Weltraumschrott Riesige chinesische Raketenstufe stürzt zur Erde

Sie ist 30 Meter lang und fast 20 Tonnen schwer: Eine ausgebrannte chinesische Raketenstufe schlägt am Montag auf der Erde auf. Weltraumexperten verfolgen die Lage gespannt.
Start der "Langer Marsch 5B" am 5. Mai

Start der "Langer Marsch 5B" am 5. Mai

Foto: CHINA DAILY/ REUTERS

Wer das Spektakel mit eigenen Augen erlebt, dürfte erst einmal den Atem anhalten. Für ungefähr fünf Minuten zieht eine gut sichtbare, helle Flammenkugel langsam über den Himmel. Immer wieder lösen sich leuchtende Bälle von ihr ab und nach und nach senkt sich die Perlenschnur der Erde entgegen. "Ich beneide jeden, der so etwas schon einmal sehen durfte", sagt Holger Krag.

Bei der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) leitet Krag die in Darmstadt angesiedelte Abteilung für Weltraumschrott. Und obwohl er einen Absturz größerer Schrottteile aus dem All bisher nur aus dem Video kennt, weiß er sehr gut Bescheid, wie es dazu kommt: Unzählige Raketenteile, Satelliten und Trümmerstücke rasen um unsere Erde (Lesen Sie hier mehr über die Gefahren durch Weltraumschrott). Sind sie nicht zu weit draußen im All, werden sie dabei durch die Moleküle der Atmosphäre, die es dort noch gibt, verlangsamt. Je dichter die Atmosphäre wird, desto stärker die Bremswirkung - irgendwann stürzt das Material dann ab. Beim Weg durch die Atmosphäre zurück zur Erde wird es stark erhitzt. Kleinere Teile verglühen, größere Objekte können auch die Oberfläche unseres Planeten erreichen.

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"Rund 100 Tonnen an Weltraumschrott kommen pro Jahr auf der Erde an", sagt Krag. An diesem Montag dürfte eine beachtliche Menge des diesjährigen Raumfahrtabfalls auf einmal herunterkommen: Eine 30 Meter lange Stufe der erst Anfang des Monats gestarteten neuen chinesischen Rakete "Langer Marsch 5B" fällt dann zur Erde zurück. Das Ereignis gilt als größter unkontrollierter Absturz seit dem feurigen Ende der sowjetischen Station "Saljut 7" im Februar 1991.  

Wann und wo genau die Trümmer aufschlagen, ist noch nicht bekannt. US-Experten haben für die Raketenstufe, die sie unter der Inventarnummer 45601 in ihren Weltraumkatalogen führen, ein sogenanntes Wiedereintrittsfenster errechnet . Als wahrscheinlichster Wert wird 18 Uhr 38 mitteleuropäischer Sommerzeit am Montag angegeben, allerdings mit einer Fehlermarge von plus-minus sieben Stunden. Und selbst eine Verschiebung des Absturzes um einige Minuten bedeutet bereits eine Verschiebung des Aufschlagpunktes um Hunderte von Kilometern.

Ein paar Dinge lassen sich dennoch sagen:

  • Die "Langer Marsch 5B" ist komplett neu, Abschätzungen zu ihrem Wiedereintritt sind also mit größeren Unsicherheiten versehen. Die Masse der Raketenstufe lag aber – ohne Sprit - bei etwa 18 Tonnen. "Etwa 20 bis 40 Prozent davon haben eine gute Chance, den Wiedereintritt zu überstehen", sagt Krag. Das heißt, dass etwa drei bis sieben Tonnen Schrott den Boden erreichen dürften.

  • Die Rakete umkreist die Erde auf einer Bahn , die im Vergleich zum Äquator um rund 41 Grad geneigt ist. Das bedeutet: Der Einschlag der Trümmer kann sich nur zwischen 41 Grad nördlicher und 41 Grad südlicher Breite abspielen. Das heißt, in Europa wäre die Iberische Halbinsel gefährdet. In London, Berlin oder Moskau muss sich dagegen niemand sorgen, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Diese Regionen liegen zu weit nördlich.

  • Weltraumschrott schlägt mit einer deutlich geringeren Geschwindigkeit auf der Erde ein, als es Meteoriten tun. Das liegt daran, dass er auf dem Weg durch die Atmosphäre besonders effizient abgebremst wird. "Die Endgeschwindigkeit liegt bei etwa 300 Kilometern pro Stunde", sagt Krag. "Die kinetische Energie reicht aber trotzdem aus, um ein Dachgeschoss zu durchschlagen." Riesige Krater mit dampfenden Trümmern sind dagegen nicht zu erwarten. In der freien Landschaft sähe die abgestürzte Rakete eher aus wie illegal entsorgter Schrott.

  • Die Gefahr für einen Menschen, von einer abstürzenden Rakete getroffen zu werden, ist extrem gering. "Die Menschheit betreibt seit 60 Jahren Raumfahrt, und noch nie ist so etwas passiert", sagt Krag. Zwei Drittel der Erde sind mit Wasser bedeckt. Und auch die Landmasse ist eher dünn besiedelt, auch wenn es manchem Metropolenbewohner anders erscheinen könnte. Stelle man alle Bewohner der Erde Schulter an Schulter zusammen, ergäbe sich nur ein Quadrat mit nur 50 Kilometer Kantenlänge, rechnet der Esa-Experte vor.

Das heißt natürlich nicht, dass die Trümmer der "Langer Marsch 5B" keinen Schaden anrichten. Spätestens am Dienstag sollte klar sein, wo die Raketenreste eingeschlagen sind. Der Crash kann in der Nähe von Menschen erfolgen, wo er zeitnah entdeckt wird, aber natürlich auch unbemerkt ablaufen. Falls es keine Berichte über Schäden gibt, müssen Experten Radardaten entlang des berechneten Flugpfades auswerten. Wenn sich der Weltraumschrott an einem vorausberechneten Punkt nicht mehr am Himmel zeigt, muss er vorher abgestürzt sein.

Warum kommt es nun aber überhaupt zu solch einem massiven Absturz von Material aus dem All? Bisher hätten die Chinesen sich stets bemüht, möglichst wenig Weltraumschrott zu verursachen, sagt Krag. Warum das beim aktuellen Start nicht der Fall gewesen sei, ließe sich schwer sagen. Die "Langer Marsch 5B" ist Chinas bisher kraftvollste Rakete. Mit ihr soll Pekings neue Raumstation aufgebaut werden, auch Flüge zum Mond könnte sie bewerkstelligen. Beim ersten Start hatte sie außerdem eine neue Raumkapsel an Bord. Womöglich habe man beim Jungfernflug einfach andere Prioritäten gehabt, als sich um den Müll zu sorgen, so Krag.