Doppelstern Astronomen erspähen kosmisches Uhrwerk

Es ist eine Entdeckung mit Seltenheitswert: Astronomen haben zwei Sterne entdeckt, die Planeten besitzen, sich gegenseitig umkreisen - und exakt so zur Erde stehen, dass einer von ihnen alle drei Stunden zu verschwinden scheint. Das passiert auf die Sekunde genau.

Doppelstern (Zeichnung): Wie eine kosmische Uhr
dpa / Stuart Littlefair / University of Sheffield

Doppelstern (Zeichnung): Wie eine kosmische Uhr


Göttingen - Ein internationales Wissenschaftlerteam hat ein ungewöhnliches Planetensystem entdeckt. Im Sternbild Schlange wird der Doppelstern NN Serpentis von zwei Planeten umkreist. Nach Angaben der Forscher ähnelt das System einer kosmischen Uhr: Die Sterne im Zentrum umkreisen sich auch gegenseitig - und zwar so, dass der größere den kleineren Stern von der Erde aus gesehen alle drei Stunden vollständig verdeckt.

Den Zeitpunkt der Bedeckung konnten die Forscher auf weniger als eine Sekunde genau messen. Der Doppelstern sei mit einer Uhr vergleichbar, die alle drei Stunden tickt, so die Wissenschaftler.

Das Sonnensystem liegt 1700 Lichtjahre von der Erde entfernt. Es handele sich erst um das zweite bekannte System dieser Art, schreibt das Team um Klaus Beuermann von der Universität Göttingen im Fachblatt "Astronomy & Astrophysics".

Die Sterne unterscheiden sich nicht nur in ihrer Größe: Der kleinere ist eine Minisonne, der größere ein Weißer Zwerg - der ausgebrannte Kern eines Sterns, der vor einer Million Jahren seine äußere Hülle verlor.

