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Fehlgeschlagener "Sojus"-Start Notfall in 70 Kilometer Höhe

Bei Start der Mission "Sojus MS-10" ist es zu einem schweren technischen Problem gekommen. Die Crew hat überlebt. Für die bemannte Raumfahrt ist die Notlandung ein herber Rückschlag.

In all dem Höllenfeuer ist es ein Moment der himmlischen Schönheit: Ungefähr zwei Minuten nach dem furiosen Start einer "Sojus"-Rakete vom Weltraumbahnhof Baikonur werden die vier Booster der ersten Stufe abgesprengt. Sie haben ihren Job getan und fallen als Schrott zur Erde zurück. Dabei ist am Himmel über der kasachischen Steppe eine Art Kreuz zu sehen, in seiner Mitte glüht die nach oben davonstrebende Rakete, die Booster kippen, noch immer hell strahlend, seitlich weg.

Als die Rakete "Sojus MS-10" am Donnerstag zu ihrem Flug abhob, schien das Kreuz irgendwie anders auszusehen, nicht so symmetrisch wie sonst. Und tatsächlich musste wenig später die russische Raumfahrtagentur Roscosmos ein Problem melden, als die Raumfahrer Alexeij Owtschinin und Nick Hague in ihrer Kapsel gerade etwa 70 Kilometer Höhe erreicht hatten.

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Panne bei "Sojus"-Start: Raumfahrer mussten notlanden

Foto: SHAMIL ZHUMATOV/ REUTERS

Rund zwei Minuten und 45 Sekunden nach dem Abheben passierte die Panne an der zweiten Raketenstufe. Die "Sojus" ist so ausgelegt, dass die Crew auch in problematischen Situationen nach dem Start sicher zur Erde zurückkommen kann. Die Kapsel wird abgesprengt und fliegt auf einer sogenannten ballistischen Bahn weiter. Das bedeutet, sie verhält sich im Prinzip wie eine Kanonenkugel.

Für die Crew an Bord sind die körperlichen Belastungen bei solch einer Landung deutlich höher als bei einer normalen Rückkehr aus dem All. Bei der ungeplanten Landung der Mission "Sojus 18-1" im April 1975 war die Besatzung dabei Kräften vom 21-Fachen der Erdbeschleunigung ausgesetzt - und überlebte wohl nur durch ein Wunder. Laut Nasa war die Belastung bei der aktuellen Panne deutlich geringer und lag zwischen dem Sechs- bis Siebfachen der Erdbeschleunigung.

Wie hoch die körperlichen Belastungen dieses Mal waren, ist noch nicht klar. Die wichtigste Nachricht lautet: Die Crew von "Sojus MS-10" hat überlebt und ist in guter Verfassung, teilte die Esa mit. Owtschinin und Hague landeten etwa 400 Kilometer nordöstlich vom Startplatz Baikonur in der Nähe der zentralkasachischen Stadt Schesqasghan.

Russland hat traditionell Rettungskräfte mit Hubschraubern entlang des Aufstiegspfades der "Sojus" stationiert, falls es zu Problemen kommen sollte. Die Einsatzkräfte erreichten die Kapsel tatsächlich nach vergleichsweise kurzer Zeit und meldeten "gutes Befinden" der beiden Raumfahrer. Die russische Nachrichtenagentur Interfax meldet später, die Astronauten würden für eine Nacht in einem Krankenhaus bleiben - für einen medizinischen Check-up.

Erste Panne seit Jahrzehnten

Für die bemannte Raumfahrt wird dieser Donnerstag trotzdem ein einschneidender Tag sein. Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass bei Russlands eigentlich bewährter Technik für die bemannte Raumfahrt ein massives Problem aufgetreten ist - bisher war das zuletzt höchstens bei unbemannten Flügen der Fall. Der Raketentyp "Sojus FG", mit dem auch der Start von "Sojus MS-10" durchgeführt wurde, hatte bei mehr als 60 Einsätzen bisher eine Zuverlässigkeit von 100 Prozent.

Und nicht nur das, das aktuelle Problem passierte auch noch quasi unter den Augen der höchsten Raumfahrtverantwortlichen Russlands und der USA. Roscosmos-Chef Dmitrij Rogosin und Nasa-Administrator Jim Bridenstine waren eigens nach Baikonur gekommen. Bei einem gemeinsamen Presseauftritt, Bridenstine im Anzug mit Krawatte, Rogosin im blauen Astronauten-Overall, bekundeten beide den Willen zur Kooperation.

Für den um internationale Partnerschaften bemühten Amerikaner Bridenstine war es die erste Reise nach Kasachstan, auch als Zeichen für die Wichtigkeit der Partnerschaft mit den Russen. Der Verlauf des Fluges von "Sojus MS-10" kann weder Rogosin noch Bridenstine gefallen.

Beide Seiten haben außerdem noch das mysteriöse Loch in der Kapsel von "Sojus MS-09" aufzuarbeiten. Vieles deutet darauf hin, dass dieses eine Folge von Problemen bei der Produktion war. Einen abschließenden Bericht der ISS-Partner zu dem Fall gibt es aber bisher nicht - und in russischen Medien wurde munter darüber spekuliert, ob nicht womöglich ein US-Astronaut das Loch im Orbit gebohrt haben könnte.

"Astro Alex" hat nun viel zu tun

Das "Sojus"-Problem vom Donnerstag dürfte die Forschung auf der Internationalen Raumstation massiv beeinträchtigen. Im Moment ist nur eine Dreier-Crew an Bord, angeführt vom deutschen Esa-Astronauten Alexander Gerst. Die Besatzung dürfte allein mit der Aufrechterhaltung des Betriebs alle Hände voll zu tun haben. Ein kurzfristiger Start für eine neue Crew dürfte mehr als unwahrscheinlich sein - und im Dezember sollen Gerst und seine beiden Mit-Raumfahrer zur Erde zurückkehren.

Womöglich lässt sich der Termin ein Stück weit verschieben - aber die Rückkehrkapseln haben sozusagen ein Mindesthaltbarkeitsdatum, an das man sich halten muss.

Zwar arbeiten die Amerikaner gerade mit Hochdruck an der Zulassung privater Astronautentransporter von SpaceX und Boeing. Doch beide sind bisher noch nicht geflogen. Und bis sie mit Menschen an Bord zur Internationalen Raumstation fliegen, werden mindestens noch einige Monate vergehen. Vielleicht auch länger.

"Sobald wir sicher sind, dass alles sicher ist, treffen wir die Entscheidung, dass wir Menschen dort hineinsetzten. Diese Entscheidung wurde nicht getroffen. Aber wir schreiten voran", so hat es Nasa-Chef Bridenstine vergangene Woche im Gespräch mit dem SPIEGEL beschrieben. "Sicherheit hat bei uns höchste Priorität."