Flug ohne Wiederkehr Länger leben im Schwarzen Loch

Jenseits der Zappenduster-Grenze im All gibt es kein Zurück: Doch könnten Raumfahrer im Schwerefeld eines Schwarzen Lochs das Ende wenigstens hinauszögern? Australische Forscher geben praktische Tipps.

Von Stefan Schmitt


Idiotensichere Navigationsgerätchen, Spezialtextil zum Einsatz in Uniformen und Unterwäsche - viel Lebensnahes hat die Weltraumforschung dem Menschen gebracht. Das Sinnieren über ferne Phänomene wie Schwarze Löcher konnte allerdings bislang nicht viel beitragen. Die Physiker Geraint Lewis und Juliana Kwan von der University of Sydney ändern das nun - mit ihren immerhin überlebensnahen Einsichten für Besucher kosmischer Singularitäten, die Zentren Schwarzer Löcher also, wo uns bekannte Naturgesetze nicht mehr gelten und jede Masse unglaublich klein kondensiert wird.

"No way back" - kein Weg zurück, mit diesen sehr kategorischen Worten beginnt ihr bemerkenswerter Aufsatz, der gerade zur Veröffentlichung in der Fachzeitschrift "Proceedings of the Astronomical Society of Australia" angenommen wurde. Eine Vorabversion des siebenseitigen, formelschwangeren Werks steht bereits im Internet - und wird in der Forschergemeinde flapsig goutiert. "Wie man in einem Schwarzen Loch überlebt", überschrieb der Online-Nachrichtendienst der Fachzeitschrift "Nature" einen Beitrag darüber. Wohlgemerkt, hier geht es eher um Stunden als um Jahre. Zweifelsohne könnten es aber die außergewöhnlichsten des gesamten Lebens sein.

"In ein schwarzes Loch zu fallen, ist eine seltsame Angelegenheit", bereitet "Nature" seine Leser vor. Und: Wer dergleichen erlebte, wäre bar jeder Hoffnung. Das schreiben auch Lewis und Kwan selbst: Einmal zu weit im Schwerefeld gibt es kein Entrinnen - "ganz gleich was man tut". Deshalb rechneten die beiden Australier durch, wie ein Raumfahrer in dieser Lage wenigstens seine verbleibende Zeit "maximieren" könne.

Bislang herrschte die Lehrbuchmeinung vor, nach der es sich mit dem übermächtigen Schwerefeld ähnlich wie mit Treibsand verhalte: Je ärger man zappelt, desto schlimmer wird es. Fest steht, dass hinter dem Ereignishorizont alle Wege zum Zentrum führen - und man höchstens noch die Flugbahn, nicht aber das Ziel beeinflussen kann. "Je stärker Du Deine Raketen anfeuerst, desto eher schlägst Du in die Singularität ein. Am besten ist es noch, sich einfach zurückzulehnen und den Flug zu genießen", raten etwa die Kosmologen der University of California in Berkeley auf ihrer Internetseite zum Thema.

Am längsten überlebt man im freien Fall

"Das Ergebnis unserer Studie zeigt, dass dies ganz klar nicht stimmt", widersprechen nun Lewis und Kwan. Eine Fehlannahme stecke hinter dem falschen Ratschlag für künftige verirrte Raumfahrer. Bisher seien die Theoretiker von einem Raumschiff ausgegangen, das ohne jede Anfangsgeschwindigkeit in den Abgrund stürzt - vom sogenannten Schwarzschild-Radius aus. Seine Reise wäre mithin dem freien Fall vergleichbar.

Mit dem Radius ist jene gedachte Grenze um das Schwarze Loch herum gemeint, ab der die Anziehung so groß ist, dass es kein Entkommen mehr gibt: Der deutsche Physiker Karl Schwarzschild hatte ihn vor gut 90 Jahren errechnet. Ab hier entkommen nicht einmal Photonen mehr mit ihrer Lichtgeschwindigkeit der Gravitation. Jenseits des Schwarzschild-Radius fängt von außen betrachtet das Schwarz an - und damit die Ungewissheit. Kurioserweise wird gerade diese Grenze in der Astrophysik auch Ereignishorizont genannt.

Doch wie solle man den Ereignishorizont denn ohne Geschwindigkeit überschreiten, fragen nun die Australier. Und implizieren: Wer immer in diese missliche Lage gerate, betrete den Zappenduster-Bereich schneller als im Gedankenexperiment der Lehrbücher. "Der Einsatz einer [Brems-]Rakete kann Ihre verbleibende Zeit also erhöhen", schreiben Lewis und Kwan künftigen Raumfahrern ins Handbuch und belegen ihre Behauptung mit ausführlichen Berechnungen. Demnach ist tatsächlich der freie Fall die langsamste Art, sich dem dunklen Zentrum zu nähern: Doch nicht nur wer mit größerer Geschwindigkeit über den Ereignishorizont brettere, verkürze sein Ableben unnötig. Auch wer zu stark bremse, bringe sich auf eine unnötig kurze Bahn - so wollten es die paradox-relativen Gesetze im Schwarzschildschen Finsterkreis.

"Anfangs angenehm, wie eine Dehnübung"

"Wenn Sie noch außerhalb des Schwarzschild-Radius sind, dann macht Gegensteuern natürlich langsamer", sagt der Physiker Hanns Ruder von der Universität Tübingen zu SPIEGEL ONLINE. An seinem Institut wurden theoretische Stürze in ein schwarzes Loch bereits simuliert. Doch was jenseits des Ereignishorizonts geschehe, sei schon aus praktischen Gründen schwer zu sagen: "Das lässt sich niemals beobachten." Die Argumentation von Lewis und Kwan könne zwar durchaus stimmen, man müsse genau nachrechnen, "aber wir wissen es einfach nicht genau".

Indes muss bezweifelt werden, ob es überhaupt ratsam wäre, die verbleibende Sturzzeit so weit wie möglich zu verlängern. In seinem neuen Buch "Death by Black Hole" (etwa: "Todesursache Schwarzes Loch") malt der renommierte US-Astrophysiker Neil deGrasse Tyson vom Hayden Planetarium des American Museum of Natural History in New York genau aus, was einem frei fliegenden Astronauten auf seinem finalen Flug bevorstünde.



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