Deutscher Astronaut Maurer im Interview "Wir wollen eine Mondstation errichten"

Die US-Regierung will in fünf Jahren wieder Menschen zum Mond bringen. Als erster Deutscher könnte der Astronaut Matthias Maurer dort landen. Hier erzählt er wie realistisch das ist - und ob man es bis 2024 schafft.

Esa-Astronaut Matthias Maurer (rechts im Bild)
Getty Images

Esa-Astronaut Matthias Maurer (rechts im Bild)

Von


Jahrzehntelang ist außer vielen Ankündigungen nichts passiert, nun soll es auf einmal ganz schnell gehen: 50 Jahre nach der ersten Mondlandung arbeitet die US-Regierung daran, bis zum Jahr 2024 ein Team aus einem Amerikaner und - es wäre eine Premiere - einer Amerikanerin zur Oberfläche des Mondes zu schicken. Die "Artemis"-Mission ist ein Prestigeprojekt der Regierung von Präsident Donald Trump. Ob die Weltraumbehörde Nasa das dafür nötige Geld überhaupt bekommt, ist allerdings unklar. Außerdem ist sie auf die Hilfe der neuen privaten Raumfahrtunternehmen angewiesen.

Aber immerhin: Das Interesse am Mond ist wiedererwacht.

Der wesentliche Grund dafür dürften gleichlautende Pläne Chinas sein. Ähnlich wie in den Sechzigerjahren ist Macht- und Symbolpolitik auch heute ein Treiber der Missionen. Mit dem sanften Aufsetzen einer unbemannten Sonde auf der erdabgewandten Seite des Erdtrabanten hat Peking bereits Weltraumgeschichte geschrieben - und dabei soll es nicht bleiben. Bis ein Chinese oder eine Chinesin auf dem Mond steht, dürften nurmehr wenige Jahre vergehen.

Aber was ist mit Raumfahrern aus Europa? Eine eigene Rakete, ein eigenes Raumschiff haben sie nicht. Also müssen sie auf Mitflugchancen hoffen. Doch wie realistisch ist das? Wir haben mit dem deutschen Esa-Astronauten Matthias Maurer gesprochen.

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Matthias Maurer, 49, ist Mitglied im Astronautenkorps der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Im Gegensatz zu seinen fünf Kollegen und einer Kollegin ist er noch nicht ins All geflogen. Maurer ist promovierter Materialwissenschaftler und arbeitet am Europäischen Astronautenzentrum in Köln. Er ist ein Sprachtalent. Maurer beherrscht Englisch, Spanisch, Französisch, Katalanisch, Russisch und Chinesisch.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung will bis zum Jahr 2024 wieder auf dem Mond landen. Halten sie das Ziel für realistisch?

Maurer: 2024 ist sportlich. Ob das zu schaffen ist, hängt davon ab, ob sie das Geld dafür haben. Aber ich denke, Mitte der Zwanzigerjahre ist es zu packen.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss die Menschheit überhaupt zurück zum Mond?

Maurer: Der Mond hat wissenschaftlich noch sehr viel zu bieten. Außerdem können wir die Technologie entwickeln, um ihn als Zwischenziel auf dem Weg zum Mars und in den tiefen Weltraum hinein zu nutzen. Wir wissen dank "Apollo", dass es auf dem Mond Wasser gibt. Das ist eine wichtige Ressource, aus der wir vor Ort Raketentreibstoff für weitere Flüge gewinnen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Europa dabei?

Maurer: Wir wollen eine Mondstation errichten, die, so ähnlich wie die ISS, international geprägt sein soll. Dort kann ein internationales Wissenschaftlerteam gemeinsam an den Antworten auf die großen Fragen forschen.

Fotostrecke

7  Bilder
Matthias Maurer: Ein Saarländer will starten

SPIEGEL ONLINE: Die Nasa hat in den vergangenen Jahren immer für internationale Kooperation geworben. Das Weiße Haus propagiert dagegen den nationalen Alleingang. Wie überzeugt man Präsident Trump von den Vorteilen der Zusammenarbeit?

