15 Jahre ISS 450 Tonnen Technik und ein Millionenklo

Anmutig schwebt der Koloss im Orbit: Die Internationale Raumstation ISS wird 15 Jahre alt. Wie lebt es sich an Bord? Privatsphäre gibt es für die Astronauten kaum, es ist eng, Alkohol ist untersagt, und das pfiffige WC war eine Millionen-Investition.

NASA

Mit rund 28.000 Kilometern pro Stunde rast die Internationale Raumstation ISS um den Erdball. Raumfahrer schwärmen vom Ausblick auf unseren Planeten. Doch bis der kreisende Koloss seine heutige Form hatte, dauerte es Jahre: Am 20. November 1998 legten die Russen mit dem Modul "Sarja" den Grundstein für die internationale Forschungsstation. Zwei Wochen später dockte eine Space-Shuttle-Crew das US-Modul "Unity" an das Segment an.

Mehr als 200 Raumfahrer arbeiteten seitdem auf der ISS. Seit 2000 ist die Forschungsstation ständig besetzt. Doch das Leben im Inneren der Labor-Röhren ist unbequem. Kandidaten durchlaufen ein jahrelanges Training, um für einige Wochen auf der ISS leben zu können. Die außerirdische Wohngemeinschaft haust fast ohne Privatsphäre zwischen Computern und Kabeln, das Essen ist gewöhnungsbedürftig und Alkohol untersagt. Er wirkt im All viel stärker, weil der Körper in der Schwerelosigkeit Substanz abbaut.

Dinge wie Toilettengänge werden zum hochtechnischen Akt: Wegen der Schwerelosigkeit müssen die Bewohner ihre Beine an der Toilette festklemmen. Was auf der Erde mit Wasser weggespült wird, saugt Unterdruck zunächst in einen 20-Liter-Behälter und anschließend in einen Raumtransporter. Der dient als Müllcontainer und verglüht beim Absturz in der Atmosphäre. Rund 14 Millionen Euro kostet das Kosmo-Klo und kann notfalls sogar Urin zu Trinkwasser aufbereiten.

Ein Symbol der Völkerverständigung

Als erster Deutscher reiste 2006 der Astronaut Thomas Reiter auf die Raumstation. Fast die Hälfe seiner 350 Tage im All verbrachte er auf der ISS. Heute schwärmt Reiter, inzwischen Direktor für bemannte Raumfahrt bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa, von dem internationalen Projekt: "Die ISS ist das ideale Labor sowohl für Forschung in der Schwerelosigkeit als auch für die Erprobung neuer Technologien." Deutschland gehöre mit fast 100 Experimenten zu den intensivsten Nutzern der ISS.

Die meisten Bauteile der ISS stammen aus Russland und den USA, aber mit dem in Bremen und Turin gebauten Columbus-Labor hat sie seit 2008 auch ein "europäisches Zimmer". Gut ein Dutzend Nationen - neben den USA und Russland vor allem Europäer sowie Japan und Kanada - haben sich an der ISS beteiligt. Nach dem kosmischen Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA im Kalten Krieg ist die Raumstation heute auch ein Symbol der Völkerverständigung.

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Internationale Raumstation: Bauzeit 15 Jahre
Besondere Probleme brauchen besonderes Personal

Von Beginn an gab es aber auch Kritik. Die Gesamtkosten von mehr als 100 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum Nutzen, meinen ISS-Gegner. Keines der bisher mehr als 1200 Experimente auf der ISS habe Bahnbrechendes zutage gefördert, behaupten sie.

Um die Betriebskosten zu senken, könnten Raumfahrer theoretisch Experimente zur ISS bringen und nach einigen Monaten wieder abholen. Doch der US-amerikanische Chef des ISS-Programms, Michael Suffredini, warnt vor einer längeren Abwesenheit von Raumfahrern. Immer wieder seien Probleme aufgetreten, die nur von Astronauten vor Ort lösbar waren. Seit den Anfängen 1998 hat es auf der Station fast 200 Außeneinsätze gegeben, darunter auch einen mit Olympia-Fackel.

Europa will China an der ISS beteiligen

Doch die finanzielle Zukunft des fliegenden Labors steht in den Sternen. Bisher haben die Partner der ISS nur eine Finanzierung bis 2020 zugesagt. Auch deswegen schlagen die Europäer vor, China an der ISS zu beteiligen. Das Riesenreich plant derzeit den Aufbau einer eigenen Raumstation. Die USA und Russland sind skeptisch. Für sie hat Raumfahrt auch eine militärische Komponente. Zudem bezweifeln Experten, dass Peking seine eigenen Pläne fallenlässt, um eine alternde ISS mitzufinanzieren. Sollte die ISS tatsächlich nach 2020 verschrottet werden, wollen die Partner stattdessen kleinere unbemannte Labore im All betreiben.

Ungeachtet der Finanzierungsschwierigkeiten wird morgen wohl erst einmal gefeiert. Der ehemalige Raumfahrer Reiter räumt ein, die Alkoholregelung auf der ISS sei eher Richtlinie als Verbot. Zwar sei es wichtig, alle Sinne beisammen zu haben. Aber "es gibt hin und wieder Anlässe, bei denen ein kleiner Tropfen dazu gehört." Der 15. Geburtstag der ISS könnte ein solcher Moment sein.

hda/kpg/dpa

insgesamt 46 Beiträge
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sternfalke77, 20.11.2013
1. Web-live-cam der ISS
Für alle Interessierten, hier live-cam der ISS : DLR_next - (http://www.dlr.de/next/desktopdefault.aspx/tabid-7443/12421_read-30013/) DLR_next - "Fliegende Webcam" auf der ISS:
mknbmsp 20.11.2013
2. Glückwunsch
und noch weitere viele Jahre. Grundlagen Forschung ist das wichtigste was wir mit der ISS machen können. Und das sollten wir auch nach 2020 machen mit der ISS. Ohne sie gibts kein Weg zum Mars oder sonst wo hin.
cherea 20.11.2013
3. Toilette
und wir alle wissen warum die Toilette mal nicht funktioniert hat, Howard war's ;) http://www.youtube.com/watch?v=fDcrCtSfGCo die Folgen http://www.youtube.com/watch?v=DfdGyzTa_gc
maxwellq 20.11.2013
4. Grundlagenforschung
Die Kritiker sind vermutlich irgendwelche Wirtschaftsmenschen, die immer schauen müssen, ob sich etwas lohnt. Grundlagenforschung hat selten direkte Ergebnisse, die gleich zu einer Anwendung führen. Und solange alle beteiligten Staaten für ihre Rüstung pro Jahr das vermutlich 1000-fache oder mehr Ausgeben, was die ISS insgesamt gekostet hat, passt das schon, schließlich wird das Geld ja nicht im Vakuum des Weltraums verpuffen, sondern geht direkt in Unternehmen, die Hight-tech produzieren und Entwickeln. Und was das Highend-Klo betrifft, wir wissen ja alle, dass da auch ein gewisser Howard W. aus Pasadena, CA, mitgearbeitet hat! ;-)
lequick 20.11.2013
5.
Die Leute die gegen ISS sind, sind das die gleichen die auch gegen neue Bahnhöfe oder die Vertiefung der Elbe sind? Ups, da hab ich jetzt was pöses gesagt. Ansonsten: alles gute der ISS mit noch hoffentlich vielen vielen Jahren.
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