Google Lunar X-Prize Deutsches Team bucht Ticket zum Mond

Spätestens im Jahr 2018 sollen zwei Roboterautos aus Deutschland über den Mond kurven. Eine private Expedition hat nun den entscheidenden Schritt gemacht - und einen interessanten Transportauftrag.

PTScientists

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Erinnert sich noch jemand an die Goldenen Schallplatten auf den "Voyager"-Sonden? Sie waren eine Idee des US-Astrophysikers Carl Sagan: Auf den 30-Zentimeter-Scheiben ließ er Bilder und Klänge speichern, die außerirdischen Zivilisationen etwas vom Leben auf der Erde berichten sollten. Seit 1977 rasen die Dinger an Bord von zwei Nasa-Raumfahrzeugen in die Tiefen des Alls. Vielleicht werden sie ja eines Tages tatsächlich mal von Aliens gefunden.

Aber im Ernst: Schallplatten - das ist so 20. Jahrhundert! Außerdem passte ja nur eine extrem geringe Infoauswahl auf die Datenträger. Ein Team von Berliner Raumfahrtenthusiasten will nun das Lexikon Wikipedia in den Weltraum bringen, genauer gesagt auf den Mond: 39 Millionen Artikel in 300 Sprachen auf einer DVD aus Keramikmaterial. "Theoretisch sollte diese Disk anderthalb Millionen Jahre halten", sagt Karsten Becker.

Es wäre ein Backup für die Ewigkeit. Dabei ist die DVD nur Beiwerk eines viel größeren Projektes, an dem Becker und seine Kollegen der Gruppe PartTimeScientists gerade arbeiten.

Audi auf dem Mond

Es geht um den "Google Lunar X-Prize". Das ist ein Wettbewerb, bei dem man immerhin 20 Millionen Dollar gewinnen kann - wenn es einem gelingt, mit einem Roboterauto mindestens 500 Meter auf dem Mond zurückzulegen und von dort HD-Videobilder zur Erde zu schicken. Knapp ein halbes Dutzend Mannschaften sind noch im Rennen - auch wenn die Organisatoren des Wettbewerbs die Fristen immer wieder verlängern mussten, in denen die Gruppen bestimmte technische und organisatorische Zwischenziele erreichen sollten.

Elektronikexperte Becker arbeitet mit gut 30 Mitstreitern seit 2008 an dem Projekt, rund ein Drittel der selbsterklärten Teilzeitwissenschaftler werkelt inzwischen sogar Vollzeit. Ende 2017 oder Anfang 2018 soll die Rakete abheben. Am Dienstagabend stellte die Mannschaft in Berlin den aktuellen Stand des Projekts vor.

Für ihre Mondfahrt haben PartTimeScientists einen interessanten Partner gesucht: Man sagt der deutschen Autoindustrie ja nach, sie habe die Zukunft verpennt, gerade bei alternativen Antrieben. Nun möchte allerdings Audi durch eine Kooperation mit den Berliner Mondfans zeigen, dass das ganz und gar nicht stimmt - und dass man im allerwahrsten Sinne des Wortes hochfliegende Ziele hat. Ein Elektroauto mit den charakteristischen vier Ringen auf der Frontpartie soll auf dem Mond fahren, der "Audi lunar quattro".

Mondauto aus dem 3D-Drucker

Korrekterweise muss man allerdings in der Mehrzahl sprechen. Das Team will gleich zwei Autos auf einmal zum Mond bringen. Jeder der beiden solarbetriebenen Rover besteht aus Aluminium, stammt aus dem 3D-Drucker und wiegt nur 30 Kilogramm. Mit ihren vier einzeln gefederten Rädern und einer größeren glatten Fläche für die Solarzellen sehen die Rover ein bisschen aus wie fahrende Hocker. Auf der Mondoberfläche können sie autonom fahren, unterstützt durch die Bilder von je vier Kameras. Diese sollen auch 3D-Aufnahmen und 360-Grad-Panoramen liefern.

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Google Luna X-Prize: Roboterautos bei "Apollo 17"

Am teuersten bei einer geplanten Reise zum Mond ist der Start, eine Rakete kostet viele Millionen. Um Geld zu sparen, wollen die PartTimeScientists, genau wie andere Teams im Wettbewerb auch, gewissermaßen per Anhalter bei anderen Missionen mitfliegen. Die Deutschen haben sich dafür nach eigener Angabe bei der US-Firma Spaceflight Industries eingekauft.

Das Unternehmen bietet Mitfluggelegenheiten auf diversen Raketen an, der "Falcon" von SpaceX oder der indischen "PSLV" zum Beispiel. In rund vier Jahren transportierte die Firma aus Seattle so knapp 80 vorwiegend kleine Satelliten ins All. Die Mondautos wären allerdings deutlich größer und schwerer als die bisherigen Lasten.

