Falscher Asteroiden-Alarm "Rufen wir den Präsidenten an?"

Mitte Januar prophezeiten zwei Weltraumforscher wieder einmal ein Asteroiden-Desaster für die Erde. Doch daraus wurde nichts. Asteroiden-Fehlalarme gehören in der Astronomie fast zum Alltag. Eine Konferenz befasst sich jetzt mit dem Vorwarn-Dilemma.

Am 13. Januar müssen sich die Astronomen Clark Chapman und David Morrison gefühlt haben wie Hauptdarsteller in einem Blockbuster. Sie stellten sich die bange Frage: "Rufen wir den Präsidenten an?" Der Grund: Ein Asteroid mit einem Durchmesser von etwa 30 Metern war, so schien es, auf Kollisionskurs mit der Erde. Ein Objekt dieser Größe hätte zwar kaum die Menschheit vernichtet, aber gravierende Schäden anrichten können. Chapman und Morrison griffen trotzdem nicht zum roten Telefon - zu Recht, wie sich herausstellte.

Bei einer Konferenz mit dem Namen "Die Erde vor Asteroiden schützen" , die bis Donnerstag in Kalifornien stattfand, berichtete Chapman ausführlich über die "Neun-Stunden-Krise". Ein Teleskop in Mexiko hatte einen Asteroiden in Erdnähe entdeckt, der Kurs des Objekts war noch unklar. Den Wissenschaftlern standen nur vier einzelne Beobachtungen zur Verfügung - zu wenig, um eine präzise Flugbahn berechnen zu können. Die Helligkeit des Brockens schien sich jedoch ständig zu vergrößern, ein Indiz für schnelle Annäherung.

Wie der Online-Nachrichtendienst der BBC berichtet, geriet die internationale Astronomen-Szene in helle Aufregung. Steven Chesley von der Nasa verschickte eine E-Mail, in der er dem Asteroiden eine Chance von 25 Prozent einräumte, die Erde zu treffen. Seine Berechnungen brachten Chapman und Morrison dazu, über einen Anruf im Weißen Haus nachzudenken. Ein Anruf, der nach Ansicht einiger ihrer Kollegen verfrüht und falsch gewesen wäre. "Ich finde es unglaublich, dass so eine Handlung auf der Basis von nur vier Beobachtungen erwogen wurde", sagte Brian Marsden der BBC. Marsden arbeitet beim "Minor Planet Center", einer Art internationaler Zentralstelle für Beobachtungen, die Asteroiden betreffen. Auch andere Kollegen kritisierten Chapman und Morrison als Panikmacher.

Kurz nach Chesleys E-Mail machte ein Amateur-Astronom eine Beobachtung, die für Entwarnung sorgte: Er blickte durch sein Teleskop und sah, in einer an diesem Tag seltenen Wolkenlücke - nichts. Hätte sich der Asteroid 2004 AS1 tatsächlich auf Kollisionskurs befunden, der Hobby-Sterngucker hätte ihn im Sucher haben müssen. Große Erleichterung auf allen Seiten war die Folge. Nun wird, zum wiederholten Mal, diskutiert, wie mit derartigen Situationen umgegangen werden soll.

Das Dilemma: Der Weltuntergang verkauft sich gut. Nichts ist so unterhaltsam wie Todesangst, hat Theater-Schocker Christoph Schlingensief einmal festgestellt. Nicht nur Hollywood bedient sich gern des Endzeit-Grusels, auch die Medien springen gern auf astronomische Horrormeldungen an. Ein Asteroid, der auf die Erde zurast, die Menschheit vor der Vernichtung - was ergäbe eine aufmerksamkeitsträchtigere Schlagzeile?

Der gruselige Nachrichtenwert solcher Meldungen erhöht Auflagen - die beteiligten Forscher bringt er aber in eine böse Zwickmühle: Warnen sie zu früh, stehen sie hinterher als Panikmacher da, warnen sie nicht, wittern Verschwörungstheoretiker schnell Vertuschungsversuche.

In der Vergangenheit gab es immer wieder falsche Alarme, die ein schlechtes Licht auf die Zunft der Astronomen werfen. Kritiker Marsden weiß, wovon er spricht: Im März 1998 veröffentlichte er selbst eine vorsichtige Asteroidenwarnung - und machte weltweit Schlagzeilen. Astronom Benny Peiser, der Chapman und Morrison ebenfalls Panikmache vorwarf, ist mit Schuld am Problem: 1999 verbreitete er eine Asteroidenwarnung in einem Newsletter. Er schätzte die Trefferwahrscheinlichkeit als extrem gering ein, erhob jedoch Vertuschungsvorwürfe, so die Astronomie-Nachrichtenseite Space.com. Verschiedene Zeitungen sprangen auf den Zug auf, beschuldigten Astronomen, Herrschaftswissen für sich zu behalten.

Nach einer erneuten überflüssigen Warnung im September 2003 befragte Space.com acht Experten, die alle zu dem gleichen Ergebnis kamen: Fehlalarme sind unvermeidlich. Junge Wissenschaftler müssten diesen Fehler wohl einmal selbst machen, vermutete Brian Marsden damals.

Chapman und Morrison lagen mit ihrer Zurückhaltung richtig, 2004 AS1 erwies sich im Endeffekt als harmloser Geselle. Zwar war der Asteroid deutlich größer als zunächst angenommen, nämlich etwa einen halben Kilometer dick. Er flog jedoch zwölf Millionen Kilometer weit an der Erde vorbei - das entspricht ungefähr dem 32-fachen Abstand zwischen Erde und Mond.

Christian Stöcker

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