Herrschaft im All US-Militär besitzt Anti-Satelliten-Waffe

Die USA verschärfen ihre Kontrolle über den Orbit. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die US-Luftwaffe ein System in Dienst gestellt, mit dem sie jederzeit die Satelliten anderer Staaten ausschalten kann.


Satelliten des europäischen Navigationssystems "Galileo" (Simulation): USA behalten sich totale Kontrolle des Orbits vor
DDP

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Bei einer Konferenz des American Institute of Aeronautics and Astronautics im Oktober wurde bekannt, das die US Air Force ein Waffensystem bereits in Dienst gestellt hat, mit dem Satelliten anderer Staaten vorübergehend ausgeschaltet werden können: das so genannte "Counter Satellite Communications System".

Wie die Nachrichtenagentur Reuters vom Air Force Space Command erfahren hat, besteht das bodengestützte System aus Komponenten, die in jedem gut sortierten Funktechnik-Fachgeschäft erhältlich sind. Antenne, Sender und Empfänger sollen auf einem mobilen Lkw-Anhänger Platz finden. Drei solcher Systeme seien seit Jahresbeginn in Dienst gestellt worden. Kostenpunkt: nur 6,2 Millionen US-Dollar im Haushaltsjahr 2005.

Damit war die US-Luftwaffe bei weitem schneller, als sie selbst in ihrem langfristigen Zukunftsplan ("Transformation Flight Plan") vom November 2003 verkündet hatte. Demnach hätte das Anti-Satelliten-System erst im Jahr 2010 einsatzbereit sein sollen.

Das Gerät, ein so genannter Jammer, soll mit gewöhnlichen Radiowellen den Funkverkehr von Kommunikationssatelliten blockieren, erklärte das Air Force Space Command. Die gegnerischen Satelliten sollen dabei angeblich keinen Schaden nehmen. "Im Bedarfsfall wird die Fähigkeit unseres Gegners, unsere Streitkräfte zu bedrohen, verringert", erklärte Air-Force-Sprecherin Angie Blair. "Später können die Weltraum-Einrichtungen des Gegners wieder im ursprünglichen Zustand arbeiten."

Mit dem System setzt die US-Regierung konsequent ihre offizielle Doktrin der uneingeschränkten Herrschaft im Weltraum um. Im "Air Force Doctrine Document 2-2.1" vom August 2004 etwa heißt es, dass "potenzielle Gegner" auch mit militärischen Mitteln davon abgehalten werden sollen, "die Macht der Vereinigten Staaten zu übertreffen oder mit ihr gleichzuziehen". "Wir werden nicht zögern, notfalls allein zu handeln, um unser Recht auf Selbstverteidigung mit präventiven Maßnahmen wahrzunehmen", heißt es in dem Papier, dessen Voraussetzungen schon 1996 von der Clinton-Regierung geschaffen worden waren.

Das "Counter Satellite Communications System" stößt bei unabhängigen Beobachtern der Rüstungsindustrie nicht gänzlich auf Ablehnung. Theresa Hitchens vom privaten Center for Defense Information in Washington begrüßte, dass der Jammer Satelliten nicht in gefährlichen Weltraumschrott verwandeln, sondern nur vorübergehend neutralisieren soll. "Unglücklicherweise hat es jedoch den Anschein, dass wir uns bei unserem Streben nach der Kontrolle des Weltraums nicht auf gutartige Systeme beschränken werden", betonte Hitchens. Sie warnte vor einem Rüstungswettlauf im All.

Solche Bedenken kommen nicht von ungefähr: Bereits im Juni dieses Jahres wollte das Pentagon das "Near Field Infrared Experiment", kurz NFIRE, starten. Erstmals wäre ein Satellit im Orbit stationiert worden, der feindliche Satelliten hätte bekämpfen können. Nach scharfer Kritik im US-Kongress erwägt das Pentagon nun eine Entschärfung des Projekts, dessen Start sich damit auf Mitte 2005 oder sogar Ende 2006 verschieben würde.



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