Gute Manieren Gagarin zog beim Einsteigen die Schuhe aus

Vor 40 Jahren startete Jurij Gagarin ins All. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Gagarin-Biografen Gerhard Kowalski über den historischen Flug, die anschließende Verschleierungstaktik der Russen und Gagarins mysteriösen Tod.


SPIEGEL ONLINE:

Beim sowjetischen Weltraumprogramm begannen im März 1960 zwanzig zukünftige Kosmonauten ihr Training. Warum durfte dann ausgerechnet der Bauernsohn Jurij Gagarin fliegen?

Gerhard Kowalski: Einige sind aus disziplinarischen Gründen ausgeschieden. Auf gut deutsch gesagt, wegen Sauferei. Von den ursprünglich 20 blieben am Schluss noch sechs übrig. Wenige Tage vor dem Start fiel dann die Wahl auf Gagarin, unter anderem weil er dem Chefkonstrukteur Koroljow am besten gefiel. Er hatte ein typisch russisches Gesicht, eine typisch russische Biografie und eine offenen Art. Und außerdem gab es da eine Begebenheit wenige Wochen vor dem Start.

SPIEGEL ONLINE: Und die wäre?

Kowalski: Zu dieser Zeit bekamen die Kosmonauten zum ersten Mal die Chance, ihr Raumschiff in einer Werkhalle anzusehen. Auf die Frage, wer als Erster zum Probesitzen durch die 80 Zentimeter enge Luke einsteigen wollte meldete sich Gagarin. Vor dem Einsteigen machte er etwas ganz Entscheidendes: Er zog seine Schuhe aus. Es gefiel Koroljow unheimlich, dass das so ein ordentlicher Junge war.

SPIEGEL ONLINE: Wurde Gagarin vor dem Start psychologisch auf die Mission vorbereitet?

Kowalski: Psychologische Betreuung gab es erst später, als die Raumflüge länger wurden. Gagarin musste sich nur in die Kapsel setzen und heil wieder runterkommen. Die sechs Kosmonauten waren alles junge, wilde - und teilweise verrückte - Flieger. Die hätten Kopf und Kragen riskiert, um in die Wostok-Kapsel steigen zu dürfen. Für die Rolle des großen Helden war Gagarin nicht vorbereitet worden, schließlich wurde der Start von der Sowjetunion geheim gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Angenommen, Gagarins Mission wäre gescheitert, hätte die Weltöffentlichkeit je davon erfahren?

Kowalski: Mit Sicherheit. Kurz nachdem das Raumschiff die gefährliche Aufstiegsphase überwunden hatte, teilten die Russen mit, dass Gagarin unterwegs ist. Amateurfunker auf der ganzen Welt konnten die Signale aus der Kapsel empfangen. Damit wollten die Russen dokumentieren: 'Wir waren oben!' Die Amerikaner hatten zuvor ja schon mehrmals behauptet, die Russen hätten Fehlstarts gehabt.

Jurij Gagarin: Typisch russisches Gesicht, typisch russische Biografie
DPA

Jurij Gagarin: Typisch russisches Gesicht, typisch russische Biografie

SPIEGEL ONLINE: Halten sie es denn für möglich, dass es vor Gagarins Flug gescheiterte bemannte Missionen gegeben hat, die geheim gehalten wurden?

Kowalski: Nein. Das haben die Amerikaner auch nie wirklich ernsthaft behauptet. Vor Gagarin haben die Russen mehrere unbemannte Raumkapseln mit Puppen an Bord gestartet. Eine von ihnen hatte ein Tonbandgerät mit menschlichen Stimmen dabei, um die Funkverbindung zu testen. Als die Signale dann wegen Problemen der Kapsel verstummten, gab es einige, die behaupteten, das sei ein Mensch gewesen. Aber es ist hundertprozentig klar, dass vor Gagarin niemand geflogen ist.

SPIEGEL ONLINE: Seit einigen Jahren weiß man, dass Gagarin nach seinem Flug nicht in der Wostok-Kapsel gelandet ist, sondern in 7000 Metern Höhe mit dem Fallschirm ausstieg. Warum das?

Kowalski: Die Russen hatten von Anfang geplant, Gagarin automatisch aus der Kapsel zu schleudern. Die Technik war damals noch nicht so ausgereift, dass der Mensch in der rund zwei Tonnen schweren Kapsel landen konnte. Aus Gründen, die uns noch heute unklar sind, haben die Russen Gagarins Fallschirmlandung damals verheimlicht, angeblich weil die Internationale Astronautische Föderation den Flug sonst nicht anerkannt hätte. Nach deren Regeln muss der Rekordflieger nämlich in seinem Fluggerät zur Erde zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Bis zu seinem Tod hoffte Gagarin, noch ein zweites Mal ins All fliegen zu dürfen. Warum wurde ihm das nicht erlaubt?

Kowalski: Die Russen wollten Gagarins Leben nicht riskieren, weil er der lebende Beweis dafür war, dass die sowjetische Wissenschaft die beste der Welt ist. Anfangs durfte er noch nicht einmal mit dem Flugzeug fliegen. Ab 1967 drängte Gagarin immer stärker darauf, wenigstens wieder Flugzeuge fliegen zu dürfen. Daraufhin hat man ihm angeboten, dass er nach dem Abschluss seines Studiums im Februar 1968 wieder fliegen dürfe. Auch ein zweiter Raumflug wurde ihm in Aussicht gestellt. Bei einem Trainingsflug dafür verunglückte Gagarin dann tödlich.

SPIEGEL ONLINE: Um den Absturz mit einer Militärmaschine nordöstlich von Moskau gibt es zahlreiche Spekulationen.

Kowalski: Wir wissen aus russischen Geheimdokumenten, dass Schlamperei im Spiel war: Das Bodenradar funktionierte nicht, die beiden Piloten wurden mit inkorrekten Wetterdaten losgeschickt, ein anderes Flugzeug kreuzte unmittelbar nach dem Start ihre Bahn, außerdem waren zu dieser Zeit mehr als 20 Wetterballons in dem Gebiet in der Luft. Man geht heute davon aus, dass Gagarins Maschine mit einem dieser Wetterballons zusammengestoßen ist. Die offizielle Kommission hat damals die Schlampereien nicht untersucht, weil sonst verantwortliche Militärs ihren Kopf riskiert hätten.

Das Interview führte Christoph Seidler .



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