Wie viel das deutsche Team für das Ticket zahlt, wollen die Beteiligten nicht sagen. Normalerweise wären für eine Nutzlast dieser Größe aber wohl 20 bis 25 Millionen Euro bei Spaceflight Industries zu zahlen. Auch das israelische Wettbewerbsteam SpaceIL hat sich übrigens bei der Firma für die Reise zum Mond eingekauft.

Landestelle von "Apollo 17" im Blick

Die PartTimeScientists haben ihre Mission so geplant, dass sie auf der Spitze aller drei möglichen Raketen ins All reisen können. Am liebsten wären sie aber wohl mit SpaceX unterwegs - falls die Firma ihre Probleme nach der Explosion einer Rakete im September rechtzeitig in den Griff bekommt.

Mit wem auch immer das deutsche Team letzten Endes startet - nach dem Abheben von der Erde kümmert sich ein ebenfalls selbstersonnenes Navigations- und Landemodul namens "Alina" erst um die rund 385.000 Kilometer lang Reise vom Erdorbit zum Mond und dann auch um die Landung. Gebaut wird es derzeit von dem Team in Berlin, die Antriebstechnik stammt von Airbus Safran Launchers.

Der Plan ist es, im Taurus-Littrow Tal nicht weit entfernt von der Landestelle der letzten bemannten Mondmission "Apollo 17" aufzusetzen - und die Artefakte von 1972 dann mit den Roboterautos zu erkunden. Und Eugene Cernan, dem letzten Mann auf dem Mond, endlich ein Erinnerungsfoto davon zu liefern, dass er dort vor mehr als 44 Jahren die Initialen seiner Tochter in den Staub gekratzt hat.

Bei ihrer Reise wollen die PartTimeScientists weitere wissenschaftliche Experimente mit zum Mond nehmen, teils von zahlender Kundschaft. Von den 100 Kilogramm Nutzlast des Landers entfallen jeweils 35 Kilo auf die Rover; bleiben 30 Kilo übrig für andere Versuchsaufbauten. Und für die Wikipedia-DVD.

Könnte man sich eigentlich - genügend Geld vorausgesetzt - noch einen Platz auf der Mondfähre kaufen? "Das wird mittlerweile sehr schwierig", sagt Karsten Becker. Alles voll. Deswegen arbeite man auch bereits an der nächsten kommerziellen Frachtmission zum Mond. Sie soll um das Jahr 2022 landen, dann am Südpol des Himmelskörpers.



insgesamt 24 Beiträge
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Deine Mami 01.12.2016
1. Die Erde ist nicht genug....
Nein, jetzt wird auch noch der Mond mit Schrott versehen. Was für eine schäbige Angewohnheit der Menschen.....
felisconcolor 01.12.2016
2. Gründen sie
Zitat von Deine MamiNein, jetzt wird auch noch der Mond mit Schrott versehen. Was für eine schäbige Angewohnheit der Menschen.....
eine Partei und versprechen sie ihren Wählern das der Rest des Sonnensystems ein Naturpark wird. Es gibt bestimmt Leute die sie wählen werden. Ach wie lebt es sich eigentlich so in einer Natursteinhöhle mit offenem Feuer und Felldecken? Sie leben nicht in einer Höhle? Sie haben Anteil an den Segnungen der Technologie (wunderte mich schon wie man in eine Höhle WLAN bekommt)? Dann wäre ich vorsichtig mit solchen Äusserungen. Wer im Glashaus sitzt tritt schnell in die eigenen Scherben.
burnedout 01.12.2016
3. Sehr geniales Projekt!
Wenn es keine Mindestgröße geben muss und "nur" Bilder über 500 m zählen, könnte man dann nicht einen Kugelbot von wenigen cm Durchmesser mit einer Railgun direkt auf den Mond schießen? Nun, wahrscheinlich nicht ;) aber das wäre mein "Wie schafft man das mit 100€?"-Gedanke.
schwerpunkt 01.12.2016
4.
Zitat von Deine MamiNein, jetzt wird auch noch der Mond mit Schrott versehen. Was für eine schäbige Angewohnheit der Menschen.....
Ich bin mir sicher, dass die Lunarianer rechtzeitig eine Eingabe bei der UNO beantragen, wenn wir Terraner das dortige Biotop in untragbarer Weise belasten. Die entsprechenden Formulare liegen seit 1961 auf Alpha Centauri zur allgemeinen Ansicht und Einspruchnahme aus.
schwerpunkt 01.12.2016
5.
Zitat von Deine MamiNein, jetzt wird auch noch der Mond mit Schrott versehen. Was für eine schäbige Angewohnheit der Menschen.....
Wie heißt denn das lunarische Pendant zur Partei die Grünen? Die Grauen?
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