Satellitenbild der Woche Schlüsselloch in die Unterwelt

In Japan gibt es jahrhundertealte, teils gigantische Grabhügel. Wissenschaftlicher haben die unzugänglichen Begräbnisstätten nun aus der Luft untersucht – und Neues entdeckt.
Daisenryō Kofun und andere Gräber sind auf Satellitenbildern deutlich im Stadtgebiet von Sakai auszumachen

Daisenryō Kofun und andere Gräber sind auf Satellitenbildern deutlich im Stadtgebiet von Sakai auszumachen

Foto: Sentinel Hub / ESA

Wenn es darum ging, bedeutende Persönlichkeiten beizusetzen, haben sich unsere Vorfahren mitunter sehr viel Mühe gemacht. Etwa mit den Pyramiden von Gizeh bei Kairo, die wohl zu den eindrucksvollsten Bauwerken der Menschheit zählen. Einen Grabstein von fast 140 Metern Höhe zu besitzen, wie Pharao Cheops, dem die größte der Pyramiden gewidmet war, ist etwas Besonderes. Auch das Taj Mahal in Indien ist ein Mausoleum der Superlative, das bis heute Besucher fasziniert.

Auch Grabhügel verschiedener Kulturen erreichen beträchtliche Größen. Die Kurgane der Skyten sind weithin über die eurasischen Steppen zu sehen. Im Inneren fanden Archäologen prächtige Goldarbeiten.

Ganz besondere, teils gigantisch große Grabhügel sind aus Japan bekannt, hier werden sie Kofune genannt. Im ganzen Inselstaat liegen Zehntausende solcher Anlagen, aber Berühmtheit erlangte der Daisenryō Kofun nahe den Ufern der Bucht von Osaka. Er gehört zu den größten Denkmälern, die jemals auf der Erde errichtet wurden: 486 Meter lang und 36 Meter hoch, umgeben von drei Wassergräben. Angeblich waren 2000 Männer nötig, die 16 Jahre lang schuften mussten, um ihn für Nintoku, den sechzehnten Kaiser von Japan, zu errichten.

Kein anderer Kofun erreicht diese Ausmaße, und nicht alle sind kreisrund. Gerade die größeren Anlagen besitzen häufig die Form eines Schlüssellochs. Eine japanische Besonderheit, die im Grunde nur deutlich wird, wenn man sie aus der Luft betrachtet – genau wie auf dem Satellitenbild oben.

Daisenryō Kofun: Für die Hügel wurden oft natürliche Erhebungen verwendet, die dann in die charakteristische Form gebracht wurden

Daisenryō Kofun: Für die Hügel wurden oft natürliche Erhebungen verwendet, die dann in die charakteristische Form gebracht wurden

Foto: imago/Kyodo News

Diesen Blickwinkel hat die Wissenschaft bei den Begräbnisstätten, die zwischen dem dritten und siebten Jahrhundert nach Christus angelegt wurden, auch nötig. Denn Archäologen können die Anlagen nicht einfach ausgraben. Der Zugang zu den zentralen Bereichen ist untersagt, sie gelten bis heute als heilige, religiöse Stätten. Viele Monumente sind eingezäunt, und es ist nicht erlaubt, sie zu betreten. Aus diesen Gründen ist es Forschenden unmöglich, genaue Messungen von Größe, Höhe und Ausrichtung vorzunehmen.

Wissenschaftler aus Italien haben deshalb nun hochauflösende Satellitenbilder ausgewertet, um mehr über die mysteriösen Hügelgräber herauszufinden. Vor allem die Anordnung interessierte sie. Das Ergebnis der Studie von Norma Baratta, Arianna Picotti und Giulio Magli vom Politecnico di Milano, nun im Fachmagazin »Remote Sensing«  veröffentlicht, zeigt: Die rund hundert Hügel, die für die Studie ausgewertet wurden, sind nach einem bestimmten Muster angelegt.

Satellitenbildansicht von Sakai nahe Osaka

Satellitenbildansicht von Sakai nahe Osaka

Die Eingangsbereiche, die ins Innere der unterirdischen Anlagen und zur steinernen Grabkammer führen, sind alle nach dem Bogen der aufgehenden Sonne ausgerichtet. Das passt gut zu den Erkenntnissen, die über die frühe kaiserliche Tradition Japans bekannt ist. In der Mythologie sahen sich die Herrscher als die direkten Nachkommen der Sonnengöttin Amaterasu.

Die Grabkammern befinden sich bei den schlüsselförmigen Kofunen meist im runden Teil der Hügel. Die Form dieser Anlagen war nicht zufällig gewählt: Bei der Begräbniszeremonie hatten nur Priester und Amtsträger Zugang zu diesem runden Teil des Schlüssellochs. Hier wurde über die Nachfolge des verstorbenen Tenno entschieden. Familienangehörige durften dagegen nur dem Sargzug auf dem keilförmigen Teil der Anlage beiwohnen.

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Auch der Daisenryō Kofun ist sehr deutlich nach der Sonne ausgerichtet, schreiben die Forscher. Hier hat man sich offenbar am Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende orientiert. Ein wenig über das Innere des Hügels, der erst kürzlich in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, ist aber doch bekannt. Im Jahr 1872 hat ein schwerer Sturm dem Riesengrab zugesetzt. Damals traten Helme, Glasschalen und Tonfiguren zum Vorschein. Doch wenn nicht gerade solche Schäden auftreten, bleibt das Schlüsselloch in die Unterwelt verschlossen. Dann darf niemand über die Brücke des zweiten Wassergrabens hinausgehen.

joe
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