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13. Juni 2010, 08:00 Uhr

Europas Weltraumorganisation Esa

Sparen bis zum Mond

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Europa steckt in der Schuldenkrise, auch die Weltraumorganisation Esa muss sparen: Spanien kann seine Zahlungen bereits jetzt nicht mehr leisten, Italien könnte folgen. Nun muss sich Esa-Chef Dordain als Sanierer etablieren - auf das Reiseziel Mond will er dennoch nicht verzichten.

Berlin - Jean-Jacques Dordain hatte schon viele Jobs, von denen andere nur träumen. Vor 30 Jahren war der Franzose einer von fünf Astronauten-Kandidaten seines Landes, die sich auf einen Flug im "Spacelab" an Bord einer US-Raumfähre vorbereiteten. Zwar erhielt ein Konkurrent den Vorzug, Dordain machte dennoch Karriere im Weltraum-Business.

Seit 2003 ist der studierte Maschinenbauer Chef der Europäischen Weltraumorganisation Esa. Doch statt große Visionen zur Eroberung des Alls zu entwerfen, muss sich Dordain derzeit mit höchst irdischen Problemen auseinandersetzen. Sparen ist angesagt in Europa - und das gilt auch für die Esa.

Europa muss sich fragen, wie viele prestigeträchtige Raumfahrtprojekte es sich angesichts der beispiellosen Wirtschafts- und Schuldenkrise noch leisten kann und will. Die Ausgaben der Esa sind derzeit eingefroren, sagt Dordain. Deswegen gebe es "noch keine dramatischen Konsequenzen" der Krise, erklärte der Esa-Chef bei der Berliner Luft- und Raumfahrtmesse ILA im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Doch erste Mitglieder haben bereits jetzt Probleme, ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Organisation einzuhalten. "Spanien überweist nicht die Gelder, die es überweisen sollte. Das ist ein Fakt", klagt Dordain. Gleichzeitig habe die Regierung in Madrid klar gemacht, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen wolle - nicht zuletzt im eigenen Interesse.

Esa soll Kredit für Spanien aufnehmen

Denn ein ausgeklügeltes System sorgt dafür, dass ein beträchtlicher Teil der eingezahlten Esa-Mittel in die jeweiligen Mitgliedstaaten zurückfließt. Dort geht es vor allem um die Förderung prestigeträchtiger Hochtechnologie-Branchen. Und die benötigt Geld und vor allem Kontinuität: "Expertise im Raumfahrtbereich ist eine Sache, die viel Zeit braucht. Es dauert zehn Jahre, die industriellen Fähigkeiten aufzubauen und zwei Monate, sie zu zerstören", sagt Dordain.

Nun soll die Esa einen Kredit in Spaniens Namen aufnehmen, damit das Geld für die Arbeit der Organisation weiter fließen kann. Die Idee dabei ist vom Euro-Rettungsschirm bekannt: Die finanziell einigermaßen unbelastete Esa kann auf den Kapitalmärkten auf mehr Gnade hoffen als die schuldengeplagten Spanier. So sollen Dordain und seine Leute Geld beschaffen, das die Regierung in Madrid dann zurückzahlen müsste. Allerdings ginge die Schuldentilgung wohl zu Lasten zukünftiger spanischer Esa-Beiträge.

Und weil diese Möglichkeit auch Probleme birgt, versuchen die Esa-Manager zunächst mit der Raumfahrtindustrie neue Zahlungsziele auszuhandeln. Denn mit Italien gibt es bereits den nächsten Wackelkandidaten. Offiziell plant die Regierung in Rom in ihrem milliardenschweren Sparpaket zwar bislang keine Kürzungen im Weltraumetat. Und doch macht man sich in der Pariser Esa-Zentrale Sorgen: "Italien könnte einige Schwierigkeiten bekommen", sagt Dordain.

Die deutsche Regierung gilt in der Esa-Spitze bislang als Musterschüler, weil sie Bildung und Forschung beim Sparen ausklammern will: "Ich sähe es gern, wenn sich alle Mitgliedstaaten im Bezug auf ihre Finanzzusagen für Esa-Programme wie Deutschland verhielten", sagt Dordain. Auch aus Frankreich gebe es bisher keine Anzeichen für gekürzte Zahlungen.

Immer wieder Rangeleien zwischen den Mitgliedstaaten

"Ich versuche mein Bestes, mich auf der einen Seite nach den finanziellen Zwängen der Mitgliedstaaten zu richten und andererseits nichts zu zerstören", sagt Dordain. Doch er bleibt oft vage, denn er weiß: Zu viel Direktheit schadet in seinem Job. Die Esa ist vom Wohlwollen ihrer 18 Mitgliedstaaten abhängig, die über das Budget entscheiden.

