Ehrgeiziger Plan Bush will Mondstation und bemannten Marsflug verkünden

George W. Bush macht Ernst mit seinen ehrgeizigen Weltraum-Plänen. In der kommenden Woche wird der US-Präsident Regierungskreisen zufolge den Aufbau einer Mondbasis und einen bemannten Flug zum Mars ankündigen. Er plane einen "Kennedy-Moment", wie der legendäre Vorgänger, der 1961 die erste Mondlandung versprach.


George W. Bush: Ehrgeizige Pläne für die Eroberung des Alls
AP

George W. Bush: Ehrgeizige Pläne für die Eroberung des Alls

Die Gerüchte, die seit Monaten in Washington kursieren, sind anscheinend zutreffend: US-Präsident George W. Bush will nach Berichten amerikanischer Medien eine massive Ausweitung der bemannten Raumfahrt verkünden. Die Initiative soll nicht nur eine Rückkehr zum Mond und den Aufbau einer permanenten Forschungsbasis auf dem Erdtrabanten beinhalten, sondern auch einen bemannten Flug zum Mars. Die Forschungsstation soll den Berichten zufolge innerhalb der nächsten zehn Jahre entstehen. Der US-Sender CNN meldete dagegen, die Nasa plane die Mondmission für das Jahr 2018.

Bush-Sprecher Scott McClellan bestätigte, dass der Präsident Mitte nächster Woche eine programmatische Rede zum Raumfahrtprogramm halten werde. Darin werde Bush die Konsequenzen aus der Untersuchung zum Absturz der Raumfähre "Columbia" ausführen. Ursprünglich war die Grundsatzrede zur Raumfahrt schon zum 100. Jahrestag des Pionierflugs der Gebrüder Wright erwartet worden. Bush hatte zu diesem Anlass im Dezember jedoch lediglich erklärt, dass die USA weiter eine führende Stellung in der Luftfahrt einnehmen würden.

"Kennedy-Moment" im Wahljahr

Die ehrgeizigen Ziele sollen neuen Schwung in das amerikanische Raumfahrtprogramm bringen, dessen Zukunft nach der "Columbia"-Katastrophe im Februar vergangenen Jahres ungewiss schien. Zugleich will der Präsident seinen Wahlkampf in diesem Jahr mit einem zukunftsträchtigen Thema besetzen, das breite Unterstützung in der Öffentlichkeit findet.

Apollo-15-Astronaut James Irwin auf dem Mond: Rückkehrpläne nach 31 Jahren?
AP/ NASA

Apollo-15-Astronaut James Irwin auf dem Mond: Rückkehrpläne nach 31 Jahren?

Bush werde "die Menschen emotional um ein großes nationales Ziel scharen", sagte ein Berater des Präsidenten der "Washington Post". Ein anderer Regierungsbeamter sagte der Zeitung, Bush plane einen "Kennedy-Moment". Präsident John F. Kennedy hatte 1961 die amerikanische Öffentlichkeit mit der Ankündigung einer bemannten Reise zum Mond innerhalb eines Jahrzehnts hinter sich gebracht.

Völlig unklar ist allerdings die Finanzierung des Mammut-Projekts. Bush werde die Regierung anweisen, unverzüglich mit den Vorbereitungen für den Aufbau der Mondstation zu beginnen, berichtete die "Washington Post". Das erklärte Ziel sei, damit einen bemannten Flug zum Mars zu ermöglichen. Angaben über die Kosten aber gebe es nicht.

Zweifel an Finanzierbarkeit

Der Jahresetat der Nasa liegt derzeit bei 15 Milliarden Dollar. Als Präsident George Bush, der Vater des jetzigen Amtsinhabers, 1989 Pläne für die Rückkehr zum Mond und einen Flug zum Mars vorstellte, bezifferte die Nasa die Kosten auf rund 400 Milliarden Dollar - woraufhin Bush den Plan fallen ließ.

Nasa-Vision einer Mondbasis: "Es kostet viel Geld"
NASA

Nasa-Vision einer Mondbasis: "Es kostet viel Geld"

Selbst die Befürworter der Weltraum-Initiative innerhalb der Regierung seien deshalb der Meinung, dass das Projekt dem US-Kongress nur schwierig zu verkaufen sein dürfte: Die Kosten seien ebenso gewaltig wie das derzeitige Haushaltsdefizit der USA - gegenwärtig rund 500 Milliarden Dollar. Entsprechend kontrovers ist das Thema in der Regierung. Einer von Bushs Beratern spottete gegenüber der "Washington Post" über die "Mission zum Pluto", die seiner Meinung nach "verrückt" sei: "Es kostet viel Geld, und wir haben kein Geld. Dieser Plan lässt Bushs Worte über fiskalische Zurückhaltung wie eine Täuschung aussehen."

"Technologietransfer" zwischen Nasa und Pentagon

Mancher Wissenschaftler sieht das ähnlich. "Das einzig Gute an den Kosten einer Siedlung auf dem Mond ist, dass sie die Internationale Raumstation ISS billig werden aussehen lassen", lautete der lakonische Kommentar von Physik-Nobelpreisträger Douglas Osherhoff, der an der Aufklärung der "Columbia"-Katastrophe beteiligt war. "Ich glaube, dass wir noch 30 Jahre von einer Reise zum Mars entfernt sind."

Nasa-Experten sind naturgemäß anderer Meinung. "Man kann die bereits existierende Infrastruktur nutzen und mit einer bescheidenen Investition innerhalb von fünf bis zehn Jahren zum Mond zurückkehren", sagte Paul Sprudis von der Johns Hopkins University in Baltimore. "Man muss den Nasa-Etat nicht verdoppeln."

Nasa-Direktor Sean O'Keefe bezeichnete die aktuellen Mars-Roboter "Spirit" und "Opportunity" als "Vorhut", die die Verhältnisse auf dem Roten Planeten erkunden solle. "Wenn wir erst einmal herausgefunden haben, wie wir mit den Auswirkungen auf den Menschen fertig werden, können wir Menschen den Mars erforschen lassen", sagte O'Keefe.

Ein Grund für die amerikanische Eile dürften auch die europäischen und vor allem die chinesischen Raumfahrt-Programme sein. Kurz nach den Berichten über Bushs Weltraum-Initiative kündigte China an, sein Weltraumprogramms ebenfalls auszuweiten. Nach dem erfolgreichen Flug des ersten Taikonauten im vergangenen Herbst soll 2005 ein Raumschiff mit mehreren Besatzungsmitgliedern ins All starten, wie zwei chinesische Zeitungen berichteten. Die US-Pläne wollte China nicht kommentieren. Das Außenministerium in Peking gratulierte den USA lediglich zur erfolgreichen Landung von "Spirit".

Im Weltraum erkennt Bush offenbar längst nicht nur ein Feld für die Wissenschaft. Seine Regierung, hieß es in Washington, sehe in der Eroberung des Alls auch ein wichtiges sicherheitspolitisches Thema. Künftig, sagten Mitglieder des Kongresses, werde es einen stärkeren "Technologietransfer" zwischen der Nasa und dem Verteidigungsministerium geben.



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