Gammablitz-Theorie Supernova brachte den Massentod

Es war das zweitgrößte Massensterben der Erdgeschichte: Vor 440 Millionen Jahren verschwanden zwei Drittel aller Lebensformen. Einer neuen Theorie zufolge löste die Explosion einer fremden Sonne die Katastrophe aus.


Supernova (Computersimulation): Löste ein sterbender Stern den ersten Massentod der Erdgeschichte aus?
REUTERS

Supernova (Computersimulation): Löste ein sterbender Stern den ersten Massentod der Erdgeschichte aus?

Bisher glaubten Paläontologen, dass eine Eiszeit für den ersten Massentod in der Geschichte unseres Planeten verantwortlich war. Allerdings hatte die Theorie eine Schwachstelle: "Die Erde war kurz zuvor ungewöhnlich warm", sagt Adrian Melott von der University of Kansas. "Klimaexperten waren bisher nicht in der Lage, das plötzliche Auftauchen riesiger Gletscher zu erklären."

Die Theorie, die der US-Astronom und sein Team jetzt auf der Tagung der American Astronomical Society in Atlanta vorstellten, würde diese Lücke schließen. Demnach traf der Gammablitz einer Supernova aus weniger als 10.000 Lichtjahren Entfernung die Erde, zerstörte die Ozonschicht und ermöglichte der ultravioletten Strahlung unserer Sonne, ungefiltert bis zur Erdoberfläche vorzudringen und den Großteil allen Lebens zu zerstören.

Gebündelte Energie aus dem All

Gammablitze, so genannte "Gamma Ray Bursts", sind die gewaltigsten Energieausbrüche des Universums. In wenigen Sekunden strahlen sie mehr Energie ab als unsere Sonne während ihrer gesamten Lebensdauer von zehn Milliarden Jahren. Zudem, so die gängige Annahme, schießen die todgeweihten Sterne ihre letzte Energie nicht gleichmäßig in alle Richtungen ab, sondern in einem gebündelten Strahl.

Ein solcher "Jet", glauben Melott und seine Kollegen, hat vor 440 Millionen Jahren die Erde aus nächster Nähe getroffen. Die Gammastrahlung habe die Moleküle in der Stratosphäre aufgespalten und damit zur Bildung von Stickoxiden und anderen Chemikalien beigetragen, die die Ozonschicht zerstörten und den Planeten in braunen Smog hüllten.

Gammablitz: Gebündelte Energie
MIT

Gammablitz: Gebündelte Energie

Die Folge war demnach ein Doppelschlag gegen das irdische Leben. Die UV-Strahlung der Sonne durchdrang die Smogschicht, erreichte an der Erdoberfläche das 50-fache des Normalwerts und tötete zwei Drittel aller Lebensformen. Der Smog hätte zugleich eine drastische Abkühlung des Planeten zur Folge gehabt. Das, erklärte Melott, könnte die 500.000 Jahre lange Eiszeit erklären, die neben dem Massensterben in fossilen Funden aus dem Ordovizium nachgewiesen wurde.

50-fache Dosis an UV-Strahlung

Bei den Opfern der Katastrophe habe es sich in erster Linie um frühe Meeresbewohner gehandelt, die nahe der Wasseroberfläche lebten. An Land gab es im Ordovizium, der Periode in der Zeit vor 500 bis 440 Millionen Jahren, die ersten Pflanzen. Auch sie seien wahrscheinlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Lediglich die Tiere in größeren Wassertiefen seien nicht direkt betroffen gewesen.

Von Supernovae bleiben normalerweise Staubwolken, Schockwellen und schwarze Löcher zurück, die noch Millionen Jahre später nachgewiesen werden können. Zwar räumten die Wissenschaftler ein, dass es heute keine Hinweise mehr auf die Killer-Explosion in direkter kosmischer Nachbarschaft zur Erde gebe. Allerdings habe sich die Milchstraße in 440 Millionen Jahren zweimal um sich selbst gedreht, betonte Melott. Die Überbleibsel der Supernova könnten deshalb längst verschwunden sein.

Andere Forscher stuften die Theorie aus durchaus plausibel ein. Jere Lipps, Paläobiologe an der University of California in Berkeley, hält Gammastrahlen für eine mögliche Erklärung des Massensterbens im Ordovizium. "Die Hypothese sollte überprüft werden", meinte Lipps. Die Vorstellung, dass die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag ausgelöscht wurden, sei zunächst auch mit Skepsis aufgenommen und später durch neue Erkenntnisse gestützt worden.

Statistisch gesehen sei es nahezu sicher, dass die Erde während ihrer viereinhalb Milliarden Jahre langen Geschichte mehrmals von Gammablitzen getroffen worden sei, sagte Melott. "Man kann alle paar hundert Millionen Jahre einen gefährlichen Gamma Ray Burst erwarten. Der nächste könnte schon morgen, aber auch erst in Jahrmillionen kommen."



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