Maurer: Wir haben bei dem ISS-Programm gelernt, dass Raumfahrt ein gutes Thema ist, um die Schwierigkeiten in der Politik zu überbrücken und gemeinsame Projekte anzustoßen. Und um dadurch einen Beitrag zu leisten für die Stabilität in unserer Welt und für die Sicherung des Friedens. Auch praktisch würde sich die Kooperation für die USA lohnen: Wir können europäische Hardware anbieten, beispielsweise die Antriebseinheit für die "Orion"-Kapsel.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll Trump überzeugen?

Maurer: Dieses in Bremen montierte Europäische Servicemodul steht für deutsche und europäische Spitzentechnologie. Ohne diese wird niemand zum Mond fliegen. Das hat die Nasa überzeugt und wird sicher auch Präsident Trump gefallen. Basierend auf dieser Technik sind auch weitere europäischen Beistellungen denkbar, zum Beispiel ein Lander oder eine Wiederaufstiegsfähre. Oder vielleicht auch ein Weltraumschlepper, der einen Lander bei Bedarf in die richtige Position im Mondorbit bringen kann. Europa kann viel im Weltraum, wir müssen es uns nur zutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Ihre persönliche Rolle bei den geplanten Mondmissionen?

Maurer: Ich möchte, dass wir möglichst bald wieder zum Mond fliegen, dort landen und den Mond erkunden. Meine Rolle als Projektleiter der "Luna Facility" der Esa wird dabei sein, die Trainingsanlagen für Europa in Köln mit aufzubauen. Wir entwickeln außerdem ein Geologie-Training, auf Lanzarote und in Norwegen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn auf Lanzarote und in Norwegen über den Mond lernen?

Maurer: Auf den Lofoten sind die geologischen Formationen denen im Hochland des Mondes sehr ähnlich. Lanzarote ist ideal, um sich auf das vulkanische Tiefland des Mondes vorzubereiten. So können wir die Verhältnisse, die uns erwarten, hier auf der Erde schon kennenlernen. Solche Projekte werden uns in Europa helfen, in den nächsten Jahren genügend eigene Fähigkeiten aufzubauen. Ziel ist, bei der Mondexploration gleichwertiger Partner der Nasa zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie für sich persönlich Chancen auf einen Mondflug?

Maurer: Mitte der Zwanzigerjahre werden sicher Europäer mit dabei sein, wenn es wieder Richtung Mond geht. Da wir momentan sieben aktive Astronauten sind, rechne ich mir auch gute Chancen für mich aus. Aber es ist nicht entscheidend, ob ich das jetzt persönlich bin. Für mich wäre das natürlich prägend. Aber wichtig für uns Europäer sollte vor allem sein, dass wir überhaupt in der ersten Mond-Liga mitspielen.

