Dramatischer Klimawandel Pluto-Atmosphäre verblüfft Astronomen

Auch fern der Erde wandelt sich das Klima: Wie neue Beobachtungen vermuten lassen, verändert sich die eisige Atmosphäre des äußersten Planeten Pluto auf dramatische Weise.




Acht Planeten des Sonnensystems sind durch Sonden gut erforscht, doch von Nummer neun existieren nur wenige schemenhafte Bilder. Um mehr über Pluto herauszufinden, waren im vergangenen Monat Wissenschaftler und Amateurastronomen nach Südamerika aufgebrochen: Von dort aus war die seltene Bedeckung eines Sterns durch den äußersten Trabanten zu beobachten.

Hubble-Aufnahme von Pluto: "Drastische Änderungen in der Atmosphäre"
NASA; ESA

Hubble-Aufnahme von Pluto: "Drastische Änderungen in der Atmosphäre"

Bei dem Ereignis, so das Kalkül der Forscher, sollte das Sternenlicht die dünne Pluto-Atmosphäre durchleuchten und die Klimaverhältnisse auf dem eisigen Außenposten enthüllen. Jetzt haben Teilnehmer der internationalen Kampagne erste Ergebnisse der Verdunklung vorgestellt: Demnach unterliegt die Gashülle des Planeten derzeit einem dramatischen Wandel.

Die letzte Sternbedeckung durch Pluto hatten Wissenschaftler 1988 beobachtet. "In den vergangenen 14 Jahren hat es mindestens eine gravierende Änderung in Plutos Gashülle gegeben", erklärt Marc Buie vom Lowell Observatory in Flagstaff, Arizona. Dem Astrophysiker ist es gelungen, die Lichtkurve der Bedeckung aufzuzeichnen, mit der sich Rückschlüsse auf die Atmosphäre des Trabanten ziehen lassen.

Astrophysiker Buie in Chile: "Wir hatten perfekte Bedingungen"
Oscar Saa / CTIO

Astrophysiker Buie in Chile: "Wir hatten perfekte Bedingungen"

Wie Buie berichtet, erfährt die Pluto-Hülle "eine planetare Abkühlung". Um elf bis 31 Grad Celsius sei die Temperatur der eisigen Atmosphäre in diesem Zeitraum gefallen, schließt der Forscher aus seiner Messkurve. Dabei gehörte der Planet mit minus 210 Grad Celsius Oberflächentemperatur auch bislang schon zu den frostigsten Plätzen im Sonnensystem.

Die meisten von Buies Kollegen hatten weniger Glück mit dem störrischen Studienobjekt: Schlechtes Wetter und technische Schwierigkeiten führten zu einer bescheidenen Datenausbeute. Probleme bereitete auch der Stern, der von Pluto verdunkelt werden sollte. "Wenige Wochen vor der Bedeckung stellte sich heraus, dass es sich um einen Doppelstern handelt", sagt der Physiker Mike Kretlow, der als deutscher Teilnehmer an der Kampagne beteiligt war. "Die Prognose-Rechnungen hatten es also mit einem Vierfach-System zu tun."

Zwei eng benachbarte Sterne und dazu Pluto mit seinem Mond Charon - diese Gemenge-Lage war anscheinend zu viel für die Astronomen und ihr Prognose-Modell. Kretlow: "Kurz vor dem Ereignis ergaben genauere Vorhersage-Rechnungen plötzlich eine stark nach Norden verschobene Beobachtungsregion." Diese Nachricht kam aber zu spät für viele Teams, die sich bereits vor Ort eingerichtet hatten.

Die Nordverschiebung bewirkte auch, dass einige der reservierten Sternwarten aus dem Rennen waren: Auch sie lagen außerhalb der Beobachtungszone. Nun schlug die Stunde der mobilen Teleskope. Aber an vielen Standorten verstellten irdische Wolken den Blick auf den Eisplaneten. Mark Buie hatte im Grenzgebiet zwischen Chile und Peru dagegen freie Sicht: "Wir hatten perfekte Bedingungen", mailte er an seine Mitstreiter. Nur einem weiteren französischen Team vom Observatoire de Paris gelang ebenfalls die Beobachtung.

Buies Messungen geben neue Rätsel auf. Die Lichtkurve unterscheidet sich deutlich von der aus dem Jahr 1988, es fehlt die starke Lichtdämpfung in der Nähe der Pluto-Oberfläche. Die Forscher hatten diese bislang als Smogschicht oder Temperaturgefälle interpretiert. "Eine gewisse Veränderung hatten wir erwartet, weil der Planet sich von der Sonne entfernt", sagt Buie und räumt ein: "Wir können die drastischen Änderungen in Plutos Atmosphäre nicht vollständig erklären. Eine Plutosonde, derzeit Zankapfel im US-Kongress, sei "die beste Möglichkeit, das Puzzle zusammenzusetzen".

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