Deutscher Astronaut Maurer im Interview "Wir wollen eine Mondstation errichten"

Die US-Regierung will in fünf Jahren wieder Menschen zum Mond bringen. Als erster Deutscher könnte der Astronaut Matthias Maurer dort landen. Hier erzählt er wie realistisch das ist - und ob man es bis 2024 schafft.
Ein Interview von Christoph Seidler
Esa-Astronaut Matthias Maurer (rechts im Bild)

Esa-Astronaut Matthias Maurer (rechts im Bild)

Foto: Alex Grimm/ Getty Images

Jahrzehntelang ist außer vielen Ankündigungen nichts passiert, nun soll es auf einmal ganz schnell gehen: 50 Jahre nach der ersten Mondlandung arbeitet die US-Regierung daran, bis zum Jahr 2024 ein Team aus einem Amerikaner und - es wäre eine Premiere - einer Amerikanerin zur Oberfläche des Mondes zu schicken. Die "Artemis"-Mission ist ein Prestigeprojekt der Regierung von Präsident Donald Trump. Ob die Weltraumbehörde Nasa das dafür nötige Geld überhaupt bekommt, ist allerdings unklar. Außerdem ist sie auf die Hilfe der neuen privaten Raumfahrtunternehmen angewiesen.

Aber immerhin: Das Interesse am Mond ist wiedererwacht.

Der wesentliche Grund dafür dürften gleichlautende Pläne Chinas sein. Ähnlich wie in den Sechzigerjahren ist Macht- und Symbolpolitik auch heute ein Treiber der Missionen. Mit dem sanften Aufsetzen einer unbemannten Sonde auf der erdabgewandten Seite des Erdtrabanten hat Peking bereits Weltraumgeschichte geschrieben - und dabei soll es nicht bleiben. Bis ein Chinese oder eine Chinesin auf dem Mond steht, dürften nurmehr wenige Jahre vergehen.

Aber was ist mit Raumfahrern aus Europa? Eine eigene Rakete, ein eigenes Raumschiff haben sie nicht. Also müssen sie auf Mitflugchancen hoffen. Doch wie realistisch ist das? Wir haben mit dem deutschen Esa-Astronauten Matthias Maurer gesprochen.

Zur Person
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Matthias Maurer, 49, ist Mitglied im Astronautenkorps der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Im Gegensatz zu seinen fünf Kollegen und einer Kollegin ist er noch nicht ins All geflogen. Maurer ist promovierter Materialwissenschaftler und arbeitet am Europäischen Astronautenzentrum in Köln. Er ist ein Sprachtalent. Maurer beherrscht Englisch, Spanisch, Französisch, Katalanisch, Russisch und Chinesisch.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung will bis zum Jahr 2024 wieder auf dem Mond landen. Halten sie das Ziel für realistisch?

Maurer: 2024 ist sportlich. Ob das zu schaffen ist, hängt davon ab, ob sie das Geld dafür haben. Aber ich denke, Mitte der Zwanzigerjahre ist es zu packen.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss die Menschheit überhaupt zurück zum Mond?

Maurer: Der Mond hat wissenschaftlich noch sehr viel zu bieten. Außerdem können wir die Technologie entwickeln, um ihn als Zwischenziel auf dem Weg zum Mars und in den tiefen Weltraum hinein zu nutzen. Wir wissen dank "Apollo", dass es auf dem Mond Wasser gibt. Das ist eine wichtige Ressource, aus der wir vor Ort Raketentreibstoff für weitere Flüge gewinnen könnten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt Europa dabei?

Maurer: Wir wollen eine Mondstation errichten, die, so ähnlich wie die ISS, international geprägt sein soll. Dort kann ein internationales Wissenschaftlerteam gemeinsam an den Antworten auf die großen Fragen forschen.

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Matthias Maurer: Ein Saarländer will starten

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SPIEGEL ONLINE: Die Nasa hat in den vergangenen Jahren immer für internationale Kooperation geworben. Das Weiße Haus propagiert dagegen den nationalen Alleingang. Wie überzeugt man Präsident Trump von den Vorteilen der Zusammenarbeit?

Maurer: Wir haben bei dem ISS-Programm gelernt, dass Raumfahrt ein gutes Thema ist, um die Schwierigkeiten in der Politik zu überbrücken und gemeinsame Projekte anzustoßen. Und um dadurch einen Beitrag zu leisten für die Stabilität in unserer Welt und für die Sicherung des Friedens. Auch praktisch würde sich die Kooperation für die USA lohnen: Wir können europäische Hardware anbieten, beispielsweise die Antriebseinheit für die "Orion"-Kapsel.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll Trump überzeugen?

Maurer: Dieses in Bremen montierte Europäische Servicemodul steht für deutsche und europäische Spitzentechnologie. Ohne diese wird niemand zum Mond fliegen. Das hat die Nasa überzeugt und wird sicher auch Präsident Trump gefallen. Basierend auf dieser Technik sind auch weitere europäischen Beistellungen denkbar, zum Beispiel ein Lander oder eine Wiederaufstiegsfähre. Oder vielleicht auch ein Weltraumschlepper, der einen Lander bei Bedarf in die richtige Position im Mondorbit bringen kann. Europa kann viel im Weltraum, wir müssen es uns nur zutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Ihre persönliche Rolle bei den geplanten Mondmissionen?

Maurer: Ich möchte, dass wir möglichst bald wieder zum Mond fliegen, dort landen und den Mond erkunden. Meine Rolle als Projektleiter der "Luna Facility" der Esa wird dabei sein, die Trainingsanlagen für Europa in Köln mit aufzubauen. Wir entwickeln außerdem ein Geologie-Training, auf Lanzarote und in Norwegen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn auf Lanzarote und in Norwegen über den Mond lernen?

Maurer: Auf den Lofoten sind die geologischen Formationen denen im Hochland des Mondes sehr ähnlich. Lanzarote ist ideal, um sich auf das vulkanische Tiefland des Mondes vorzubereiten. So können wir die Verhältnisse, die uns erwarten, hier auf der Erde schon kennenlernen. Solche Projekte werden uns in Europa helfen, in den nächsten Jahren genügend eigene Fähigkeiten aufzubauen. Ziel ist, bei der Mondexploration gleichwertiger Partner der Nasa zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie für sich persönlich Chancen auf einen Mondflug?

Maurer: Mitte der Zwanzigerjahre werden sicher Europäer mit dabei sein, wenn es wieder Richtung Mond geht. Da wir momentan sieben aktive Astronauten sind, rechne ich mir auch gute Chancen für mich aus. Aber es ist nicht entscheidend, ob ich das jetzt persönlich bin. Für mich wäre das natürlich prägend. Aber wichtig für uns Europäer sollte vor allem sein, dass wir überhaupt in der ersten Mond-Liga mitspielen.

Im Video: Mission Mond - ESA-Astronaut Matthias Maurer

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