Letzter "Endeavour"-Start Alles muss raus in Cape Canaveral

Melancholie ist die Grundstimmung auf dem Nasa-Weltraumbahnhof: Beim vorletzten Start eines Space Shuttles werden Souvenirs verramscht, Mitarbeiter beklagen das "Zerbrechen einer Familie" und suchen händeringend neue Jobs. Doch wissenschaftlich ist die "Endeavour"-Mission höchst spannend.
Nasa in schwerem Wetter ("Endeavour" am 28. April): "Es ist, als zerbricht eine Famile"

Nasa in schwerem Wetter ("Endeavour" am 28. April): "Es ist, als zerbricht eine Famile"

Foto: AFP / Nasa

Früher einmal hat diese Uhr den Puls der Menschen in die Höhe getrieben. Mit jeder Ziffer, die die Anzeige am Besucherzentrum des Kennedy Space Centers zurücksprang, steigerte sich die Vorfreude auf den Start des Space Shuttles. Doch der aktuelle Countdown, der am Freitagabend zu Ende gehen wird, verbreitet unter den Zuschauern vor allem eins: Melancholie. Denn in wenigen Stunden soll die Raumfähre "Endeavour" zu ihrer letzten Mission ins Weltall starten.

Nach ihr ist nur noch ein Space Shuttle an der Reihe, dann ist Schluss, vorbei. Ein dreißig Jahre langes Kapitel der Raumfahrtgeschichte geht zu Ende. Und auch den Nasa-Chefs, die vor dem Start alle Hände voll zu tun haben, wird es bang ums Herz. "So langsam überkommt mich dieses Gefühl", gestand der Launch Director Mike Leinbach, als er unlängst das Gefährt an der Rampe besichtigte und ihm klar wurde, dass dieser Anblick bald nicht mehr zu sehen sein wird. "Es ist, als zerbricht eine Familie", sagt Leinbach, "und das ist schwer zu verkraften."

Der Abschieds-Countdown macht den Start des Orbiters zu einem ganz bemerkenswerten Ereignis. Und als wäre es nicht schon genug für die Seele, so wirbeln drei Personen diesen vorletzten Aufbruch der Nasa ins All noch weiter durcheinander: Erstens ist da Präsident Barack Obama, der sich mit der ganzen Familie angesagt hat. Zweitens bewegt Gabrielle Giffords die Menschen. Das ist die Kongressabgeordnete, der ein Amokläufer in den Kopf geschossen hat und deren Genesung die Amerikaner verfolgen als würde Jesus persönlich die Behandlung vornehmen. Und drittens gibt es noch Giffords Gatten Mark Kelly, Kommandant der "Endeavour". Auf den Nasa-Plakaten sieht er so aus, als wäre er Schauspieler in einem Action-Film.

Fotostrecke

Alpha-Magnet-Spektrometer: Suche nach Antimaterie

Foto: Nasa / AMS

Doch die Inszenierung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weltraumbahnhof in Cape Canaveral schon bessere Tage erlebt hat. Sogar die Souvenir-Shops, die sich auf den Ansturm von rund 750.000 Schaulustigen eingestellt haben, bieten Raumfahrt-Devotionalien mit Rabatt an. Alles muss raus, und das gilt auch für viele tausend Angestellte, deren Arbeits-, und in vielen Fällen Lebensinhalt der Space Shuttle gewesen ist. Schon im Juli und August wird United Space Alliance, der größte Vertragspartner der Nasa für der Space Shuttle, 2000 Mitarbeiter am Kennedy Space Center entlassen.

Eine eigene Halle gibt es für Jobvermittler, die sich um die künftigen Arbeitslosen kümmern. "Die Stimmung hier ist bittersüß", beschreibt Garret Reismann die Atmosphäre auf dem Gelände im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zwei Mal war er als Bordingenieur mit dem Space Shuttle zur Internationalen Raumstation unterwegs, das letzte Mal vergangenes Jahr mit der "Atlantis". "Als ich mich nach der Landung noch ein letztes Mal zu ihr umgedreht habe, hat sich mir das Herz zusammengekrampft", erzählt der kleine Mann mit dem glänzenden, kahl rasierten Schädel.

Für die Astronauten ist die Vorstellung quälend, dass sich die USA aus der bemannten Raumfahrt weitgehend verabschiedet. Vorerst zumindest. "Dabei war das genau die Sache, weswegen ich stolz auf diese Nation bin", sagt Reisman. Jetzt sind es die Europäer und die Russen, sogar die Chinesen, die mit ihren Astronauten das All beherrschen. Eine Schmach, so empfinden das viele hier.

