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"Grail"-Mission Nasa filmt erstmals Mond-Rückseite

Was verbirgt sich auf den erdabgewandten Bereichen des Mondes? Bislang gab es nur Fotos von diesen Gebieten. Die Nasa hat nun die ersten Filmaufnahmen von dort veröffentlicht. Der Clip räumt endgültig mit dem Mythos von der "dunklen Seite" des Erdtrabanten auf.

Berlin - Man muss es so klar sagen: Der Name ist eindeutig Etikettenschwindel. Was die englischsprachige Welt die "Dark Side", die dunkle Seite des Mondes nennt, ist in Wahrheit im Durchschnitt heller als andere Gebiete des Erdtrabanten. Die Sonne scheint natürlich auch auf die erdabgewandte Seite des Mondes. Auch gibt es dort weniger mit dunkler Lava geflutete Tiefebenen.

Bis 1959 aber kannte die Menschheit die Rückseite des Mondes nicht. Schuld daran ist ein Effekt, den Planetenforscher als Gebundene Rotation bezeichnen. Weil sich die Massen von Erde und Mond so stark unterscheiden, ist die Umdrehungsgeschwindigkeit des Erdtrabanten an die Umlaufgeschwindigkeit um unseren Planeten gekoppelt. Er wendet der Erde deshalb immer nur eine Seite zu.

Ende 1959 konnte die sowjetische Sonde "Lunik 3" erstmals 29 Aufnahmen der Mondrückseite zur Erde funken. Die Bilder waren damals eine Sensation, seitdem ist der Mond präzise kartiert worden.

Nun, mehr als 50 Jahre nach "Lunik 3", hat die Nasa den nach ihren Angaben ersten Film von der Mondrückseite veröffentlicht. Er wurde von einem Instrument namens "MoonKAM" ("Moon Knowledge Acquired by Middle school students") an Bord einer der "Grail"- Zwillingssonden gemacht.

Viert- bis Achtklässler suchen Beobachtungsziele aus

Eigentlich sollen die beiden Orbiter das Schwerefeld des Mondes hundert- bis tausendmal genauer bestimmen als bisher. Astronomen erwarten sich davon Aufschlüsse über die innere Struktur des Erdtrabanten. Doch "MoonKAM" hat ein anderes Ziel. Mit Hilfe der Kamera sollen die breite Öffentlichkeit im Allgemeinen und Schüler im Speziellen für den Mond begeistert werden. So ist auch der nun von der Nasa veröffentlichte Film zu verstehen: Der 30-Sekunden-Clip hat eher ästhetischen als wissenschaftlichen Wert.

Zu sehen ist der Flug der Sonde über die Mondoberfläche vom Nord- zum Südpol. Dabei lässt sich eindrucksvoll erleben, wie stark die Mondrückseite durch Einschlagskrater geprägt ist. In den kommenden Monaten sollen sich US-Schüler diese unwirtliche Gegend näher ansehen - auf Bildern, die "MoonKAM" auf ihre Anforderung hin macht.

Viert- bis Achtklässler werden sich nach den Plänen der Nasa Gebiete auf der Mondoberfläche aussuchen, die dann gezielt beobachtet werden. Mit Hilfe dieser Bilder sollen die Schüler zu Nachwuchs-Planetenforschern werden. Auf Seiten der Nasa betreut Sally Ride, die 1983 als erste Amerikanerin ins All flog, das Programm. Nach ihren Angaben haben sich schon 2500 Schulen aus dem ganzen Land angemeldet. Die ersten offiziellen "MoonKAM"-Bilder sollen im März gemacht werden.

Wie wichtig der Nasa ihre Schulinitiative ist, beweist auch die kürzliche Taufe der beiden "Grail"-Sonden. Statt "Grail-A" und "Grail-B" heißen sie in Zukunft "Ebb" und "Flow", Englisch für "Ebbe" und "Flut". Ausgedacht haben sich das Schüler der Emily-Dickinson-Grundschule in Bozeman (US-Bundesstaat Montana).

chs