Im Video: Mission Mond - ESA-Astronaut Matthias Maurer

Deutsche Welle
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
TS_Alien 17.07.2019
1.
Der Mond war und ist erreichbar. Beim Mars glaube ich nicht daran, zumindest nicht in den nächsten 25 Jahren. Bis 2024 wird sicher kein Mensch auf dem Mond landen. Heutzutage sind die Sicherheitsaspekte solcher Missionen weitaus höher als vor 50 Jahren. Bis die neuen Geräte entwickelt und getestet worden sind, werden deutlich mehr als fünf Jahre vergehen. Und dann besteht immer noch ein Risiko des Scheiterns. Unter 5 % wird man das nicht bekommen. Die heutigen Astronauten sind sicher nicht so gut wie Armstrong und Co, wenn es hart auf hart kommt. Auch das muss man berücksichtigen. Es sollte keinen überraschen, wenn dabei auch Menschen sterben werden.
fortelkas 17.07.2019
2. "Wichtig für uns Europäer sollte vor allem sein,
...dass wir(wer ist wir?) überhaupt in der ersten Mond-Liga mitspielen." Warum wir(?) da mitspielen müssen, hat mir Herr Maurer in diesem Gespräch nicht vermitteln können. Die Ressourcen, die für eine Mondstation aufgebracht werden müssen, werden gewaltig sein. Auf dieser unserer Erde gibt es gewaltige Probleme, dazu kann eine Mondstation nicht den geringsten Beitrag leisten, es sei denn, die Großmächte haben militärische Hintergedanken. Eine Mondstation wird nicht gebraucht. Erwin Fortelka
willibaldus 17.07.2019
3.
Beim Apollo Programm sind 3 Astronauten in ihrer Kapsel am Boden verbrannt. Dass alle von den Missionen heil zurückkamen, war ein gutes Stück Glück. Wenn zum falschen Zeitpunkt ein Sonnensturm die Kapsel auf ihrem Flug gegrillt hätte, dann hätten es die Astronauten auch nicht überlebt. Und sonst? Die Orion ist so weit fertig. Die SLS Rakete muss noch getestet werden, wahrscheinlich mit einer unbemannten Mondumrundung der Orion. Die Orion hat übrigens den dreifachen Rauminhalt der Apollo Kapseln.
Edgard 17.07.2019
4. Die Rückkehr zum Mond...
... ist ein logischer Schritt nachdem wir wissen daß wir dort hinfliegen und landen können, daß wir aus den Erfahrungen der erdnahem Raumstationen und den Langzeitmissionen gelernt haben und aus den jahrelangen Auswertungen auch des Mondgestein wissen was dort ist und was wir dort tun können - darunter der Bau von Fusionsreaktoren die mit dem dort vorhandenen Helium3 betrieben werden und damit auch die Energiewirtschaft auf der Erde im Sinne der Klimaschonung nachhaltig verbessern können. Wir können mit den inzwischen wesentlich weiterentwickelten Technolgien viel mehr direkt dort oben tun als das vor 50 Jahren auch nur denkbar war - darunter die Errichtung von Schutzbauten und die Extrahierung des notwendigen Wassers. Mit einem Superteleskop auf der Mondrückseite können wir die Astronomie revolutionieren - und man kann davo ausgehen daß es einen ähnlichen Innovationsschub gegen wird wie durch das Apollo-Programm. Und ein weiter Punkt ist essentiell: Die Weltgemeinschaft muß sich darüber klar und einig werden ob es auf einem Himmelskörper ausserhalb der Erde Gebiets- und Besitzansprüche geben darf oder ob diese Welten - zuerst der Mond - z.B. durch die Vereinten Nationen gemeinsam verwalten und lediglich Nutzungsrechte vergeben werden. Ich fürchte nur daß einem D. Trump das nicht akzeptieren wird - der nächste Konflikt zeichnet sich wohl bereits ab.
quark2@mailinator.com 17.07.2019
5.
Zitat von fortelkas...dass wir(wer ist wir?) überhaupt in der ersten Mond-Liga mitspielen." Warum wir(?) da mitspielen müssen, hat mir Herr Maurer in diesem Gespräch nicht vermitteln können. Die Ressourcen, die für eine Mondstation aufgebracht werden müssen, werden gewaltig sein. Auf dieser unserer Erde gibt es gewaltige Probleme, dazu kann eine Mondstation nicht den geringsten Beitrag leisten, es sei denn, die Großmächte haben militärische Hintergedanken. Eine Mondstation wird nicht gebraucht. Erwin Fortelka
Die Leistungsfähigkeit der Menschheit bzw. eines Landes ist aber nicht absolut begrenzt, bzw. sind wir weit davon entfernt, mit Arbeit ausgelastet zu sein. Soll heißen, die zusätzliche Begeisterung welche aus der Beteiligung an so einer Sache erwachsen könnte, kann reichen, um die Arbeitsleistung zusätzlich zu erbringen. Und aus meiner Sicht kann man es schon aus rein strategischen Erwägungen heraus nicht zulassen, daß die "4. Dimension" von den USA und China besetzt bleiben. Wenn man sich ansieht, welchen Umfang die Entwicklungstätigkeiten der USA in Bezug auf den Weltraum im Moment haben, dann erscheint mir das europäische Verhalten i.e. so, als würde die Admiralität beschließen, einfach weiter bei Segelschiffen zu bleiben und nicht weiter als Helgoland von der Küste wegzufahren ... kann man machen, aber in der Folge wird man später bestraft. Man sehe sich mal an, was wir hier in Europa noch an Elektronik, Software, Internet, Gentechnik haben ... war sicher auch alles nicht nötig, weil man es ja aus USA und China kaufen konnte ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.