"Oumuamua" Interstellares Objekt wich von seiner Bahn ab

Der erste bekannte interstellare Asteroid veränderte seinen Weg durchs Sonnensystem auf überraschende Weise. Jetzt präsentieren Astronomen eine Erklärung für die mysteriöse Kraft.
"Oumuamua" (künstlerische Darstellung)

"Oumuamua" (künstlerische Darstellung)

Foto: DPA/ M. Kornmesser/ European Southern Observatory

Eines Tages bekommen wir Besuch von einem fremden Stern, das hatte Arthur C. Clarke schon früh geahnt. In "Rendezvous mit 31/439" schilderte der Science-Fiction-Autor bereits 1973, wie irdische Astronauten das interstellare Objekt "Rama" unter die Lupe nehmen - ein riesiges zylindrisches Raumschiff. Clarke datierte die Begegnung auf das 22. Jahrhundert.

Schade, dass der vor zehn Jahren verstorbene Brite nicht mehr erlebte, wie das Objekt "Oumuamua" im vergangenen Herbst an der Sonne vorbeiflog. Erstmals war den Astronomen ein Besucher aus dem fernen interstellaren Weltall ins Netz gegangen. Und dazu ein Sonderling, denn seine gestreckte Gestalt verblüffte die Experten.

In der aktuellen "Nature"-Ausgabe  enthüllt nun ein Forscherteam eine weitere Eigenart des speerförmigen, mehrere Hundert Meter langen Objektes: Beim Trip durch das Sonnensystem wurde es nicht nur von der Schwerkraft der hiesigen Himmelskörper beeinflusst. Eine zusätzliche Kraft veränderte seine Hyperbel-Bahn.

Rendezvous mit Außenseiter

Die Begegnung zwischen "Oumuamua" und dem Sonnensystem war eher ein Kurzbesuch: Am 19. Oktober 2017 entdeckte ein Teleskop auf Hawaii das Lichtpünktchen, als es sich rasch über den Himmel bewegte.

Bereits fünf Tage zuvor war "Oumuamua" an der Erde vorbeigeflogen, rund 60-mal weiter entfernt als der Mond, und niemand hatte davon Notiz genommen. Heute hat sich der hektische Besucher längst wieder weit entfernt und ist selbst für Großteleskope unsichtbar.

"Oumuamua" (künstlerische Darstellung)

"Oumuamua" (künstlerische Darstellung)

Foto: M. Kornmesser / ESA / Hubble / AFP

Zunächst hatten die Astronomen auf einen gewöhnlichen Asteroiden getippt, von denen Hunderttausende zwischen Mars und Jupiter kreisen. Bald konnten sie jedoch mit zusätzlichen Beobachtungen die Umlaufbahn genauer berechnen. Dabei entpuppte sich "Oumuamua" als krasser Außenseiter: Anders als alle bekannten Asteroiden oder Kometen war der Neuling kein Körper aus unserem Sonnensystem, vielmehr kam er aus den Tiefen des fernen Weltalls.

Rätselhafte Kraft

Außerdem erspähten die Astronomen keinerlei Hinweise auf ausgestoßenes Gas oder Staub, was für ein kometenartiges Objekt gesprochen hätte. Und die Spektren von "Oumuamua" schienen auf eine Zusammensetzung aus Gestein und Metall zu deuten - war das mysteriöse Objekt ein interstellarer Asteroid?

In der aktuellen Studie hat das Team um Marco Micheli vom Observatorium in Rom nun über 200 präzise Messungen der Position des Objektes ausgewertet, darunter auch 30 Messungen des Weltraumteleskops "Hubble".

Die Analysen ergaben, dass die gemeinsame Schwerkraft der Sonne, der großen Planeten plus Pluto, des Erdmondes und der 16 größten Asteroiden die beobachtete Bahn nicht zufriedenstellend erklären kann. Dies gelinge erst, wenn eine zusätzliche Kraft angenommen werde, so die Autoren.

Video: Flugbahn des interstellaren Asteroiden

Nasa

Doch welche? In Clarkes Erzählung zündet "Rama" in Sonnennähe einen geheimnisvollen Antrieb, um unser System mit hoher Geschwindigkeit zu verlassen.

Auch das Reisetempo von "Oumuamua" kann sich sehen lassen, "er kam auf über 300.000 Kilometer pro Stunde", so Asteroiden-Experte David Jewitt von der University of California aus Los Angeles, der an der Publikation nicht beteiligt war. Das bedeutet, in Sonnennähe brauchte der kosmische Raser für eine Strecke wie zwischen Erde und Mond kaum mehr als eine Stunde.

Was lenkte "Oumuamua" aus der Bahn?

Trotzdem: Ein Raumschiff von einem anderen Stern ist "Oumuamua" wohl nicht. Versuche, mit Radioantennen einen Lauschangriff zu starten, führten jedenfalls zu nichts.

So gehen auch Micheli und seine Kollegen von weniger fantastischen Ursachen aus, um die Flugbahn zu erklären. Sie favorisieren Ausgasungen, ausgelöst durch die Sonnenwärme. Dabei gibt ein Himmelskörper leicht flüchtige Stoffe ins All ab, beispielsweise verdampfendes Eis, was zu einem geringen aber stetigen Rückstoß führen kann.

Auf diese Weise begründete Bahnabweichungen sind bei einigen Kometen und sehr selten auch bei Asteroiden beobachtet worden. Für diese Theorie spricht, dass "Oumuamuas" Abweichungen bei größerer Distanz zur Sonne schwinden, und zwar mit einem Trend, wie man es für Ausgasungen erwartet würde.

Ist der Sonderling aus dem All nun ein Asteroid oder ein stärker eishaltiges Objekt, wie es für Kometen typisch ist? "Wir wissen, dass die allermeisten Objekte, die einst aus dem Sonnensystem geworfen wurden, eishaltig waren", so Jewitt. "Da ist es natürlich, dasselbe auch in diesem Fall zu erwarten." Die nun festgestellten Ausgasungen findet er folglich nicht überraschend, die Asteroidenthese sei nun überholt.

Was Jewitt allerdings umtreibt, ist "Oumuamuas" enorme Streckung. Tatsächlich ist kein anderer Himmelskörper bekannt, dessen Länge sechs- bis siebenmal seine anderen Dimensionen übertrifft. "Dafür gibt es momentan keine überzeugende Erklärung."

Obwohl Astronomen Jahrhunderte brauchten, bis sie endlich ein Objekt wie "Oumuamua" entdecken konnten, sind er und seine interstellaren Artgenossen wohl nicht so selten, wie man vermuten könnte.

Jewitt schätzt, dass etwa tausend Exemplare pro Jahr ins Sonnensystem eindringen und momentan sogar zehnmal mehr zwischen Sonne und Neptunbahn umherschwirren. Erst seit Kurzem stehen Teleskope zur Verfügung, die sie auch aufspüren können.

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