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Mars-Experiment: Ab in die Röhre

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Ergebnisse von "Mars500"-Experiment "Wir nennen es die männliche Regel"

Sechs Menschen verharren 520 Tage lang in einer Röhre: Die Luke von "Mars500" wurde soeben geschlossen - schon liefert das Experiment die ersten verblüffenden Erkenntnisse. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der betreuende Mediziner Jens Titze, warum auch Männer einen Hormonzyklus haben.

SPIEGEL ONLINE: In Moskau ist an diesem Donnerstag das Experiment "Mars500" gestartet. Für 520 Tage wird eine sechsköpfige Crew in eine Raumschiffattrappe gesperrt und simuliert einen Flug zum Roten Planeten. Sie betreuen das Projekt mit - was interessiert einen Molekularmediziner an der Dauerisolation?

Titze: Die Russen interessiert vor allem, wie Menschen auf die extreme Isolation während eines möglichen Langzeitflugs im All reagieren. Mich dagegen reizen solche Weltraumsimulationen, weil sie auch einmalige Gelegenheiten bieten für die Erforschung ungeklärter medizinischer Fragen irdischer Natur.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie genau?

Titze: Die Männer befinden sich 520 Tage lang in einer Art Käfig, wir können zu 100 Prozent kontrollieren, wie sie sich ernähren und wie sie sich verhalten. Weil es keine störenden Umwelteinflüsse gibt, liefert die Studie medizinische Daten höchster Qualität - und mitunter verblüffende Ergebnisse. Während einer Vorläuferstudie über 105 Tage im vergangenen Jahr haben wir die Urinproben der Crew ausgewertet und sind auf periodische Schwankungen der Hormone gestoßen, ein Phänomen, das wir "männliche Regel" nennen.

SPIEGEL ONLINE: Ein 28-Tage-Zyklus wie bei Frauen?

Titze: Ja, es gibt Steroidhormone beim Mann, die zyklisch schwanken. Diesen Rhythmus hat man noch niemals zuvor beobachtet. Bisher ging man davon aus, dass der Hormonspiegel bei Männern eher konstant bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bei Männern demnach auch periodische Stimmungsschwankungen?

Titze: Dazu können wir zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen. Wir können ja nicht aus den Urinproben auf die jeweilige Laune des Probanden schließen. Und natürlich sind die 105 Tage aus der Vorläuferstudie im Vergleich zur jetzt folgenden Langzeitstudie eine ziemlich kurze Zeit. Wir müssen jetzt "Mars500" nutzen, um weiter zu forschen. Sicher wissen wir nur, dass zum Beispiel das Aldosteron definitiv im 28-Tage-Rhythmus schwankt, andere Steroidhormone wie Cortisol und Testosteron haben aber vielleicht einen Zyklus von sieben oder 14 Tagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ausgerechnet bei einem Weltraumexperiment die hormonelle Taktung von Männern zu untersuchen?

Titze: Das ist ein Nebenprodukt unserer Hauptarbeit. Eigentlich wollen wir bei "Mars500" nachweisen, dass ein zu hoher Kochsalzkonsum zu Bluthochdruck führt. 15 bis 20 Millionen Menschen leiden in Deutschland an dieser Volkskrankheit. Neben Diabetes ist Bluthochdruck der Hauptgrund von Arterienverkalkung und Herzkreislauferkrankungen wie Herzinfarkten und Schlaganfällen.

SPIEGEL ONLINE: Das scheint banal. Dass zu viel Salz Bluthochdruck begünstigt, wird doch schon seit langem vermutet.

Titze: Aber beim Menschen ist noch nicht eindeutig geklärt, wie stark dieser Effekt auf Dauer tatsächlich ist. Das Problem ist, dass man unmöglich bei menschlichen Versuchsteilnehmern rund um die Uhr kontrollieren kann, was sie wann essen, zumindest unter normalen Umständen. Es gibt nur Studien an Tieren, die mechanistisch belegen, wie eine Senkung der Salzaufnahme den Blutdruck reduzieren kann. Aus ersten Erfahrungen wissen wir aber, dass die Daten, die uns "Mars500" liefert, jedes Tierexperiment schlagen. Es ist eine einmalige Möglichkeit, diesen Zusammenhang auch beim Menschen eindeutig nachzuweisen. Wir waren bei der Vorstudie überrascht, wie sehr der Blutdruck auch beim Menschen fällt, wenn weniger Salz gegessen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie kontrollieren Sie die Nahrungsaufnahme der Crew?

Titze: Wir haben für jedes Crewmitglied für jeden Tag individuell drei Hauptmahlzeiten zusammengestellt und zwei Snacks. Insgesamt sind es etwa 15.000 Mahlzeiten während der gesamten Testdauer. Das sind im Wesentlichen Fertiggerichte wie bei "Essen auf Rädern". Mit der Zeit reduzieren wir die tägliche Kochsalzmenge von zwölf auf sechs Gramm und beobachten, wie sich das auf den Körper auswirkt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ein bisschen fad.

Titze: Vor allem sprechen wir über Salze, die wir jeden Tag versteckt mit der Nahrung aufnehmen. Sie stecken in der Fertigpizza ebenso wie in Pökelfleisch und Schinken oder in Tütensuppen. Die Männer werden den Salzentzug kaum merken.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau