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Spektakuläres Missions-Ende Sonde "Rosetta" funkt Abschiedsfotos von Tschuri

Mit einem gezielten Crash ist die Mission der Raumsonde "Rosetta" zu Ende gegangen. Bis zur letzten Sekunde sendete der Forschungsroboter noch Fotos und Messdaten. Dann wurde es emotional im Kontrollraum.

Als irgendwo zwischen Mars und Jupiter das unwiderrufliche Ende kommt, weiß man in Darmstadt noch von nichts. Natürlich liegt es in der Luft, dass es irgendwann jetzt soweit sein muss. Aber im Moment des Zusammenstoßes - und für rund 40 Minuten danach - bleiben alle hier, die Experten im Satellitenkontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa, die Wissenschaftler, die Ehrengäste und Journalisten im Ungewissen. So lange brauchen Funksignale für die fast 720 Millionen Kilometer quer durchs Sonnensystem bis nach Südhessen.

Um 13.19 Uhr schließlich ist es soweit. Dann verschwindet die charakteristisch gelbe Linie von "Rosettas" Trägersignal von der großen Leinwand im Kontrollzentrum. Für ein paar Augenblicke sagt niemand etwas, dann setzt Flugdynamik-Experte Sylvain Lodiot das Headset ab. Er umarmt seine Kollegen, einen nach dem anderen. Projektwissenschaftler Matt Taylor kämpft währenddessen mit den Tränen. Nach Sprechen ist ihm auch später noch nicht zumute.

"Es ging bis zur letzten Sekunde alles gut", sagt Esa-Flugdirektor Paolo Ferri wenig später. "Die Wissenschaftler dürften sehr zufrieden sein." Doch auch der Italiener, der zwanzig Jahre mit an der Mission gearbeitet hat, ist sichtlich bewegt. "Sehr schlecht, sehr schlecht" fühle es sich an, das Ende von "Rosetta". "Es ist ein trauriger Moment."

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"Rosetta"-Mission: Finaler Crash auf Tschuri

Foto: dpa

Wie geplant, ist die Sonde also auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko aufgeschlagen. Damit ist eine der erfolgreichsten Raummissionen der vergangenen Jahre Geschichte, mehr als zwölf Jahre nach dem Start von der Erde und zwei Jahre nachdem das Raumfahrzeug sein Ziel erreicht hatte. "Eine sehr coole, faszinierende, unglaublich datenreiche Mission", sagt Airbus-Chef Tom Enders, bei dem die Sonde einst gebaut worden war.

"Rosettas" Komet, seine Form erinnert entfernt an eine Badewannenente, ist mittlerweile 575 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Deswegen ging der Sonde zunehmend die Energie aus - und man beschloss bei der Esa das Ende der Mission.

Doch das Ganze ist auch mit dem gezielten Absturz vom Freitag noch nicht zu Ende: "Wir werden jahrzehntelang mit der Auswertung der Daten zu tun haben", hatte Projektwissenschaftler Matt Taylor unmittelbar vor dem Impakt erklärt - jedenfalls, wenn die Forscher so lange auch Geld für die entsprechende Arbeit bekommen. Bislang sind nach Esa-Angaben 672 wissenschaftliche Artikel auf Basis von "Rosetta"-Daten geschrieben worden, die Veröffentlichung von weiteren 50 stehe unmittelbar bevor.

Aufprall mit einem Meter pro Sekunde

Nach den Schätzungen der Experten dürfte es kein furioser Crash gewesen sein, der "Rosetta" - wenn man das mal so formulieren darf -, das Leben kostete. Zunächst gab es am späten Donnerstagabend das entscheidende Bremsmanöver, bei dem das Triebwerk noch einmal für 208 Sekunden gezündet wurde. Dann legte der Forschungsroboter die 19-Kilometer zwischen seiner letzten Umlaufbahn und der Kometenoberfläche im freien Fall zurück - aber im Tempo eines gemütlichen Spaziergängers, mit unter einem Meter pro Sekunde.

Dass vor allem die mehr als 30 Meter messenden Solarmodule der Sonde den Crash überstanden haben dürften, ist trotzdem unwahrscheinlich. Die Reste von "Rosetta" kreisen also vermutlich für Tausende von Jahren als ein Haufen Hightechschrott mit ihrem Kometen um die Sonne. Aber vielleicht würde die Sonde sogar noch funktionieren, theoretisch jedenfalls. Oder aber, auch das ist möglich, sie ist nach ihrem ersten Kontakt mit dem Kometen abgeprallt - und in die Weiten des Alls entschwunden.

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"Rosette"-Missionsfinale: Liebesgrüße vom Kometen

Foto: ESA/ Rosetta/ MPS

"So sind die Regeln"

Genau weiß das niemand. Denn erstens wurde der Absturz nicht direkt beobachtet. Und zweitens hat "Rosetta" beim Kontakt mit der Kometenoberfläche ihren Sender abgestellt, vollautomatisch. Das entsprechende Kommando haben die Esa-Fachleute vor dem Crash über ein Softwareupdate eingespielt. "Wir wollten ein sauberes Ende", sagt Flugdirektor Ferri. Es gehe darum, dass andere Raummissionen nicht gestört werden dürfen. "So sind die Regeln."

Was hat "Rosetta" nun herausgefunden? Zum Beispiel...

  • dass der Komet stinkt - und zwar nach vergammelten Eiern, Katzenurin und Bittermandeln. Den Duft hat eine britische Firma sogar im Auftrag der beteiligten Forscher nachgebaut.
  • dass es zahlreiche organische Verbindungen auf dem Kometen gibt, darunter die Aminosäure Glycin, einen Baustein des Lebens.
  • dass sich das Wasser auf Tschurjumow-Gerassimenko chemisch von dem auf der Erde unterscheidet. Damit ist es eher unwahrscheinlich, dass Kometen das Wasser auf unsere Erde gebracht haben.

Der letzte Ruheplatz der Sonde liegt in der Nähe einer aktiven Region des Kometen. Aus dem von den Astronomen Ma'at genannten Gebiet schießen aus etwa 50 Meter tiefen Kometentrichtern regelmäßig Fontänen aus Gas und Staub ins All, ein besonders attraktives letztes Beobachtungsziel.

Die Landestelle liegt nur etwa zwei Kilometer von dem Ort entfernt, an dem der im November 2014 abgesetzte Roboter "Philae" liegt. Dessen Mission war wegen Problemen mit der Landetechnik turbulent verlaufen, doch für etwa 60 Stunden hatte das Gerät wertvolle Daten sammeln können. Und auch "Rosetta" fotografierte und maß tapfer bis zur letzten Sekunde. "Philae" sollte dabei allerdings nicht zu sehen gewesen sein, allerdings war der Lander kürzlich nach monatelanger Suche gefunden worden - siehe folgende Fotostrecke.

Fotostrecke

Komet Tschuri: "Philae" gefunden

Foto: ESA/ Rosetta/ MPS

Die Daten von "Rosettas" 13,5 Stunden langem letzten Abstieg konnten wegen des bevorstehendes Crashs nicht auf der Sonde zwischengespeichert werden. Also wurden sie sofort zur Erde gefunkt. Um Kapazitäten zu schonen, waren nur noch sieben der elf Messgeräte angeschaltet. Darauf hatten sich die beteiligten Wissenschaftler vorab geeinigt.

"Wir sehen den Abstieg mit offenen Augen"

Gut eine Stunde nach dem offiziellen Ende der Mission tritt schließlich Holger Sierks in Darmstadt vor die Journalisten. Er arbeitet am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen und leitet das Team, das für die Kamera auf "Rosetta" verantwortlich war. Er zeigt Sequenz quadratischer Schwarz-Weiß-Fotos, zusammengestellt zu einem kleinen Film.

Darauf zu sehen: Kleine helle Steinchen, die näher- und näherkommen. Sie sehen ungefähr so aus, wie wenn man einen Weg im Stadtpark fotografieren würde. Besonders ist aber die Auflösung der Bilder, ein paar Millimeter pro Pixel. Und, wahrscheinlich noch wichtiger: Es sind die letzten Bilder der Sonde, die Aufnahme ganz am Ende der Serie ist komplett weiß. "Wir sehen tatsächlich den Abstieg der Raumsonde mit den offenen Augen", sagt Sierks.

Alles in allem hat die Mission nach Esa-Angaben 1,3 Milliarden Euro gekostet, 290 Millionen davon kamen aus Deutschland. Dort wurde der "Philae"-Lander auch gebaut und gesteuert. "Rosetta" ist es gelungen, breite Teile der Öffentlichkeit zumindest für ein paar Augenblicke wieder für die Weltraumforschung zu begeistern. Der Roboter wurde zum globalen Medienstar und zum Liebling in den sozialen Netzwerken. Und auch zum Abschied hat er noch einmal ungeheure Aufmerksamkeit bekommen. Bei der Esa können und werden sie froh darüber sein.

Streit ums Geld

Im Oktober versucht sich dann eine andere Sonde der Europäer an einer Landung auf dem Mars. Bei der Mission "ExoMars" geht es unter anderem darum, die Bremstechnik für zukünftige Reisen zum Roten Planeten auszuprobieren. Nur wird es dann keine so schönen Bilder wie bei "Rosetta" geben - weil nur eine sehr kleine Schwarz-Weiß-Kamera an Bord des Landemoduls "Schiaparelli" ist, die maximal 15 Fotos vom Landeanflug liefern kann.

Richtig ungemütlich wird es dann Anfang Dezember - aber nicht im fernen Kosmos, sondern hier auf der Erde. Dann treffen sich die Esa-Staaten im schweizerischen Luzern. Sie müssen sie die Frage beantworten, wie viel Geld sie sich zukünftige Missionen - unbemannte wie "Rosetta", aber ebenso die Flüge von Raumfahrern zur ISS - kosten lassen wollen. Dem Treffen geht monate-, ja jahrelanger Streit voraus. Denn wer über Bilder und Forschungsergebnisse aus den Tiefen des Alls jubeln will, muss das Geld dafür lockermachen.

Oder wie es US-Forscher Alan Stern ausdrückt, Chefwissenschaftler der Pluto-Sonde "New Horizons" und auch mit einem Experiment bei "Rosetta" beteiligt und deswegen nach Darmstadt gekommen: "Das ist die wichtigste Lektion der Planetenforschung: Man muss dort hingehen."

Video aus dem Esa-Kontrollzentrum: "Für die Forscher ein emotionaler Moment"

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