boj/dpa



insgesamt 8 Beiträge
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MartinB. 28.10.2010
1. Erstaunlich...
Erstaunlich finde ich an dieser Meldung nicht die "Uhrwerksfunktion" des Systems - da geht meine Armbanduhr genauer. Aber ich kann mich noch gut an Diskussionen erinnern, vor etwa 20 Jahren an der Uni, zwischen "ernsthaften Studenten" und "SciFi-Träumern"... Damals haben die Hobby-Physiker "gewußt", ein Doppelsternsystem könne keine Planeten haben, die Gezeitenkräfte würden jeden Trabanten zerreißen. Auch hat man "gewußt", die Existenz von Planeten in der "grünen Zone" so unwahrscheinlich wie nur etwas. (Inzwischen hat man, glaube ich, sogar schon zwei von der Sorte entdeckt.) Und überhaupt hat man "gewußt", das wahrscheinlich sowieso nur unser Sonnensystem überhaupt Planeten besitzt. Man mag sich gar nicht vorstellen, was wir noch alles wissen. Morgen.
Torfstecher, 28.10.2010
2. ...
Ich brauch 'ne neue Brille. Ich könnte schwören, auf der dem Artikel beigefügten Zeichnung drei Planeten und eine Sonne zu sehen.
Alderamin 28.10.2010
3. Uhrwerk, was sonst
Dass sich die Sterne mit der Präzision eines Uhrwerks umkreisen ist völlig normal, das schreibt das Gravitationsgesetz vor, das schon seit Newton bekannt ist. Das Wesentliche sind hier zwei andere Punkte: 1) Anhand von Abweichungen in der Bewegung der beiden Sterne konnte darauf geschlossen werden, dass das Doppelsternsystem Planeten hat. Also ist wesentlich, dass die Bewegung der Sterne eben gerade nicht so exakt ist, wie es das Gravitationsgesetz für zwei Sterne ohne Begleiter verlangen würde. Die Umlaufzeit von 3 Stunden ist außergewöhnlich kurz und erlaubt daher zahlreiche Messungen in einem kurzen Zeitraum. 2) Es galt vor kurzem noch, dass Doppelsterne vermutlich keine Planeten haben, da man in der Planetenentstehung einen Mechanismus sah, wie die zu einem Stern kollabierende Gas- und Staubwolke Drehimpuls loswerden könnte. Wenn 2 Sterne zusammen entstehen, können diese den Drehimpuls bereits unter sich aufteilen. Zudem wurde angenommen, dass Planetenbahnen in Doppelsternsystemen nicht besonders stabil sein könnten und etwaige Planeten früher oder später aus dem System heraus oder in einen der Sterne hinein katapultiert werden würden. Simulationen hatten allerdings gezeigt, dass solche Systeme stabil sein können, wenn die Doppelstern-Partner entweder sehr eng umeinander kreisen und die Planeten sehr weit um beide, oder umgekehrt die Sterne einen weiten Abstand haben und die Planeten einen Stern eng umkreisen. Insofern ist die Entdeckung bedeutend, als dass hier ein konkreter Fall für einen engen Doppelstern, der von Planeten umkreist wird, gefunden wurde; offenbar mit engem Doppelsternpaar, das gemeinsam umkreist wird. Wir sind immer noch am Anfang beim Verständnis der Entstehung von Planetensystemen, wie auch dieser Artikel zeigt: http://www.skyandtelescope.com/news/105108519.html. Konkret beobachtete Fälle wie der beschriebene sind daher wichtig, um die richtigen Simulationsparameter zu finden und für die Statistik von Planeten (auch bewohnbaren) insgesamt.
Toebbens 28.10.2010
4. SciFi, immer noch falsch
Zitat von MartinB.Erstaunlich finde ich an dieser Meldung nicht die "Uhrwerksfunktion" des Systems - da geht meine Armbanduhr genauer. Aber ich kann mich noch gut an Diskussionen erinnern, vor etwa 20 Jahren an der Uni, zwischen "ernsthaften Studenten" und "SciFi-Träumern"... Damals haben die Hobby-Physiker "gewußt", ein Doppelsternsystem könne keine Planeten haben, die Gezeitenkräfte würden jeden Trabanten zerreißen. Auch hat man "gewußt", die Existenz von Planeten in der "grünen Zone" so unwahrscheinlich wie nur etwas. (Inzwischen hat man, glaube ich, sogar schon zwei von der Sorte entdeckt.) Und überhaupt hat man "gewußt", das wahrscheinlich sowieso nur unser Sonnensystem überhaupt Planeten besitzt. Man mag sich gar nicht vorstellen, was wir noch alles wissen. Morgen.
Wahrscheinlich haben die Physiker ehr gewußt, daß Doppelsternsysteme dann keine stabilen Bahnen für Planeten haben welche nur einen der beiden Sterne umkreisen. Eine Situation wie hier, mit zwei nahe beieinander liegenden Sternen und weit außen kreisenden Planeten, ist natürlich möglich. Viele andere Kombinationen von Größe und Abstand gehen auch. Aber der bei SciFi-Autoren so beliebte erdähnliche Planet mit zwei Sonnen, der geht nicht.
bestoffive 28.10.2010
5. Danke
Zitat von AlderaminDass sich die Sterne mit der Präzision eines Uhrwerks umkreisen ist völlig normal, das schreibt das Gravitationsgesetz vor, das schon seit Newton bekannt ist. Das Wesentliche sind hier zwei andere Punkte: 1) Anhand von Abweichungen in der Bewegung der beiden Sterne konnte darauf geschlossen werden, dass das Doppelsternsystem Planeten hat. Also ist wesentlich, dass die Bewegung der Sterne eben gerade nicht so exakt ist, wie es das Gravitationsgesetz für zwei Sterne ohne Begleiter verlangen würde. Die Umlaufzeit von 3 Stunden ist außergewöhnlich kurz und erlaubt daher zahlreiche Messungen in einem kurzen Zeitraum. 2) Es galt vor kurzem noch, dass Doppelsterne vermutlich keine Planeten haben, da man in der Planetenentstehung einen Mechanismus sah, wie die zu einem Stern kollabierende Gas- und Staubwolke Drehimpuls loswerden könnte. Wenn 2 Sterne zusammen entstehen, können diese den Drehimpuls bereits unter sich aufteilen. Zudem wurde angenommen, dass Planetenbahnen in Doppelsternsystemen nicht besonders stabil sein könnten und etwaige Planeten früher oder später aus dem System heraus oder in einen der Sterne hinein katapultiert werden würden. Simulationen hatten allerdings gezeigt, dass solche Systeme stabil sein können, wenn die Doppelstern-Partner entweder sehr eng umeinander kreisen und die Planeten sehr weit um beide, oder umgekehrt die Sterne einen weiten Abstand haben und die Planeten einen Stern eng umkreisen. Insofern ist die Entdeckung bedeutend, als dass hier ein konkreter Fall für einen engen Doppelstern, der von Planeten umkreist wird, gefunden wurde; offenbar mit engem Doppelsternpaar, das gemeinsam umkreist wird. Wir sind immer noch am Anfang beim Verständnis der Entstehung von Planetensystemen, wie auch dieser Artikel zeigt: http://www.skyandtelescope.com/news/105108519.html. Konkret beobachtete Fälle wie der beschriebene sind daher wichtig, um die richtigen Simulationsparameter zu finden und für die Statistik von Planeten (auch bewohnbaren) insgesamt.
Einfach nur ein Dankeschön für diesen Kommentar. Er hat das, wofür ich eigentlich den ursprünglichen Artikel gelesen habe, in einen erweiterten Horizont gestellt und bewertet. Vielleicht ist das die Zukunft der Wissenschaftsredaktion von SpiegelOnline: Redakteure übersetzen eine AP-Meldung, kramen nach hübschen Farbfotos im Archiv, und fachkundige Leser ergänzen die fehlenden 90%.
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