Geologie Wie der Mann im Mond sein Gesicht bekam

Die Krater an seiner Oberfläche sind nur Kratzer, verglichen mit den Einschlägen, die dem Mond sein Gesicht gaben. Anhand von Satellitendaten haben Forscher jetzt herausgefunden, wie der "Mann im Mond" sein Gesicht bekommen hat.

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Seit jeher erzählen sich Menschen aller Länder Geschichten vom Mann im Mond. Hunderte Sagen berichten davon, wie der Mann auf den Erdtrabanten gelangt ist, jede Geschichte erklärt es anders. Viele europäische und asiatische Sagen handeln von verbannten Straftätern, für Bolivianer ist er ein sich versteckender Liebhaber, und ein nordamerikanischer Indianerstamm sieht auf dem Mond einen Jungen, der sich verlaufen hat. Jetzt haben Forscher herausgefunden, wie der Mann wirklich in den Mond kam - wissenschaftlich gesehen. Aus den Daten zweier Sonden lasen sie die geologische Geschichte des Erdtrabanten.

Punkt, Punkt, Komma, Strich... - bei Vollmond erkennt man jene Struktur, in die Menschen weltweit das helle Antlitz des Mannes hineindeuten. Die Gesichtspartien tragen poetische Namen: Die Augen bilden das "Mare Imbrium" (Regenmeer) und das "Mare Serenitatis" (Meer der Heiterkeit), die Nase ist der "Sinus Aestuum" (Bucht der Fluten), und der grinsende Mund besteht aus "Mare Nubium" (Wolkenmeer) und das "Mare Cognitum" (Bekanntes Meer). Der Brite William Gilbert, der im 16. Jahrhundert die erste Karte des Mondes erstellte, hielt die dunklen Flecken wie viele vor und nach ihm für Ozeane.

Tatsächlich sind diese Schattierungen Narben. Viele entstanden, kurz nachdem sich der Mond vor 4,5 Milliarden Jahren gebildet hatte: Ein Himmelskörper von der Größe des Mars hatte die Erde gerammt, einige Trümmer verdichteten sich zum Mond. Sogleich setzte das Bombardement von Meteoriten dem neuen Erdtrabenten zu. Einschläge schmolzen ihn auf, und schwarze Lava ergoss sich in die entstandenen Krater. Ein Drittel der sichtbaren Seite des Mondes ist mit dem Basaltguss überzogen. 300.000 Meteoritenkrater mit Durchmessern von einem Kilometer und mehr kann man mit einfachen Teleskopen sehen. Die erdabgewandte Seite ist weitaus weniger abwechslungsreich. Nicht mal ein Dreißigstel der Fläche ist dort von dunklen Kratern überzogen.

Einschlag auf der Rückseite schuf vorne ein Gesicht

Ein Einschlag in die Rückseite des Mondes jedoch hatte es in sich, wie nun die Geologen Laramie Potts und Ralph von Frese von der Ohio State University im Fachblatt "Physics of the Earth and Planetary Interiors" berichten. Die Schockwellen jenes Treffers vor etwa vier Milliarden Jahren durchzuckten nach Meinung der beiden US-amerikanischen Forscher den gesamten Himmelskörper. Sie pausten sich gar in die erdzugewandte Seite durch und beulten sie aus. Dabei brach die Kruste, und riesige Mengen Lava ergossen sich in die Krater an der Oberfläche - der Mann im Mond zeigte erstmals sein Gesicht.

Die These mag Geschichtenerzähler ernüchtern. Auch wissenschaftlich ist sie eine Provokation, gleichwohl sind die zugrunde liegenden Daten solide. Die Folgerung beruht auf Messungen zweier Nasa-Satelliten, die die Schwerkraft des Mondes ertasten: Ihre Umlaufbahnen weisen Dellen und Beulen auf - mal werden sie stärker angezogen, mal schwächer. Aus der Schwerkraft konnten die amerikanischen Geologen ableiten, wie die Gesteinsmasse im Mondinneren verteilt ist. Die Methode liefert zwar keine eindeutigen Bilder, erfahrene Wissenschaftler vermögen in den Zahlen gleichwohl Strukturen im Inneren eines Himmelskörpers zu erkennen.

Die Autoren der Studie erkennen Erstaunliches: Auf der erdabgewandten Seite zeichne das Gestein bis in 1100 Kilometer Tiefe keilförmig einen Einschlagskrater nach. Es sehe aus, als sei der Untergrund bis in den Kern hinein zusammengedrückt und wieder entspannt worden, berichten Frese und Potts. Dass ein Meteoriteneinschlag bis in solche Tiefe das Gestein demolieren könnte, war nicht unbedingt zu erwarten. Wie tief die Zerstörungskräfte kilometergroßer Boliden überhaupt reichen, ist unter Forschern höchst umstritten. Potts und Frese müssen sich hier auf Kritik an ihrer Version der Mondgeologie gefasst machen.

Außer Mondgesicht auch eine Beule

Was sie auf der erdzugewandten Seite des Mondes fanden, klingt gar noch sensationeller: Das Gestein sei vom Kern an ausgebeult - als ob es von der anderen Seite her einen wuchtigen Stoß bekommen hätte. Dass sich die Oberfläche des Mondes Richtung Erde wölbt, ist bekannt, die Erdanziehungskraft gilt als Ursache. Weil sich jedoch die Unregelmäßigkeiten im Gestein bis auf die andere Seite hin verfolgen lassen, schließen Frese und Potts nun, dass ein gigantischer Meteoriteneinschlag die Beule verursacht hat.

Vor etwa vier Milliarden Jahren soll sich der Impact ereignet haben. Denn damals war der Mond vermutlich noch bis in große Tiefe geschmolzen und mithin besser formbar. Die deutliche Ausbeulung Richtung Erde lasse sich so besser erklären, meinen Potts und Frese. Denn zum Zeitpunkt des Impacts befand sich der Trabant noch näher an der Erde. Und die damals größere Anziehung zwischen den Himmelskörpern bewirkte, dass die Erde viel geschmolzenes Gestein anzog und sich der Mond so stark ausbeulte.

Möglicherweise setzte der vier Milliarden Jahren alte Einschlag auf dem Mond eine lange währende Magmafabrik in Gang, meinen die Forscher. Auf der Erde zumindest sind derartige "Hot Spots" bekannt: Die Inselkette von Hawaii etwa wurde von einem Magmaschlauch gebildet, der vermutlich bis in 2900 Kilometer Tiefe reicht und seit Jahrmillionen geschmolzenes Gestein liefert. Womöglich, so meinen die Geologen, entstanden irdische Hot Spots, nachdem gigantische Meteoriten in die gegenüberliegende Erdseite geprallt sind. Ein Szenario eben, wie es sich vor vier Milliarden Jahren auf unserem Trabanten abgespielt hat - fertig war das Mondgesicht.

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