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21. November 2005, 16:20 Uhr

Irreality-TV

Sender gaukelt Kandidaten Flug ins All vor

Mit großem Aufwand will der britische Fernsehsender Channel 4 eine Gruppe von Abenteurern in ein täuschend echtes Weltraumabenteuer schicken. Die gefoppten Freiwilligen leben fünf Tage in einem Space Shuttle, der zwar gehörig geschüttelt, den Boden aber nicht verlassen wird.

Verschwörungstheoretiker werden begeistert sein von dem, was die niederländische Produktionsfirma Endemol sich ausgedacht hat. Sie will, im Auftrag des britischen Senders Channel 4, vier Freiwilligen einen Flug ins Weltall vorgaukeln - und zwar so perfekt, dass diese der aufwendigen Inszenierung tatsächlich auf den Leim gehen. Wenn sich halbwegs gebildete Menschen vor ein bisschen Kulisse wie im Weltall fühlen, das zumindest werden sich die ewigen Zweifler am Apollo-Projekt fragen, wie einfach ist es dann, der ganzen Menschheit mit gut gestellten Fernsehbildern die Landung auf dem Mond zu verkaufen?

Raumfähre "Discovery" (Juli 2005): Hochauflösende Bilder der Erde im Fenster
NASA

Raumfähre "Discovery" (Juli 2005): Hochauflösende Bilder der Erde im Fenster

Der Aufwand für die Illusion ist gewaltig. Derzeit durchlaufen die neun Möchtegern-Astronauten ein russisches Kosmonautentraining. Angeblich in Russland - in Wirklichkeit werden sie aber auf einem britischen Militärstützpunkt fürs All gedrillt, der perfekt hergerichtet wurde. In den Papierkörben liegen sogar russische Zigarettenschachteln.

Die "Space Cadets", so heißt die im Dezember ausgestrahlte Reality-Show, werden streng von der Außenwelt abgeschirmt, damit sie von dem Schwindel auch nichts mitbekommen. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Endemol zudem Schauspieler in das Freiwilligen-Team eingeschleust, die bei Bedarf aufkommende Zweifel zerstreuen sollen.

Tatsächlich ins All "fliegen" sollen schließlich nur vier Personen, davon ein Schauspieler. Sie werden in einen Nachbau eines Space Shuttle steigen, in dem einst der Clint-Eastwood-Film "Space Cowboys" gedreht wurde. Insgesamt fünf Tage soll der virtuelle Flug dauern.

Die Raumfähre steht auf einer Hydraulik-Plattform, die die harten Stöße und Vibrationen beim Start simulieren soll. Eine gewaltige Soundanlage mit 60 Lautsprechern à 300 Watt sorgt für den passenden Höllenlärm. Hochauflösende Displays an den Fenstern zaubern bunte Bilder der Erde ins Cockpit - sogar ein Hurrikan über Mexiko wird in die Szenerie eingebaut (obwohl die Hurrikan-Saison im Dezember längst vorbei ist).

Mit der Wissenschaft nehmen es die Veranstalter ohnehin nicht so genau. Die Passagiere werden natürlich auch keine Schwerelosigkeit erleben - die wäre am Erdboden, wo der Shuttle steht, auch kaum zu simulieren. Stattdessen will Endemol den Teilnehmern einreden, dass der Flug nur in 100 Kilometern Höhe stattfinde, was ausreiche, um als Astronaut zu gelten, aber eben nicht, um Schwerelosigkeit zu erleben.

Endemol-Managerin Shirley Jones hofft, dass die perfekte Illusion gelingt: "Alle drücken die Daumen, dass es glaubwürdig erscheint", sagte sie "Nature News", der Website des Wissenschaftsmagazins.

Das Gelingen der Täuschung ist laut Jones vor allem eine Frage der Psychologie. Aus Hunderten von Bewerbern habe man jene herausgesucht, die zu einem gewisses Grad beeinflussbar seien, andererseits aber auch über Teamgeist, Fitness und die nötige Stressresistenz verfügten. "Das sind gewiss keine schwachen Persönlichkeiten oder Leichtgläubige", betonte Jones.

Die Auflösung des vermeintlichen Weltraumabenteuers steht bereits fest. Die Crew wird sich auf einen Weltraumspaziergang vorbereiten. Aus der geöffneten Shuttle-Tür werden die "Astronauten" jedoch nicht etwa in die Tiefen des Alls, sondern in die Gesichter ihrer Familien blicken.

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