalität offenbart.

Pannenserie begann schon vor dem Start

Es begann schon vor dem Start: Erst hakte ein Treibstoffsensor und verursachte mehrere Verspätungen. Als die "Discovery" dann endlich ins All abhob, bröselten erneut dicke Stücke aus der Schaumstoff-Isolierung des Haupttanks. Das größte war 400 Gramm schwer und 83 Zentimeter lang. Die Nasa hatte vor dem Start der "Discovery" damit gerechnet, dass nur noch Schaumstoffteile von höchstens einem Gramm abfallen würden.

Damit war klar, dass die US-Raumfahrtbehörde das zentrale Sicherheitsproblem der Space Shuttles nicht gelöst hatte. Ein Stück der Haupttank-Isolierung hatte im Februar 2003 ein Loch in den Hitzeschild der "Columbia" geschlagen und deren Absturz beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verursacht. Alle sieben Astronauten starben, die Raumfähren mussten bis zum 26. Juli 2005 am Boden bleiben. Nach der Panne an der "Discovery" heißt es nun erneut: Startverbot für die Shuttles.

Im Weltraum ging das Drama um die "Discovery" weiter: Zuerst hieß es, die herabfallenden Trümmer könnten den Hitzeschild beschädigt haben. Das war zwar nicht der Fall, dafür aber lugten Füllstreifen aus Kachelfugen hervor. Nach langem Hin und Her entschloss sich die Nasa zu einer riskanten und noch nie zuvor geübten Reparatur im All.

Nasa-Direktor Griffin, Shuttleprogramm-Manager Mike Leinbach: Erleichterung nach der "Discovery"-Landung
AP

Nasa-Direktor Griffin, Shuttleprogramm-Manager Mike Leinbach: Erleichterung nach der "Discovery"-Landung

Astronaut Steve Robinson wurde mit den Füßen am Roboterarm der ISS befestigt und an die Unterseite der "Discovery" bugsiert, bewaffnet mit einer selbstgebastelten Säge gegen widerspenstige Füllstreifen. Zum Glück für die Nasa hingen die Streifen nur lose in den Rillen. Robinson brauchte sie nur herauszuziehen.

Am Ende machte noch das Wetter Ärger: Wegen dichter Wolken musste die Nasa die Landung der "Discovery" am Kennedy Space Center in Florida zunächst von Montag auf Dienstag verschieben und dann gänzlich absagen. Da das Wetter noch immer nicht mitspielte, musste der Shuttle die Edwards Air Force Base in Kalifornien ansteuern.

Kostspieliger Rücktransport aus Kalifornien

Nun hat die Nasa das nächste Problem: Die "Discovery" muss jetzt Huckepack auf einer umgebauten Boeing 747 nach Cape Canaveral zurückgebracht werden. Das kostet nicht nur rund fünf Millionen Dollar, sondern dürfte auch den Flug der Raumfähre "Atlantis" verzögern, die zwischen dem 22. und 26. September zur Internationalen Raumstation ISS fliegen sollte. Die "Discovery" muss als "Rettungs-Shuttle" zur Verfügung stehen, was aber nun kaum noch gelingen kann. Das nächste Zeitfenster für einen Start der "Atlantis" öffnet sich erst im November.

Die Nasa wertet die "Discovery"-Mission dennoch als "überragenden Erfolg", und das nicht nur, weil tonnenweise dringend benötigte Ausrüstungs- und Ersatzteile zur Internationalen Raumstation gebracht wurden. Die Besatzung der Raumfähre hat neben der riskanten Hitzeschild-Reparatur noch eine Reihe weiterer, nie zuvor getesteter Verfahren angewandt.

Astronaut Robinson bei der Reparatur des Hitzeschilds: Riskanter Einsatz im All
REUTERS/ NASA TV

Astronaut Robinson bei der Reparatur des Hitzeschilds: Riskanter Einsatz im All

So führten die Astronauten Steven Robinson und Soichi Noguchi ein Experiment durch, bei dem sie Test-Hitzekacheln mit einer Art Klebepistole und einem Spachtel bearbeiteten. Der Reparatursatz könnte vielleicht eines Tages einer Shuttle-Besatzung im All das Leben retten: Die Nasa hofft, mit dem Material Risse und Löcher im Hitzeschild einer Raumfähre kitten zu können.

Mängel wurden erst jetzt offenbar

Die Mängel der gealterten Shuttles - die "Discovery" ist 21, die "Atlantis" 20 und die "Endeavour" 13 Jahre alt - treten durch solche Aktionen nur noch deutlicher zutage. Denn die Untersuchungen nach dem "Columbia"-Unglück und die daraus folgende Totalüberwachung der "Discovery"-Mission haben einen Verdacht verstärkt: Viele Schwächen, die bei früheren Shuttle-Missionen unbemerkt blieben, wurden erst jetzt registriert. "Erst der Absturz der 'Columbia' hat uns gezeigt, dass wir Russisches Roulette mit den Astronauten gespielt haben", gestand Nasa-Manager Wayne Hale zerknirscht ein.

Die Space Shuttles leiden womöglich unter so großen Konstruktionsfehlern, dass sie mit vertretbarem Einsatz nicht sicher genug gemacht werden können. Sollte etwa die Überarbeitung des Außentanks kompliziert und langwierig werden, könnte der US-Kongress dem Shuttle-Programm durchaus den Geldhahn zudrehen und die Entwicklung des Nachfolgers, des "Crew Exploration Vehicle" (CEV), forcieren. Nasa-Direktor Michael Griffin hat bereits angekündigt, das CEV möglichst schon 2010 und nicht wie ursprünglich geplant 2014 zum Jungfernflug starten zu lassen.

Indes glauben auch Experten außerhalb der US-Raumfahrtbehörde nicht, dass die Shuttles noch eine lange Zukunft haben. Die neuen Pannen seien für die Glaubwürdigkeit der Nasa "verheerend", sagte der Raumfahrt-Historiker Alex Roland von der Duke University der "Washington Post". Man habe mit dem Leben der Crew gespielt.

Den Verantwortlichen der Nasa dürfte auch nach der sicheren Rückkehr der "Discovery" klar sein, dass ihre Behörde nicht gestärkt aus dieser Mission hervorgeht. Sie hat bestenfalls ihren Ideenreichtum in Krisen unter Beweis gestellt - nicht aber, dass die Shuttles sicher sind. Und ein erneutes Unglück mit Todesopfern könnte nicht nur das Aus für die Space Shuttles, sondern das vorläufige Ende der bemannten Raumfahrt bedeuten.

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