Satellitenbild der Woche Panik im Paradies

Irgendwo nahe den Flüssen Euphrat und Tigris soll der Garten Eden liegen, heißt es. Doch derzeit herrscht dort die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten.
Assadsee mit Tischrin-Talsperre an der engsten Stelle

Assadsee mit Tischrin-Talsperre an der engsten Stelle

Foto: Copernicus Sentinel Data / Eo Browser

Am Ufer des Euphrat im Norden Syriens ging es schon immer kriegerisch zu. Hier liegt eine alte Burg mit einer bewegten Geschichte. Qalʿat Nadschm oder die Sternenburg, so die Übersetzung, wurde wohl einst an der Stelle einer alten römischen Siedlung errichtet. Im Laufe der Zeit eroberten verschiedene arabische Familienclans und später die Mongolen die Festung. Mehrmals zerstörten Feinde die auf einer Anhöhe liegenden Gemäuer, doch immer wieder wurde sie aufgebaut. Selbst in jüngerer Zeit hörten die Kämpfe um die Burg nicht auf. Zuletzt jagten die Demokratischen Kräfte Syriens sie dem »Islamischen Staat« ab, das war im Juni 2016.

Ein paar Meter flussabwärts von der alten Sternenburg liegt die Tischrin-Talsperre. Sie ist für Syrien für die Stromgewinnung von genauso großer Bedeutung, wie der Fluss für die Wasserwirtschaft des Landes. Über 600 Megawatt Leistung sind die Tischrin-Turbinen in der Lage zu produzieren, beim Tabqa-Staudamm, der den Euphrat weiter südlich zum bis zu zehn Kilometer breiten Assadsee aufstaut, sind es mehr als 820 Megawatt.

Burg Qalʿat Nadschm in Syrien

Burg Qalʿat Nadschm in Syrien

Foto: Hovalp / CC BY-SA 2.0 / wikimedia commons

Doch derzeit muss das Land um seinen Ertrag aus der Wasserkraft bangen, und darüber hinaus drohen noch weitere, möglicherweise viel schlimmere Folgen. Denn der Wasserstand des Flusses, der im Südosten der Türkei entspringt, steht auf einem historisch niedrigen Level. So kann kaum noch Strom erzeugt werden. Ähnliches erlebte kürzlich der Oroville-Staudamm in Kalifornien. Auch dieses bedeutende Kraftwerk für den Westen der USA musste bereits wegen Ertraglosigkeit abgeschaltet werden.

Der Euphrat und auch sein weiter östlich verlaufender Nachbarfluss Tigris sind die wichtigsten Flüsse in Vorderasien. Sie prägen das Leben der Menschen seit den ersten Hochkulturen in Mesopotamien, lieferten im Zweistromland Wasser für Landwirtschaft und Viehzucht. Laut der Genesis soll sich das Paradies irgendwo bei den Strömen befinden, die gemeinsam in den Golf von Persien münden.

Und für Trinkwasser sowie Landwirtschaft und Fischerei spielen die Wasseradern auch heute noch eine entscheidende Rolle – nicht nur für die Stromgewinnung, die Klimaanlagen antreibt. Rund zwölf Millionen Menschen in Syrien und im Irak könnten von der Wasserkrise betroffen sein, warnte die NGO Norwegian Refugee Council (NRC) kürzlich .

Tabqa-Staudamm am Assadsee

Tabqa-Staudamm am Assadsee

Foto: Amaq News Agency / AP

»Unser größtes Problem ist Wasser. Menschen, Tiere und Land – wir alle sind zum Leben auf Wasser angewiesen«, sagte ein Bauer aus der Region gegenüber dem NRC. Laut den Angaben werden für dieses Jahr starke Einbußen bei der Weizenproduktion erwartet.

Laut Angaben des irakischen Wasserressourcenministers Mahdi Rasheed al Hamdani sollen die Pegel von Euphrat und Tigris nur halb so hoch wie im letzten Jahr sein. Der Grund dafür liegt in einer heftigen, schon Jahre anhaltenden Dürre, es sei die schlimmste seit Jahrzehnten. Syrien hat in den letzten zwei Jahren nur 50 bis 70 Prozent der normalen Niederschlagsmengen verzeichnet. Rund 400 Quadratkilometer landwirtschaftliche Nutzfläche sind bedroht.

Zeiten mit weniger Niederschlägen hatte es in der Region immer mal gegeben. Beispielsweise im Jahr 2014 waren rund um Aleppo Ernteausfälle aus solchen Gründen verzeichnet worden. Doch seit den Siebzigerjahren wird ein allgemeiner Trend zu mehr Trockenheit beobachtet, in den niederschlagsreicheren Wintern fiel im Durchschnitt weniger Regen.

Messungen der Nasa-Satelliten »Grace« hatten ergeben, dass das Wasservorkommen im Euphrat-Tigris-Becken in den Jahren 2003 bis 2009 stärker zurückging als in fast jeder anderen Region der Welt. Zunehmend gehen Forscher davon aus, dass der Trend zu heftigeren Dürren auch hier mit dem menschengemachten Klimawandel zusammenhängt. Ein mancherorts schlechtes Wassermanagement, etwa durch den Bau von Zehntausenden teils illegalen Brunnen, sowie steigender Bevölkerungsdruck verschlimmert die Lage weiterhin.

Teile des einst so fruchtbaren Halbmonds, der die Menschheit vor mehr als 10.000 Jahren zur Landwirtschaft inspirierte, drohen nun erneut zu einer Katastrophenregion zu werden. Im gebeutelten Syrien könnte das die Lage weiter verschlechtern.

»Die Wasserkrise wird sich zwangsläufig verschlimmern. Es wird wahrscheinlich den Konflikt in einer bereits destabilisierten Region verstärken«, sagte Gerry Garvey, Regionaldirektor des dänischen Flüchtlingsrates für den Nahen Osten. Schon jetzt steige mancherorts die Zahl an Infektionen, verursacht durch verunreinigtes Trinkwasser.

Dass der Klimawandel so langfristig auch Kriege um Wasser und Ressourcen entfachen könnte, befürchten Expertinnen und Experten schon länger. Auch der Krieg in Syrien, der einen großen Flüchtlingsstrom nach Europa nach sich zog und Hunderttausende Menschenleben forderte, könnte sich laut einer Studie von Colin Kelley  von der University of California letztlich an einer Dürre entzündet haben. Sie begann 2006 und dauerte bis 2010. Zwar dürfte die Trockenheit längst nicht die einzige Ursache gewesen sein. Aber mit Blick auf die aktuelle Lage eröffnet das eine beunruhigende Aussicht in die Zukunft.

joe
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