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Raumfahrtkrise Erneuter Raketenabsturz schockiert Russland

Eine Trägerrakete explodiert, drei Satelliten zerstört: Der erneute Unfall einer Proton-M-Rakete stürzt die russische Raumfahrt zurück in die Krise. Im internationalen Wettbewerb droht das Land zurückzufallen, besonders gegenüber Europa.

Die Rakete dreht sich in der Luft, zerbricht und zerschellt schließlich in einem gewaltigen Feuerball. Bedrohlich breitet sich eine schwarze Wolke über dem Weltraumbahnhof Baikonur aus. Eine Rakete mit drei Satelliten und Hunderten Tonnen giftigen Treibstoffs ist explodiert. Von der russischen Trägerrakete vom Typ Proton-M und den Satelliten für das ambitionierte Navigationssystem Glonass blieben nur Trümmer. Ersten Angaben zufolge gab es keine Verletzten. Für die Raumfahrtnation Russland aber ist der Unfall ein weiterer schwerer Rückschlag.

Der Schaden beträgt geschätzte 200 Millionen US-Dollar (rund 153 Millionen Euro). Nach ersten Erkenntnissen waren Fehler im Antriebssystem der Rakete Schuld. Für die stolze Raumfahrtnation Russland ist es bereits die dritte schwere Panne in diesem Jahr.

Im Januar konnte die Bodenstation nur mit zwei von drei Militärsatelliten vom Typ Rodnik, die mit einer Rokot-Trägerrakete vom Kosmodrom Plessezk in Nordrussland gestartet waren, Kontakt aufnehmen. Anfang Februar stürzte ein Kommunikationssatellit nach dem Start von einer schwimmenden Plattform in den Pazifik. Allerdings war den Russen nur wenige Tage danach ein Erfolg gelungen, als sechs US-Satelliten zugleich ins All gebracht wurden.

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Absturz in der Steppe: Das Ende der Proton-M

Foto: REUTERS TV/ Reuters

Der erneute Unfall wirft nun wieder die Frage auf, wie zuverlässig russische Raketensysteme sind. Nur 17 Sekunden nach dem Start stürzte die Proton-M-Rakete mit 600 Tonnen des hochgiftigen Treibstoffs Hydrazin (Heptil) an Bord am Dienstag über dem Kosmodrom ab. Die Unglücksstelle befinde sich 2,5 Kilometer vom Startblock entfernt, teilte die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos mit. Die Trümmer hätten einen Krater von bis zu 200 Metern Durchmesser in den Boden gerissen.

Wegen des giftigen Flüssigtreibstoffs seien in Baikonur zahlreiche Gebäude evakuiert worden. Das Hydrazin sei bei der Explosion zum größten Teil verbrannt, teilten kasachische Behörden in der Hauptstadt Astana mit. Gleichwohl habe Gefahr bestanden, dass sich die toxische Wolke ausbreite, sagte der kasachische Zivilschutzminister Wladimir Boschko der Agentur Interfax zufolge.

Wind und Regen trieben die verbleibenden giftigen Gase nach Ansicht von Experten von der Stadt mit 71.000 Einwohnern weg. Mehrere Gemeinden, die zum Teil Dutzende Kilometer entfernt liegen, forderten jedoch die Bewohner auf, Fenster geschlossen zu halten und nicht ins Freie zu gehen.

"Nicht gründlich überprüft"

Die Satelliten sollten drei ausgediente Bestandteile von Glonass ersetzen, mit dem Russland dem US-Navigationssystem GPS Konkurrenz machen will. Die Panne gilt zudem als Rückschlag im Wettbewerb mit der europäischen Ariane-Rakete. Schon im Dezember 2010 hatte Russland bei einem Fehlstart gleich drei Satelliten für Glonass auf einmal verloren. Schuld war damals ein Fehler in der Oberstufe einer Proton-Rakete.

Der Zwischenfall könnte zudem große Nachteile für die russische Weltraumindustrie haben. Das betreffe vor allem die Teilnahme Russlands an dem für 2016 und 2018 geplanten milliardenschweren ExoMars-Projekt, sagte der Experte Juri Karasch. Dabei wollen Roskosmos und die Europäische Weltraumbehörde Esa gemeinsam auf dem Roten Planeten nach Spuren von gegenwärtigem oder früherem Leben suchen. Als Träger sind Proton-Raketen vorgesehen. "Die Europäer könnten das Projekt insgesamt beenden", befürchtete Karasch.

Der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew setzte eine Untersuchungskommission ein. Kreml-Chef Wladimir Putin sei über den Zwischenfall informiert worden, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow. Die Ermittlungsbehörde leitete ein Verfahren ein. Zwei Proton-Starts im Juli und August würden vermutlich verschoben, meldete die Staatsagentur Ria Nowosti.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte, einen ungefährlicheren Raketentreibstoff zu entwickeln. "Flüge ins All dürfen kein hohes Risiko für die Umwelt darstellen", sagte Iwan Blokow von Greenpeace Russland. Kasachische Umweltexperten zeigten sich schockiert. "Das ist ein sehr schwerer Unfall", sagte der Ökologe Mels Jeleussisow. Er warf den russischen Technikern vor, die Rakete nicht gründlich überprüft zu haben. Zugleich forderte Jeleussisow die kasachische Regierung auf, Proton-Starts von Baikonur grundsätzlich zu verbieten.

Pannen der russischen Raumfahrt

Von Ulf Mauder und Benedikt von Imhoff, dpa