Leuchtende Spur Meteorit Neuschwanstein gibt Rätsel auf

Vor einem Jahr fiel er vom Himmel - und traf fast Neuschwanstein. Der nach dem Schloss getaufte Meteorit ist erst der vierte, der noch im Flug von Kameras erfasst werden konnte. Doch seine Herkunft ist rätselhaft.

Von Martin Paetsch


Am Abend des 6. April 2002 bot sich zahlreichen Beobachtern in Zentraleuropa ein unheimliches Schauspiel: Ein Feuerball zischte über den Himmel und tauchte das Firmament für kurze Zeit in grelles Licht. In Bayern klirrten die Fenster, der Boden zitterte, die Polizei erhielt Dutzende Anrufe. Je nach Mentalität meinten Augenzeugen, abstürzenden Weltraummüll, ein Flugzeugunglück oder gar ein Ufo gesehen zu haben.

Leuchtspur von Neuschwanstein: Bayerischer Himmelsbote
DLR

Leuchtspur von Neuschwanstein: Bayerischer Himmelsbote

Doch bald stellte sich heraus, dass die seltsame Erscheinung ein Meteorit war. Überwachungskameras des "European Fireball Network" hatten die Leuchtspur des Himmelskörpers aufgezeichnet, anhand der Aufnahmen konnten Forscher das vermutliche Einschlaggebiet berechnen. Über drei Monate später wurde sechs Kilometer von Schloss Neuschwanstein entfernt ein 1,75 Kilogramm schweres Bruchstück gefunden.

Der Meteorit, kurzerhand auf den Namen des Schlosses getauft, hat Seltenheitswert: Er ist erst der vierte, der mit Hilfe von Fotos entdeckt werden konnte, die noch während seines Fluges entstanden. Astronomen können diese Bilder nutzen, um die Eintrittsbahn des abgestürzten Felsbrockens zu rekonstruieren - und damit seine Herkunft im Sonnensystem.

Ein Team um Pavel Spurný vom Astronomischen Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften in Ondrejov hat das nun für Neuschwanstein getan. Der Vergleich seines Orbits mit den Umlaufbahnen anderer bekannter Meteoriten führte, wie die Forscher jetzt berichten, zu einem überraschenden Ergebnis: Möglicherweise gehörte der bayerische Himmelsbote zu einem ganzen Schwarm kosmischer Felsbrocken, der sich regelmäßig dem Blauen Planeten nähert.

Meteorit Neuschwanstein: 48 Millionen Jahren unterwegs
Dieter Heinlein/ DLR

Meteorit Neuschwanstein: 48 Millionen Jahren unterwegs

Gemeinsam mit Jürgen Oberst und Dieter Heinlein vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat Spurný ermittelt, dass die Leuchtspur in 85 Kilometer Höhe, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Innsbruck, begann. In 21 Kilometer Höhe blitzte es auf - offenbar brach der anfangs etwa 300 Kilogramm schwere Brocken auseinander, bevor sich seine Spur westlich von Garmisch-Partenkirchen in 16 Kilometer Höhe verlor.

Wie die Forscher aus den Daten herleiteten, kreiste Neuschwanstein, bevor er sich in bayerischen Boden bohrte, auf einer elliptischen Bahn um die Sonne. Der berechnete Orbit ist praktisch identisch mit dem eines anderen Meteoriten, der vor über 40 Jahren in der Tschecheslowakei vom Himmel stürzte und nach seinem Fundort Príbram genannt wurde.

Ein bloßer Zufall? Wenn man 200 wahrscheinliche Meteoriten-Bahnen nimmt, so rechnen Spurný und Kollegen im Fachmagazin "Nature" vor, dann liegt die Chance, dass sich darunter zwei übereinstimmende Orbits befinden, bei eins zu hunderttausend. Deshalb vermuten die Wissenschaftler, dass Neuschwanstein und Príbram ein und demselben Schwarm von Asteroiden entstammen.

Doch seltsamerweise haben die beiden Meteoriten kaum Gemeinsamkeiten. Ihre chemische Zusammensetzung ist anders, und sie waren, wie Messungen zeigten, unterschiedlich lange der kosmischen Strahlung ausgesetzt: Príbram reiste, seit er aus einem größeren Mutterfelsen brach, nur zwölf Millionen Jahre durchs All, während Neuschwanstein viermal so lange, nämlich 48 Millionen Jahre, unterwegs war.

Wenn die beiden also einer bislang unbekannten Rotte von Himmelskörpern angehörten, dann muss diese nicht nur ungewöhnlich langlebig, sondern auch sehr heterogen sein. Die Forscher hoffen, dass sich in den Katalogen noch Asteroiden mit ähnlichen Bahnen finden, die mehr Informationen über den mutmaßlichen Schwarm liefern. Aufschluss könnten auch weitere bayerische Bruchstücke geben - der Hauptbrocken wird noch gesucht.



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