Ferndiagnose Plutos Nachbar hat eine eisige Kruste

Frostiges Rätsel, sechs Milliarden Kilometer von der Erde entfernt: Auf einem kleinen Himmelskörper am Rande des Sonnensystems haben Astronomen eine Schicht aus Wassereis gefunden. Doch nach gängigen Modellen dürfte das gar nicht da sein.

Kuiper-Gürtel (Grafik, im Vordergrund Himmelskörper Xena): Lichtschwache Gesteinsbrocken
AFP

Kuiper-Gürtel (Grafik, im Vordergrund Himmelskörper Xena): Lichtschwache Gesteinsbrocken


London - Still und leise ziehen sie ihre Bahn in den äußeren Regionen des Sonnensystems: Mehr als fünfzigmal weiter von der Sonne entfernt als die Erde kreisen jenseits des Planeten Neptuns im sogenannten Kuipergürtel zahllose Gesteinsbrocken unterschiedlichen Durchmessers. Rund 1000 Himmelskörper kennen Astronomen in der Region. Auch der mittlerweile zum Zwergplaneten degradierte Pluto gehört dazu.

Doch die Zahl der Objekte ist weit höher - die Wissenschaftler vermuten, dass es allein 70.000 Objekte gibt, die größer als 100 Kilometer sind. Nur lassen sich die stillen Begleiter normalerweise extrem schlecht beobachten. Klein und lichtschwach lassen sie sich von der Erde aus nicht mit Teleskopen aufspüren, bestenfalls mit dem Weltraumteleskop "Hubble" kann man mit viel Glück fündig werden.

Dank einer besonderen Planeten-Sterne-Konstellation ist es Forschern aus den USA und Frankreich nun aber trotzdem gelungen, einen Verwandten des Pluto von der Erde aus genau zu vermessen. Forscher um James Elliot vom Massachusetts Institute of Technology berichten im Fachmagazin "Nature" von ihren Erkenntnissen. Demnach hat der kleine Himmelskörper mit der Bezeichnung KBO 55636 einen Radius von etwa 143 Kilometern. Besonders spannend: Der Gesteinsbrocken ist offenbar von Wassereis bedeckt.

Die Forscher hatten den sechs Milliarden Kilometer von der Erde entfernten KBO 55636 mit Hilfe einer sogenannten stellaren Okkultation genauestens zu vermessen. Eine stellare Okkultation ist ein selten beobachtbares kosmisches Ereignis. Ähnlich wie bei einer Sonnenfinsternis zieht der zu beobachtende Himmelskörper dabei vor einem hellen Stern vorbei. So lässt sich beispielsweise die Größe des Objekts bis auf Kilometer genau messen. Ebenso können Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Beschaffenheit seiner Oberfläche und Atmosphäre ziehen.

Bei Zusammenstoß entstanden

Die Okkultation durch den von den Wissenschaftlern ins Auge gefassten Himmelskörper KBO 55636 wurde im Oktober 2009 von Teleskopen auf Hawaii beobachtet. Die Auswertung der Daten der Teleskope ergab für das Objekt einen Radius von 143 Kilometern mit einer Unsicherheit von nur fünf Kilometern. Damit ist KBO 55636 das bisher kleinste mit dieser Methode vermessene Objekt.

Außerdem stellten die Astronomen eine sehr hohe Oberflächenreflexion fest - ein Hinweis auf die Existenz von Eis auf der Oberfläche. Dies unterstützt eine Hypothese über die Entstehung des Himmelskörpers aus dem Kuipergürtel: Manche Astronomen sind der Ansicht, dass beim Zusammenstoß zwischen einem Zwergplaneten namens Haumea und einem anderen Objekt die Eiskruste Haumeas in Dutzende kleinerer Stücke gerissen wurde. Glaubt man dieser These, dann wäre auf KBO 55636 wohl der Rest eines Teils davon zu sehen.

Allerdings soll sich die Kollision bereits vor einer Milliarde Jahren ereignet haben. In diesem Fall müsste die Eiskruste auf dem Himmelskörper nach gängigen Vermutungen aber nachgedunkelt sein - und wäre nicht so hell und strahlend, wie von den Forschern beobachtet. Nach Ansicht der Forscher gibt es nun zwei Varianten: Entweder es gibt einen Mechanismus, der die Oberfläche von KBO 55636 regelmäßig blankpoliert, oder Wassereis hält sich in dieser fernen Region des Sonnensystems weit länger frisch als bisher angenommen.

chs/ddp

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