Internationale Raumstation Jubiläum für das fliegende Labor

Die teuerste Wohngemeinschaft der Welt feiert Jubiläum: Seit zehn Jahren ist die Internationale Raumstation dauerhaft besetzt. 350 Kilometer über der Erde wird seitdem geforscht - doch Kritiker stellen immer wieder die Frage nach dem Sinn der horrenden Ausgaben.

Internationale Raumstation (Februar 2010): Jubiläum im All
dapd

Internationale Raumstation (Februar 2010): Jubiläum im All


Was als großes Abenteuer begann, ist heute fast Normalität. Wenn Astronauten zur Internationalen Raumstation fliegen oder im Orbit neue Forschungsprojekte beginnen, sorgt das kaum noch für Aufsehen. Dabei ist die ISS ein Zeichen für erfolgreiche internationale Zusammenarbeit: Etwa 15 Nationen beteiligten sich an Bau und Finanzierung, darunter Deutschland.

Am 2. November 2000 bezog die erste Dauerbesatzung - zwei Russen und ein US-Amerikaner nach zweitägigem Flug das Quartier in rund 350 Kilometern Höhe. Seitdem gab es häufige Aus- und Einzüge - etwa 200 Mitbewohner kamen und gingen im Abstand von nur wenigen Monaten. Der erste Deutsche war 2006 der Astronaut Thomas Reiter. Gemeinsam arbeiteten Raumfahrer aus 16 Ländern auf dem Außenposten der Menschheit. Und sieben Abenteuertouristen besuchten die ISS, das Ticket kostete jedes Mal 20 Millionen Dollar. Doch die Bewohner haben mit Problemen wie in einer irdischen WG zu kämpfen: Immer wieder sind etwa die Millionen Euro teuren Hightech-Klos kaputt.

Baustelle im Orbit

Die ISS ist auch die größte Baustelle im All. Vor dem Bezug mussten mühsam mehrere Module in den Weltraum geschossen und dort zusammengeschraubt werden. Erst im kommenden Jahr soll die Station endgültig fertig sein. Geplantes Betriebsende: frühestens 2020. Schon jetzt ist die ISS die am längsten dauerhaft bewohnte Raumstation. Der sowjetische Vorgänger "Mir" war 2001 im Pazifik versenkt worden.

Aber auch die Unterhaltskosten für die Station selbst sind astronomisch. Der gesamte Nachschub muss mühsam mit Raumfähren herangeschafft werden: tonnenweise Wäsche, Post von den Lieben auf der Erde, Sauerstoff, Nahrungsmittel. Und das Essen im All kostet so viel wie in einem echten Sterne-Restaurant. Umgerechnet 350 Euro pro Besatzungsmitglied werden jeden Tag fällig. Dabei gibt es kaum eine kulinarische Abwechslung für die Bewohner. Der Speiseplan wiederholt sich alle acht Tage. Und zu essen gibt es nur Gerichte, die wegen der Schwerelosigkeit gut am Besteck haften bleiben. Brot ist hingegen verboten - die Krumen könnten die teure Technik verkleben.

Millimeterarbeit ist beim Andockmanöver gefragt, bei gleichzeitig enormen Tempo - schließlich rast die ISS mit etwa 28.000 Kilometern pro Stunde durchs All, immer wieder muss sie Weltraumschrott ausweichen. Etwa anderthalb Stunden braucht die Station für eine Erdumrundung. An Silvester können die ISS-Bewohner deshalb etwa 15 Mal auf das neue Jahr anstoßen.

Schabernack im All

"Die Station ist schön, sauber, hell, alles funktioniert", funkte der Kosmonaut Juri Gidsenko dereinst seine ersten Eindrücke aus der ISS zur Erde. Mit seinem Landsmann Sergej Krikaljow und dem US-Astronauten William Shepherd gehörte er zur ersten ISS-Besatzung, der "Mission One". "Es ist ein verblüffendes Raumschiff", schwärmt der zuständige Manager der US-Weltraumbehörde Nasa, Mike Suffredini, zehn Jahre später. Für ihn ist die ISS schlicht "die wohl schwierigste Aufgabe, die die Menschheit je gemeistert hat".

Doch die einstige Euphorie ist mittlerweile Routine gewichen. Die immensen Investitionen von vermutlich etwa 100 Milliarden Euro stünden in keinem Verhältnis zum wissenschaftlichen Nutzen, kritisieren ISS-Gegner. Forschungsprojekte lägen hinter dem Zeitplan. Auch andere Aktionen provozierten Fragen nach dem Sinn der horrenden Ausgaben für die ISS - wie etwa der Golf-Abschlag im All, den der Kosmonaut Michail Tjurin im November 2006 vollführte.

Von 2011 an stellen die USA ihre Shuttle-Flüge ein. Dann können Mensch und Material nur noch mit russischen "Sojus"- und "Progress"-Transportern ins All fliegen. Das sei vermutlich eine schwierigere Aufgabe als der erste Flug vor zehn Jahren, erklärte die russische Raumfahrtagentur Roskosmos. Beobachter fürchten, dass sich wegen der geringeren Transportmöglichkeiten die Entwicklung des Weltraumlabors weiter verzögert. Doch nun hat Russland den Bau von zwei Raumfähren ausgeschrieben. Es ist ein klares Signal: Die stolze Raumfahrtnation Russland hält an bemannten Flügen ins All fest.

Von Benedikt von Imhoff, dpa



insgesamt 21 Beiträge
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hightimes 01.11.2010
1. ...
Fortschrittsgegner aller Länder vereinigt euch. Vielleicht Montags in Stuttgart?
Zorpheus 01.11.2010
2. Welche Experimente werden dort gemacht?
Man liest überhaupt nichts über die Experimente, die auf der ISS gemacht werden. Immer nur, dass Leute hoch fliegen, und von Reparaturen. Das war bei der MIR besser. So ist es schwer zu sagen, worin der Wert der Station liegt.
Skade, 01.11.2010
3. genau
besser Milliarden den Banken hinterher werfern als Forschung betreiben. Grundlagenforschung braucht auch keiner, CPUs kommen von Intel und AMD, und Sony und Co. produzieren doch eh immer neu schöne technische Spielereien.
spdf, 01.11.2010
4. Impfstoff
Die ISS hat der Menschheit zumindestens einen Impfstoff gegen Salmonellen näher gebracht. http://spaceflightnow.com/shuttle/sts128/090907science/
mariner100 01.11.2010
5. Wo ist die Menschheit Gewinner?
Zitat von Skadebesser Milliarden den Banken hinterher werfern als Forschung betreiben. Grundlagenforschung braucht auch keiner, CPUs kommen von Intel und AMD, und Sony und Co. produzieren doch eh immer neu schöne technische Spielereien.
Ich habe ueber 20 Jahre an grossen Projekten der bemannten Raumfahrt mitgearbeitet. Mir faellt bis heute nicht ein einziges wissenschaftliches Ergebnis ein, dass auch nur annaehernd in einem angemessenen Kosten/Nutzen Ergebnis steht.Unbemannte Missionen haben bewiesen, dass der Nutzen fuer die Wissenschaft speziell und der Menschheit allgemein viel bedeutender ist. Technologisch werden in der bemannten Raumfahrt sicherlich interessante Dinge getrieben, aber der entscheidende Gewinn ist seit Apollo nicht eingetreten.
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