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14. Oktober 2010, 17:37 Uhr

Kontroverse

Zweifel an Existenz von lebensfreundlichem Planeten

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Die Entdeckung hat weltweit Schlagzeilen gemacht: Forscher wollten mit hoher Wahrscheinlichkeit einen lebensfreundlichen Exoplaneten in den Tiefen des Alls gefunden haben. Andere Astronomen melden jetzt Zweifel an: Der Planet existiere womöglich gar nicht.

Schon mehrmals hatten Wissenschaftler gemutmaßt, eine potentiell lebensfreundliche Welt in den Tiefen des Alls gefunden zu haben. Ende September dann schienen die US-Astronomen Steven Vogt und Paul Butler sicherer als je zuvor: Der Felsbrocken namens Gliese 581g sei kaum größer als die Erde und umkreise seinen Stern in genau der richtigen Entfernung, um flüssiges Wasser besitzen zu können. Damit böte er gute Bedingungen für die Entstehung von Leben.

Der Stern Gliese ist unter Astronomen ein guter Bekannter: Vier Planeten waren zuvor bereits bei ihm entdeckt worden. Vogt und Butler fügten Ende September Nummer fünf und sechs hinzu, darunter den lebensfreundlichen Kandidaten. Allerdings hatten sie die beiden Planeten nicht direkt beobachtet, sondern ihre Existenz aus ihrer Gravitationswirkung auf den Stern abgeleitet (siehe Kasten links).

An diesen Berechnungen melden andere Forscher jetzt Zweifel an: Gliese 581g existiere vielleicht gar nicht, sagte Francesco Pepe vom Observatory of Geneva in der Schweiz. "Wir können die vier zuvor bekannten Planeten ohne Probleme finden", erklärte Pepe auf einer Tagung der International Astronomical Union in Turin. "Aber wir sehen keine Hinweise auf einen fünften Planeten, der den Stern in 37 Tagen umkreist." Damit war Gliese 581g gemeint.

US-Forscher geben sich unbeeindruckt

Wie das britische Magazin "New Scientist" berichtet, haben beide Forschergruppen dieselben Daten des "Harps"-Instrument am Very Large Telescope in der chilenischen Atacama-Wüste verwendet. Vogt und Butler haben von dort 119 Messungen bezogen und benutzten zusätzlich 122 Datensätze des "HIRES"-Instruments am Keck-Teleskop auf Hawaii.

Pepe und seine Kollegen sahen sich 180 "Harps"-Datensätze an - und konnten darin keinen eindeutigen Hinweis auf Gliese 581g finden. Das Signal, das Vogt und Butler für den Planeten hielten, sei kaum stärker als das Hintergrundrauschen, sagte Pepe dem Magazin "Science News". Es gebe eine Wahrscheinlichkeit von mehreren Prozent, dass das Signal nur ein Datenfehler sei.

Vogt zeigte sich davon nicht weiter überrascht. "Es handelt sich um sehr schwache Signale", sagte er dem "New Scientist". Die 60 zusätzlichen Messpunkte, die Pepes Team vorlägen, müssten in dieser Hinsicht keine Verbesserung bedeuten. Vogt betonte außerdem, dass die Entdeckung von Gliese 581g erst durch die Daten des Keck-Teleskops möglich geworden sei, die vom Genfer Team aber gar nicht mit einbezogen wurden.

Kontroversen unter Planetenjägern keine Seltenheit

Vogt gab sich zuversichtlich, mit der Verkündung der Gliese-581g-Entdeckung richtig zu liegen: "Wir haben akribisch und akkurat die Informationen herausgelesen, die in diesen Daten vorhanden waren." Sein Team habe in den vergangenen 15 Jahren mehr als hundert Exoplaneten entdeckt. "Wir haben bisher noch keine falsche Behauptung veröffentlicht, mussten keinen Fehler einräumen und haben noch nie einen Artikel zurückgezogen."

Zudem sei man offen mit den bestehenden Unsicherheiten umgegangen, sagte Vogt. Tatsächlich haben er und Butler in ihrem Fachbeitrag betont, dass die Signale der beiden neu entdeckten Planeten-Kandidaten schwach seien, in den Datensätzen systematische Fehler stecken könnten - und dass es höchst wünschenswert wäre, wenn andere Teams die Berechnungen überprüfen würden.

Das ist nun geschehen, wenn auch mit einem für Vogt und Butler wenig erfreulichen Ergebnis. Allerdings ist es keine Seltenheit, dass Exoplaneten-Jäger uneins sind. "Derzeit laufen gleich mehrere Kontroversen um die Existenz von Planeten", sagt Hans-Jörg Deeg vom Instituto de Astrofísica de Canarias. "Es gibt immer gewisse Unsicherheiten in den Daten und unterschiedliche Methoden, sie herauszurechnen. Dabei sind unterschiedliche Resultate durchaus möglich."

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