Kollisionsgefahr Asteroid nimmt Kurs auf Erde

Am 16. März 2880 - die genaue Uhrzeit steht noch nicht fest - könnte die Erde mit einem massiven Asteroiden kollidieren. Doch findige Astronomen arbeiten bereits an Strategien, das Unheil abzuwenden.

Von Alexander Stirn




Die Gefahr hat keinen Namen. Nur eine Nummer: 1950 DA. Vier Ziffern und zwei Buchstaben, die für einen eher unscheinbaren Himmelskörper stehen, einen Asteroiden mit einem Durchmesser von etwas mehr als einem Kilometer.

Asteroiden-Einschlag auf der Erde: Kollision am 16. März 2880?
AP

Asteroiden-Einschlag auf der Erde: Kollision am 16. März 2880?

Vor 52 Jahren haben Astronomen den Felsbrocken am Himmel entdeckt. Doch noch bevor seine Umlaufbahn berechnet werden konnte, verschwand er wieder. 1981 wurde er zufällig fotografiert - und zunächst nicht erkannt. Erst Silvester 2000 stießen Forscher bei Routinebeobachtungen wieder auf 1950 DA. Seitdem haben Astronomen den Asteroiden nicht mehr aus den Augen gelassen.

Die ungewöhnlich lange Beobachtungsdauer hat die Experten zu einer gewagten Prognose verleitet - gekleidet in die gewohnt sperrige Wissenschaftssprache. Demnach bestehe "die nicht zu vernachlässigende Wahrscheinlichkeit einer Kollision mit der Erde", wie ein Team aus 14 Astronomen im renommierten US-Wissenschaftsmagazin "Science" schreibt.

"Nicht zu vernachlässigend" bedeutet dabei: Das Risiko, dass 1950 DA am Samstag, 16. März 2880, mit einer Kraft von 10.000 Megatonnen auf die Erde aufschlägt, liegt bei 0,33 Prozent. Klingt gering und ist doch tausendmal größer als das Risiko jedes anderen bekannten Objekts. Bislang hatten die Wissenschaftler basierend auf Hochrechnungen die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde in den kommenden 100 Jahren von einem großen Asteroiden getroffen wird, mit 1 zu 5000 angegeben.

Schneidende Flugbahnen: Position von 1950 DA am 5. April 2002
NASA/ JPL/ J. Giorgini.

Schneidende Flugbahnen: Position von 1950 DA am 5. April 2002

Beinahekollisionen sind wesentlich häufiger. Erst Anfang des Jahres schrammte der Asteroid 2001 YB5 nur knapp an der Erde vorbei - zumindest in astronomischen Dimensionen. Der erst kurz zuvor entdeckte 300 Meter große Himmelskörper passierte den Blauen Planeten in einer Entfernung, die etwa dem doppelten Abstand zwischen Erde und Mond entspricht. Am 8. März wurde es noch enger: Der Kleinplanet 2002 EM7 raste in nur 460.000 Kilometern an der Erde vorbei. Da er aus Richtung Sonne kam, wurde der 50 Meter große Himmelskörper erst Tage später bemerkt.

An Aufmerksamkeit mangelt es 1950 DA dagegen nicht. Die "Science"-Autoren, darunter Wissenschaftler vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa und vom California Institute of Technology, haben versucht, in die Bahn des Asteroiden alle derzeit absehbaren Kräfte einfließen zu lassen. So wird der Himmelskörper bis zum März 2880 15-mal dicht an Planeten vorbeifliegen. Die dabei wirkenden Anziehungskräfte können die Flugbahn entscheidend verändern.

Nasa-Forscher Jon Giorgini vergleicht die Berechnungen mit einem Trickstoß beim Billard: "Die ersten zwölf Kollisionen können wir recht gut berechnen. Aber für die letzten drei müssen wir eigentlich mehr über den Spielball wissen."

Denn würden allein die altbekannten Newtonschen Gesetze zum Tragen kommen, könnten die Erdbewohner sich langsam auf die Evakuierung vorbereiten. Während der kommenden 878 Jahre spielen aber noch andere Faktoren eine Rolle. Da die Sonne kontinuierlich Materie ins All bläst, schwächt sich das ohnehin unregelmäßige solare Gravitationsfeld ab. Auch die Kräfteverhältnisse innerhalb der Galaxie können sich verschieben, und die Planetenmassen selbst beruhen nur auf Schätzungen.

Am gravierendsten dürfte aber der so genannte Yarkovsky-Effekt zu Buche schlagen: Die Stelle des Asteroiden, die während seines Flugs am stärksten von der Sonne erhitzt wird, kann auf Grund der Eigenrotation des Himmelskörpers wie ein kleiner Raketenantrieb wirken - dann, wenn sie sich auf die Nachtseite dreht und dort die gesammelte Hitze in Form von Photonen ins All schleudert.

Da über die Form und die Rotationsachse von 1950 DA so gut wie nichts bekannt ist, lässt sich nicht vorhersagen, in welche Richtung der Yarkovsky-Antrieb wirkt. Giorgini und Kollegen schlagen deshalb vor, bei der nächsten Beobachtungsmöglichkeit im Jahr 2032, spätestens aber 2074 und 2105, die Bahnveränderungen durch den Yarkovsky-Effekt zu studieren und in die Berechnungen einfließen zu lassen. Am sichersten sei es aber, eine Sonde zu dem Asteroiden zu schicken.

Auch Joseph Spitale überlegt, 1950 DA einen Besuch abzustatten - um die fliegende Zeitbombe zu entschärfen. Wie der Planetenforscher von der University of Arizona ebenfalls in "Science" schreibt, müsste dazu lediglich die Beschaffenheit der Asteroidenoberfläche verändert werden. Dann falle der Yarkovsky-Effekt stärker oder schwächer aus. Der Himmelskörper schlage eine neue Bahn ein. Bis die Umleitung wirksam werde, vergehe allerdings mindestens ein Jahrhundert, so Spitales Berechnungen.

Möglichkeiten der Manipulation gibt es genug. So könnte ein vom Sonnenlicht angetriebenes Sonnensegel auf Kollisionskurs geschickt werden. Nach dem Zusammenstoß würde es den Asteroiden einwickeln und das Licht der Sonne reflektieren. Auch könnte Sprengstoff auf der gesamten Oberfläche verteilt und zur Explosion gebracht werden.

In der Theorie würde es sogar genügen, den Himmelskörper mit Ruß oder Kreide zu überziehen. Dafür wären allerdings, wie Spitale berechnet hat, rund 90 voll beladene Saturn-V-Raketen nötig. Der US-Forscher kann seinem Ansatz dennoch nur Positives abgewinnen: "Immerhin kämen wir dann um den Abschuss eines Atomsprengkopfes herum."



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