Präsident Wladimir Putin machte jüngst bei einem Stabsmanöver unmissverständlich klar, dass das "Großrussland", so wie es ihm vorschwebt, auch in der Raumfahrt wieder ein Global Player sein muss. Dass der Kreml-Chef dabei auch die chinesische, japanische und westeuropäische Konkurrenz im Auge hat, dürfte außer Zweifel stehen.
Der Mann, der es richten soll, heißt Anatoli Perminov, ist Generaloberst und war bis vor kurzem noch Chef der Weltraumstreitkräfte. Nun hat ihn Putin an die Spitze der neu strukturierten zivilen Föderalen Raumfahrtagentur berufen. Perminov fackelte denn auch nicht lange und schlug eine härtere Gangart an. Seine erste Amtshandlung war ein Quasi-Ultimatum an die USA, deren Raumfähren nach der "Columbia"-Katastrophe bis auf Weiteres an den Boden genagelt sind.
Der General forderte, die Einsatzzeit der Stammbesatzungen in der Internationalen Raumstation ISS auf ein Jahr zu verdoppeln. Damit will er mehr Plätze für zahlungskräftige Weltraumtouristen in seinen dreisitzigen "Sojus"-Kapseln gewinnen, die zurzeit allein die ISS anfliegen können. Auf diese Weise hofft der Kreml, jene Ausfälle zu kompensieren, die durch die Weigerung der USA entstehen, sich finanziell am Bau zusätzlicher "Sojus"-Schiffe und "Progress"-Frachter zu beteiligen.
Dass die Amerikaner das "Angebot" gar nicht akzeptieren konnten, war dem General sehr wohl bewusst. Denn im Gegensatz zu den Russen verfügen sie bisher über keine ausreichenden Erfahrungen für solche Langzeitflüge. Nun darf man gespannt sein, wie der Kreml auf die Absage aus Washington reagiert. Perminows Sprecher Sergej Gorbunov drohte schon einmal: Während sein Land für die ISS "das letzte Hemd" gebe, kürzten die USA und Japan ihre Budgets für die Station. "Das kann nicht mehr lange so weiter gehen!"
Indes bauen die Russen ihre nationalen Raumfahrtkapazitäten und ihr arg löchriges Satellitennetz verstärkt aus. Ihr neues Superraumschiff "Clipper" ist multifunkional: Der wiederverwendbare Sechssitzer kann zur ISS fliegen, aber auch bis zu zehn Tage autonom operieren. Zudem ist er ein wichtiger Baustein für künftige bemannte Mond- und Marsflüge.
Die entsprechenden Pläne liegen fertig in der Schublade. Dafür hat das Heer der noch verbliebenen 270.000 Wissenschaftler, Konstrukteure und Ingenieure gesorgt. Sie haben nach der schmerzlichen Niederlage im Wettlauf um die bemannte Mondlandung in den 60er Jahren, die zugleich das Ende der sowjetischen Vorherrschaft im All bedeutete, fleißig weiter produziert.
Die Umsetzung der Blaupausen würde die Russen angesichts des großen Lohngefälles nur einen Bruchteil der Summe kosten, die die Amerikaner dafür veranschlagen. Die erforderlichen Raumschiffe sollen schon Mitte nächsten Jahrzehnts parat stehen - zehn Jahre früher als die amerikanischen. Einen Haken hat die Sache freilich: die Finanzierung. Doch wenn es hart auf hart kommt, wird der Kreml sicher kräftig in die Kasse greifen.
Russlands kommerzielle Raumfahrthoffnungen ruhen einmal mehr auf den "Proton"-Trägern. Im Stillen rechnet man zudem mit viel Arbeit für die Konversionsraketen "Dnjepr" und "Strela". Mit maximal 15 Millionen Dollar pro Start liegen die Russen hier mindestens zehn Millionen unter dem Preis der Konkurrenz. Die "Strela"-Träger sind sogar schon für 8,5 Millionen Dollar zu haben.
Zudem setzt der Kreml auf den europäischen Raumfahrtbahnhof Kourou in Französisch-Guayana. Schon Ende 2006 soll hier die erste modernisierte "Sojus"-Rakete aufsteigen - mit fast verdoppelter Nutzlast. Das verbessert ihre Chancen auf dem Nachrichtensatellitenmarkt erheblich. Bei den Nutzlasten bis drei Tonnen spekuliert Moskau sogar auf eine Monopolstellung.