Interview zur Marsforschung "Wasser hat als Permafrost überdauert"

Auf dem Mars hat die Nasa-Sonde "Odyssey" riesige Eisvorkommen aufgespürt. Der beteiligte Planetologe Johannes Brückner vom Max-Planck-Institut für Chemie sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Entdeckung.


SPIEGEL ONLINE:

Schon öfter haben Wissenschaftler über Wasservorkommen auf dem Roten Planeten spekuliert. Jetzt hat die Sonde "Mars Odyssey" der US-Raumfahrbehörde Nasa weitere Hinweise entdeckt. Was ist neu an den Ergebnissen?

Planetologe Brückner: "Eisreicher Boden im Süden"

Planetologe Brückner: "Eisreicher Boden im Süden"

Johannes Brückner: Seit langem weiß man, dass in früheren Zeiten Wasser auf dem Mars existiert hat. Das zeigen zum Beispiel riesige ausgetrocknete Flusstäler, die Raumsonden fotografiert haben. Die Frage war aber immer: Wo ist das Wasser geblieben? Etwas ist sicher in den eisigen Polkappen gespeichert, doch über den Rest war nichts bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Manche Forscher haben vermutet, das Wasser sei einfach ins Weltall verdunstet.

Brückner: In den Mineralien des Gesteins ist jedenfalls vergleichsweise wenig Wasser gebunden, wie die Untersuchung von Meteoriten ergab, die vom Mars stammen. Mit den "Odyssey"-Daten haben wir jetzt aber eindeutige Hinweise darauf, dass mindestens ein Teil des Wassers als Permafrost im Boden überdauert hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie und Ihre Kollegen das Eis nachgewiesen?

Brückner: Wenn der Mars von kosmischer Strahlung getroffen wird, entstehen Neutronen- und Gammastrahlen, die die Bodenschichten wieder verlassen. Die Spektrometer an Bord von "Odyssey" messen aus der Umlaufbahn die charakteristische Energie dieser Strahlung und können so quasi den Fingerabdruck des Wasserstoffs im Boden nachweisen.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie, dass der Wasserstoff auch wirklich in Eis enthalten ist?

Brückner: Die "Odyssey"-Daten zeigen klar, dass in höheren südlichen Breiten sehr viel Wasserstoff im Boden ist - zu viel, um es anders als mit der Existenz von Wassereis zu erklären. Klimamodelle ergaben zudem stabile Existenzbedingungen für Permafrost genau in den Gebieten, in denen "Odyssey" den Wasserstoff entdeckt hat.

Spuren von Wassererosion auf dem Mars: "Als Permafrost überdauert"
REUTERS

Spuren von Wassererosion auf dem Mars: "Als Permafrost überdauert"

SPIEGEL ONLINE: Wie genau sehen die Eisvorkommen aus?

Brückner: Wir gehen davon aus, dass unter einer Deckschicht in etwa 20 bis 60 Zentimeter Tiefe eine eisreiche Bodenschicht liegt. Diese kann durchaus mehr als 50 Prozent Eis enthalten. Je näher man dem Südpol kommt, desto eisreicher ist der Boden, wobei die Deckschicht immer dünner wird.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Nordhalbkugel des Roten Planeten, wo sich nach Ansicht einiger Wissenschaftler früher ein Ozean befand?

Brückner: Weite Teile der Nordhalbkugel sind außerordentlich flach, als hätten Sedimente eines ausgetrockneten Meeres alles zugedeckt. Momentan ist dort aber der Boden in den höheren Breitengraden von gefrorenem Kohlendioxid bedeckt. Wir müssen deshalb warten, bis in einigen Monaten der Sommer anbricht und das Kohlendioxid-Eis verschwunden ist. Dann wird sich zeigen, ob auch dort Wassereisvorkommen unter der Oberfläche existieren.

Marssonde "Odyssey" (Zeichnung): "Fingerabdruck des Wasserstoffs"
NASA/ JPL

Marssonde "Odyssey" (Zeichnung): "Fingerabdruck des Wasserstoffs"

SPIEGEL ONLINE: Im nächsten Jahr will die Europäische Raumfahrtagentur Esa mit der Mission "Mars Express" ein Landegerät zum Nachbarplaneten schicken, und auch die Nasa plant zwei Rover. Können die Landeplätze noch in die eisreichen Gebiete verlegt werden ?

Brückner: Das wird nicht möglich sein. Die Landemethode eignet sich nur für äquatornahe Regionen, denn nur dort ist die Marsatmosphäre für die Fallschirme ausreichend. Aber auch am Äquator gibt es genug zu erforschen. Neben der chemischen Untersuchung des Marsgesteins interessiert die Frage, wie viel Wasser in den Mineralien gebunden ist. Der "Express"-Orbiter könnte außerdem mit seinem Radargerät tiefer in den Boden blicken als "Odyssey". Dann erfahren wir, ob die Eisschicht lediglich wenige Meter dick ist, oder ob es sich buchstäblich um die Spitze eines Eisberges handelt.

SPIEGEL ONLINE: Die entdeckten Eisvorkommen könnten bemannte Marsmissionen erleichtern. Sollten jetzt die Anstrengungen verstärkt werden, um möglichst bald Astronauten auf die lange Reise zum Roten Planeten zu schicken?

Brückner: Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man auf unbemannte Missionen setzen, so lange diese neue Erkenntnisse bringen können. Langjährige bemannte Missionen sind dagegen mit einem hohen Risiko für die Astronauten verbunden, auch aus medizinischer Sicht.

Das Interview führte Thorsten Dambeck



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.