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"Mars 500"-Crew vor der Rückkehr "Wir vermissen die Frauen"

Big Brother unter verschärften Bedingungen: Wie übersteht man 520 Tage in einem fensterlosen Container? Im Interview erzählen zwei Teilnehmer der "Mars 500"-Mission, wie sie in einem Sandkasten die Marslandung probten - und warum ihnen in der Raumschiffattrappe die Frauen am meisten fehlten.

Am Freitag endet das längste Isolationsexperiment in der Geschichte der Raumfahrt. Nach 520 Tagen Einsamkeit steigen sechs Männer in Moskau aus einem Container, in dem sie einen fast 18 Monate dauernden Flug zum Mars simuliert haben. Das Deutsche Zentrum für Luft-und Raumfahrt, das an der "Mars 500"-Mission beteiligt ist, beschreibt das fensterlose Modul als "eine Mischung aus finnischer Sauna und ausgebautem Dachstuhl der siebziger Jahre".

Im SPIEGEL-ONLINE-Interview, das Moskau-Korrespondent Benjamin Bidder per Bordfunk führte, erzählen der italienische Elektroingenieur Diego Urbina und der russische Militärarzt Alexander Smolejewski, wie sie mit der Isolation klarkamen und warum 520 Tage trotzdem nicht reichen, um Chinesisch zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn am Freitag die Luke ihrer Raumschiffattrappe geöffnet wird, haben Sie über 500 Tage in fast vollständiger Isolation gelebt. Was werden Sie als erstes tun, wenn Sie rauskommen?

Urbina: Meine Mutter in den Arm nehmen. Sie reist aus ihrer kolumbianischen Heimat nach Moskau an. Sie hat versprochen, mich auf den neusten Stand zu bringen, was in unserer Familie passiert ist. Ich habe meine Familie schon sehr vermisst.

Smolejewski: Ich bin Militärarzt der russischen Streitkräfte. Ich werde mich umgehend um eine Fortbildung bemühen. Und dann will ich Angeln gehen.

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Pseudoastronauten: Leben in der Raumschiffattrappe

Foto: ESA

SPIEGEL ONLINE: Ihre Crew bestand aus insgesamt sechs Mann, drei aus Russland, zwei aus Europa und einem Chinesen. Ihr "Raumschiff" ist aber nur 180 Quadratmeter groß. Kommt es da automatisch zu Reibereien?

Urbina: Die Crew-Mitglieder kommen halt aus verschiedenen Kulturen. Aber wir hatten nie Probleme miteinander. Klar ist aber auch: Nicht jeder ist mit jedem eng befreundet.

Smolejewski: Wir haben sehr gut zusammengearbeitet und immer eine gemeinsame Sprache gefunden. Roman aus Frankreich kann inzwischen ganz gut Russisch. Aber Iwan wollte bis zuletzt lieber Englisch sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Iwan?

Smolejewski: So nennen wir Wang Yue aus China. Iwan hat ehrlich versucht, uns allen Chinesisch beizubringen. Aber wir hatten enorme Probleme, weil es im Chinesischen auf die Betonung ankommt. Ich zum Beispiel betone noch immer seinen Namen falsch: Wenn ich Wang Yue sage, hört sich das für ihn an wie das Wort "Fisch". 500 Tage sind zu wenig Zeit, um Chinesisch zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hält man den Tagesrhythmus ohne Tageslicht?

Urbina: Das war leicht. Die Wände zwischen unseren Kabinen sind so dünn, dass an Weiterschlafen nicht zu denken ist, sobald ein Crew-Mitglied aufsteht.

SPIEGEL ONLINE: Stimmen Meldungen, das Team habe gegen Ende der Mission an Depressionen gelitten?

Smolejewski: Nein. Ich verbringe ja sonst auch die meiste Zeit im Innern eines Forschungsinstituts, und im russischen Winter, wenn es sehr spät hell wird und sehr früh dunkel, sehe ich die Sonne auch kaum. Aber wir sind schon alle ziemlich bleich.

Urbina: Auf jeden Fall gab es Tage, an denen man sich nicht so gut gefühlt hat. Etwa dann, wenn Du wenig Kommunikation mit Leuten draußen hast, weil die meisten im Urlaub sind. Plötzlich bekommst Du keine Mails mehr - und fühlst Dich traurig.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Fantasie braucht man, um sich selbst vorzumachen, dass man zum Mars fliegt? Zur Halbzeit des Experimentes hat ja sogar ein "Landungstrupp" die "Marsoberfläche" erkundet, eine Art Sandkasten mit Lichterketten an der Decke, die Sterne imitierten.

Smolejewski: Wir spürten eine große Verantwortung, als wir den Ausstieg vorbereiteten, die Operation gut durchzuführen. Ich kann ausserdem versichern: Wenn Sie einen 30 Kilogramm schweren Raumanzug tragen und durch ein Zentimeter-dickes Glasvisier schauen, sieht das alles recht realistisch aus.

Urbina: Während des Hinflugs war das Gefühl stärker, dass wir uns auf einer wirklichen Mission befinden.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich auch zu einer richtigen Mars-Mission melden?

Smolejewski: Das ist riskant, klar. Aber ich bin moralisch dafür bereit.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie am meisten vermisst?

Urbina: Die Zufälle im normalen Leben. Wir haben zwar ein paar Mal Notfälle an Bord simuliert, aber ansonsten waren unsere Tage von Morgens bis Abends durchgeplant. Am meisten habe ich vermisst, dass einfach Mal etwas Unvorhergesehenes passiert. Und mir haben die Frauen gefehlt. Nicht aus sexuellen Gründen. Aber es ist einfach etwas anderes, mit einer Frau zu sprechen.

Das Interview führte Benjamin Bidder
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