Anomalien bei Kosmonauten Weltraumreisen vergrößern Löcher im Gehirn

Schrumpfende Muskeln, hohe Strahlung: Der Aufenthalt im All belastet den menschlichen Körper extrem. Auch das Gehirn verändert sich laut einer aktuellen Studie - möglicherweise irreversibel.
Astronaut Alexander Gerst (r.) mit Kosmonaut Sergej Prokopjew und Astronautin Serena Maria Auñón-Chancello

Astronaut Alexander Gerst (r.) mit Kosmonaut Sergej Prokopjew und Astronautin Serena Maria Auñón-Chancello

Foto: Thomas Körbel/ DPA

Das Weltall ist ein unwirtlicher Ort für Menschen. Selbst die Internationale Raumstation (ISS) kann nicht vor allen Gefahren des Alls schützen. Viele Raumfahrer verlieren beispielsweise an Sehschärfe, je länger sie im All bleiben. Nun haben Forscher eine mögliche Ursache dafür gefunden, berichten sie im Fachblatt "Proceedings" der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") .

Demnach sorgt die minimale Schwerkraft dafür, dass sich Wasser im oberen Teil des Körpers ansammelt, auch im Kopf. Dadurch pumpen sich die natürlich vorkommenden Hohlräume im Gehirn - sogenannte Ventrikel -, die mit Hirnflüssigkeit gefüllt sind, auf. In den unteren Körperteilen nimmt die Menge an Flüssigkeit dagegen ab.

Vergrößerung auch nach sieben Monaten

Die belgisch-russischen Forscher um Angelique van Ombergen von der Universität Antwerpen hatten elf Kosmonauten untersucht, die sich zwischen 2014 und 2018 auf der ISS aufhielten. Sie werteten Hirnscans aus, die kurz vor dem Raumflug gemacht wurden und etwa zehn Tage nach der Heimkehr. Von einigen Kosmonauten lagen auch Hirnscans vor, die sieben Monate nach dem Rückflug aufgenommen wurden. Zum Vergleich scannten die Forscher die Gehirne von Nicht-Raumfahrern.

Das Ergebnis: Die Hirnventrikel vergrößerten sich bei den Kosmonauten während des Einsatzes um durchschnittlich fast zwölf Prozent. Nach sieben Monaten waren die Hohlräume zwar wieder etwas geschrumpft, aber immer noch gut sechs Prozent größer als vor dem Raumflug. Zudem fanden die Forscher einen Zusammenhang zwischen der Volumenzunahme der Seitenventrikel und der Verringerung der Sehschärfe im linken Auge. Auch vorherige Studienergebnisse hatten auf diesen Zusammenhang hingedeutet. Bekannt ist das Phänomen auch als Weltraumflug-assoziiertes neurookulares Syndrom (SANS).

Forscher untersuchen seit Langem, welche Folgen Langzeitaufenthalte im All auf Raumfahrer haben - besonders in Hinblick auf geplante bemannte Missionen zum Mars. Eine Studie mit den eineiigen Zwillingen Scott und Mark Kelly - beide Astronauten - hatte gezeigt, dass sich auch das Immunsystem im All verändert - allerdings nicht dauerhaft. Nach der Rückkehr bildeten sich die Anomalien wieder zurück.

Die Bedingungen auf der ISS sind extrem. Sie rast mit 28.000 Kilometern pro Stunde in etwa 90 Minuten um die Erde. In der Flughöhe von knapp 400 Kilometern sind noch 89 Prozent der Erdanziehungskraft vorhanden. Dennoch sind die Raumfahrer schwerelos, weil die ISS ständig in freiem Fall um die Erde kreist. Hätte sie nicht ihre hohe Geschwindigkeit, würde sie direkt nach unten fallen. Bei einer Reise zum Mars wären die Belastungen noch höher. Auf der ISS ist die Strahlenbelastung beispielsweise nur zehnmal höher als auf der Erde - im interplanetaren Raum zwischen Erde und Mars wären Astronauten einer dreißigfachen Strahlendosis ausgesetzt.

Im Video: 166 Tage im Weltall - Mit Alexander Gerst auf der ISS

SPIEGEL TV
koe/dpa
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