Komplexe Chemie Kometen enträtseln kosmische Ursuppe

Statt allein aus simpler Blausäure könnten Teile der Kometen aus deutlich komplexeren Stoffen entstanden sein. Astronomen haben ringförmige organische Moleküle im Verdacht, die gleichzeitig neue Hinweise auf die ersten Bausteine des Lebens liefern könnten.


Komet Hale-Bopp: Spuren des frühen Sonnensystems
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Komet Hale-Bopp: Spuren des frühen Sonnensystems

Vergleichen lohnt sich - auch im Universum: Die Vorkommen verschiedener leichter Elemente variieren von Himmelskörper zu Himmelskörper und können somit viel über die frühe Geschichte des Sonnensystems und seinen Ursprung erzählen. Eine besonders wichtige Rolle kommt dabei den Kometen zu, schließlich finden sich in ihrem Innern die am besten erhaltenen Überreste der jungen solaren Nebel - der Ursuppe unseres Sonnensystems.

Ein europäisches Astronomenteam um Claude Arpigny von der Universität im belgischen Lüttich hat daher nun die Zusammensetzung zweier altbekannter Kometen mit der der Erde verglichen. Wie die Forscher im Fachmagazin "Science" berichten, zeigte sich dabei, dass die chemische Zusammensetzung des frühen Sonnensystems möglicherweise deutlich komplexer war als bislang angenommen.

Auf der Suche nach den Spuren der Ursuppe konzentrierten sich die Forscher auf zwei charakteristische Farben in dem Licht, das von den Kometen zur Erde reflektiert wurde. Mit Hilfe dieser beiden Linien konnten sie das Verhältnis verschiedener Varianten der Elemente Kohlenstoff und Stickstoff in den weit entfernten Himmelskörpern messen.

Der Komet "Linear", mit vollem Namen auch "C/2000 WM1" genannt, wies dabei überdurchschnittlich viele schwere Stickstoff-Atome auf - deutlich mehr als die Erde und der intensiv untersuchte Komet "Hale-Bopp". Das deutet darauf hin, dass die aus Kohlenstoff und Stickstoff zusammengesetzten Cyanid-Ionen in dem Kometen ihren Ursprung nicht - wie bislang gedacht - in den relativ einfach aufgebauten kosmischen Blausäurevorkommen haben.

Vielmehr legen die "Linear"-Messungen nahe, dass das Cyanid aus deutlich komplexeren Molekülen entstanden sein könnte - möglicherweise aus so genannten aromatischen Kohlenwasserstoffen. Die ringförmigen organischen Moleküle könnten ein möglicher Baustein des Lebens sein.

Woher sie stammen und wie sie entstanden sind, bleibt zunächst unklar, so die Forscher in "Science". Vielleicht hatten die Ringmoleküle ihren Ursprung sogar in den äußersten Bereichen der Nebel, aus denen später das Sonnensystem hervorgegangen ist. Wenn sich die ungewähnliche Verteilung bis hinein ins Innere der Kometen erhalten hat, könnte das die Unstimmigkeit zwischen den gemessenen Cyanid- und Blausäurevorkommen erklären.

Alexander Stirn



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