Reisman spricht wie die alle anderen hier nur von "The Gap", der Lücke. Das ist das Mantra, das die Nasa verbreitet. Es klingt nach Durchhalteparole und meint die Zeit nach dem Space Shuttle. Doch wird es wirklich nur ein Übergang sein zu etwas neuem, einem neuen Gefährt, mit dem die Raumfahrtnation wieder Leute in die Umlaufbahn schießt? Oder ist es ein Rückzug?

Therapiestunde in der Pressekonferenz

So glich eine Pressekonferenz am Donnerstag auch mehr einer Art Therapiestunde: Es ging um das kommerzielle Raumfähren-Programm, das die Nasa Mitte des letzten Jahrzehnts aufgelegt hatte, weil die Space Shuttles stillgelegt werden sollten. Vier Verantwortliche von Raumfahrt-Unternehmen saßen auf der Bühne, einer davon war Reisman, der mittlerweile für SpaceX arbeitet. Vor sich hatte er das Modell einer "Falcon"-Rakete hingestellt, oben drauf saß eine Kapsel, die SpaceX entwickelt und die sie "Dragon" nennen.

"Der Space Shuttle ist eine Art Brücke, die uns zu dieser Technik der Zukunft führt", preist er sein Gefährt an, das sieben Astronauten zur ISS schießen soll. Der Space Shuttle sei letztlich an seiner Komplexität erstickt, einer Komplexität, die ihn gefährlich und anfällig machte für Katastrophen. Die Untersuchung des Absturzes der Raumfähre "Columbia" im Jahre 2003 habe das ergeben. Der "Dragon" hingegen sei ein solides, ein einfaches und günstiges Modell, mit dem sich Menschen und Ladung in die Schwerelosigkeit verfrachten ließen.

"Es würde ein Traum in Erfüllung gehen"

Wenn Reisman so redet, klingt es als sitzen ihm Rechnungsprüfer gegenüber und keine Journalisten, die in diesem Raum tendenziell raumfahrtbegeistert sind. Er will Mut machen, dass es tatsächlich schon im Jahre 2014 oder 2015 zu einer neuen Mission mit einem Shuttle-Nachfolger kommen könnte. Doch mitreißend sind seine Worte nicht. Kein Vergleich zu dem Geist, der unter den Raumfahrttechnikern der USA dereinst geherrscht hat.

Wissenschaftlich kann sich in dieser deprimierenden Stimmung alle Aufmerksamkeit auf ein Gerät konzentrieren, auf das vor allem die Europäer stolz sind: Alpha Magnetic Spectrometer heißt es, abgekürzt AMS. Das sieben Tonnen schwere Messinstrument befindet sich in der Mitte des "Endeavour"-Laderaums. Über 500 Wissenschaftler haben am Bau des rund anderthalb Milliarden Dollar teuren Projekts gesessen. Eine wichtige Komponente kam von Forschern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, sowie den Universitäten in Karlsruhe und Aachen.

Bei den Europäern herrscht deshalb auch gute Laune: Wenn das Instrument an Bord des Raumfahrzeuges sicher ins Weltall transportiert worden ist, soll es in wenigen Tagen mit Hilfe eines Spezialkrans an die ISS montiert werden. Dann wird es sich auf die komplizierte Suche nach Spuren von Dunkler Materie und Antimaterie machen. Funktioniert die Elementarteilchenfalle, dann wäre das ein wichtiger Durchbruch: Die Raumstation ISS würde damit endlich zu einem großen, astrophysikalischen Labor.

Und so lief am Donnerstag zumindest einer an der großen Uhr von Cape Canaveral vorbei, für den der Countdown wie eine Art Erlösung scheint. Stefan Schael, Physiker an der Universität Aachen und deutscher Projektleiter des AMS, der in den fast 20 Entwicklungsjahren bereits alle Höhen und Tiefen durchlebt hat: "Es würde für uns alle ein Traum in Erfüllung gehen", sagt er auf der Besucherterrasse am Kennedy Space Center.

Schon zwei Stunden nach dem Start dürfte Schael einen ersten Eindruck haben, ob er Recht behalten hat. Dann beginnt sein Team mit einem ersten Systemtest, ob die Technik die Erschütterungen des Starts gut überstanden hat. "Dieser Moment ist für uns noch spannender als der Start des Space Shuttle."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.