Wichtige Fragen stehen beim nächsten Treffen an: Bringen die Europäer das Geld auf, die Internationale Raumstation (ISS) mindestens bis zum Jahr 2020 in Betrieb zu halten? Wie sieht es mit dem Zeitrahmen für die geplante Forschungsmission "ExoMars" aus? Und was wird aus den Plänen, einen Raumtransporter zu entwickeln, der Fracht aus dem All zurück zur Erde und sogar Astronauten transportieren könnte?

Die Esa hat gelernt, mit ständigen Rangeleien zwischen ihren Mitgliedern zu leben, von denen sich manche - wie Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Großbritannien - auch noch nationale Raumfahrtprogramme leisten. "Die Zusammenarbeit von 18 europäischen Ländern, ich kann ihnen sagen" - Dordain macht eine bedeutungsschwere Pause - "das ist eine phantastische Erfahrung."

Immer wieder stellen industriepolitisch motivierte Streitigkeiten die Esa vor Herausforderungen. Aktuell zanken sich Deutschland und Frankreich, wer bei der neuen Generation von Wettersatelliten ("Meteosat Third Generation", kurz MTG) die Führungsrolle übernimmt.

Gleichzeitig ist die Organisation durchaus attraktiv. Die trotz Gründungsmitgliedschaft traditionell reservierten Briten haben ihr Engagement in den vergangenen Jahren merklich erhöht - auch wenn Dordain aufpassen muss, dass sich daraus nicht gleich die nächsten Reibereien entwickeln. So will Großbritannien beim Städtchen Harwell nahe Oxford ein Robotik-Zentrum aufbauen. Allerdings hat die Esa gerade das deutsche Robotik-Zentrum in Oberpfaffenhofen als europaweiten Referenzstandort in diesem Bereich geadelt. Doch auch dieses Problem wird gelöst werden, irgendwie.

Dordain auf dem Weg zur zweiten Amtszeit

"Wenn es etwas gibt, das wir als Europäer der Welt beibringen können, dann ist es ganz sicher die internationale Kooperation", sagt Dordain. Für die Zukunft der Raumfahrt kann das von Vorteil sein. Denn Großprojekte wie Reisen zum Mond oder Mars werden nicht ohne internationale Zusammenarbeit zu stemmen sein, allein schon wegen der exorbitanten Kosten. "Die Exploration des Weltraums ist eine Aufgabe für alle Staaten der Erde", sagt Dordain. Er hat auch klare Vorstellungen für ein Reiseziel: "Die Diskussion um den Mond ist noch nicht gelaufen. Ich glaube immer noch, dass wir dort als erstes hin sollten."

Die Stimme der Europäer bei dieser Frage könnte in Zukunft wichtiger werden. Sie werden zwar auch auf lange Sicht finanziell ein Fliegengewicht bleiben, doch sie haben Erfahrung. Klar ist: Nichts geht gegen den Willen der Amerikaner. Sie verhindern zum Beispiel, dass China, wie von den Europäern gewünscht, bei der Internationalen Raumstation mit einsteigt. Und in Zukunft werden auch die Russen wichtiger werden, schon allein weil sie nach der baldigen Stilllegung der amerikanischen Space Shuttles das Transportmonopol für Astronauten zur ISS haben werden.

Die Europäer können erstens zwischen den beiden Riesen vermitteln und sich zweitens von Fall zu Fall dem attraktiveren von beiden zuwenden. Nach Stand der Dinge wird das der Job von Jean-Jacques Dordain bleiben. Gerade hat Deutschland den Weg für eine zweite Amtszeit ab dem kommenden Jahr frei gemacht. Zuvor waren auch dem Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner, Chancen eingeräumt worden. Doch der hat inzwischen abgewinkt: Das DLR und dessen Mitarbeiter "sind mir ans Herz gewachsen", schrieb Wörner in seinem Blog. Deutschland und Frankreich unterstützten nun eine erneute Kandidatur Dordains. "Auch andere Mitgliedstaaten äußerten sich positiv zu einer weiteren Amtszeit", berichtete der DLR-Chef.

Dordain aber gibt sich vorsichtig: "Ich glaube nicht, dass das die wichtigste Frage der Esa-Zukunft ist", sagt er über die Frage seiner zweiten Amtszeit. Und doch merkt man ihm an, wie viel Spaß ihm der Job immer noch macht, Krise hin oder her. "Immerhin kann ich den Menschen sagen: Selbst wenn sie nicht das Zeug zum Astronauten haben, können sie immer noch Esa-Generaldirektor werden."

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