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Marsfahrzeug "Curiosity" Wuchtbrumme im Anflug

Das Nasa-Mobil "Curiosity" ist so groß und schwer wie ein Auto - und soll in wenigen Tagen auf dem Mars aufsetzen. Es ist eine der kompliziertesten Landungen in der Geschichte der Planetenforschung. Wenn sie gelingt, können Forscher mit ungekannter Präzision nach Spuren von Leben suchen.

Das Jet Propulsion Laboratory, kurz JPL, ist ein riesiger Komplex am California Institute of Technology in Pasadena. Und schon bald wird sein Name zu außerirdischer Prominenz kommen. Die JPL-Mitarbeiter steuern die Raumsonden der US-Weltraumbehörde Nasa. Dazu gehört auch der Rover "Curiosity", der am 6. August auf dem Mars landen soll. Und die sechs Räder des Gefährts haben Aussparungen , die beim Abrollen den Namen des kalifornischen Zentrums im Morse-Code immer wieder in den Marssand drücken sollen:

  • Einmal kurz, dreimal lang: J,
  • einmal kurz, zweimal lang, einmal kurz: P,
  • einmal kurz, einmal lang, zweimal kurz: L.

Wenn bei der Landung alles glattgeht, werden die Forscher ihre interplanetare Reklame wohl öfter auf Fotos und Videos zu sehen bekommen - denn "Curiosity" soll mit bisher ungekannter Geschwindigkeit größere Distanzen überbrücken. Jeden Marstag soll der Rover bis zu 300 Meter hinter sich bringen, mindestens zwei Jahre lang.

Mit dem Planetenmobil wollen die Forscher wieder einmal die Antwort auf die Frage aller Marsfragen finden: Lassen sich im staubigen Boden unseres Nachbarplaneten Spuren von Leben nachweisen, Überreste von Bakterien etwa? Ziel der Untersuchungen ist diesmal der weitläufige Gale-Krater, wo mächtige Sedimentpakete liegen. In der Mitte der 150 Kilometer weiten Vertiefung erhebt sich der Mount Sharp oder Aeolis Mons, eine Art geologisches Archiv der Marsvergangenheit.

"Anspruchsvollste Mission zu einem anderen Planeten"

"Curiosity" hat für seine Analysen ein beeindruckendes Arsenal an Instrumenten an Bord: Schon auf dem Flug misst ein mit deutscher Hilfe entwickeltes Instrument die Strahlenbelastung. Nach der Landung geht es dann richtig los: Mit Spektrometern wird die Zusammensetzung von Gesteinen analysiert, mit einem Gas-Chromatografen nach organischen Verbindungen gefahndet, mit einer Neutronenquelle nach Wasserstoff im Boden gesucht. "Es ist die anspruchsvollste Mission, die wir je zu einem anderen Planeten geschickt haben", sagt Nasa-Manager Doug McCuistion.


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"Die Möglichkeit, organische Verbindungen nachweisen zu können, das ist wirklich neu", sagt Bernard Foing von der Freien Universität Amsterdam SPIEGEL ONLINE. "Und wir erwarten, dass es diese organischen Verbindungen auf dem Mars auch tatsächlich gibt." Der Astrophysiker ist an der europäischen Marsmission "Mars Express" beteiligt. Der Satellit soll am Morgen des 6. August nach Signalen von "Curiosity" lauschen. Die hochauflösenden Kameras des Esa-Spähers waren auch für die Wahl der passenden Landestelle hilfreich.

Denn die ist entscheidend, wenn man auf Erfolge hofft: "Organisches Material könnte sich am ehesten dort finden, wo lange Zeit Wasser geflossen ist", sagt Ralf Jaumann vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das Herauslösen von Nährstoffen wie Kohlenstoff, Kalzium oder Phosphor aus dem Gestein brauche Zeit.

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"Curiosity": Sechs Räder im Sand

Foto: NASA/ JPL-Caltech

Im Gale-Krater sind bereits Tonminerale und Sulfate nachgewiesen worden. In den Tonmineralen, so hoffen Forscher, könnten sich Spuren organischen Materials gehalten haben. Die Sulfate wiederum könnten exotischen Lebensformen als Nahrungsgrundlage gedient haben. Forscher um Alexander Pavlov vom Goddard Space Flight Center der Nasa in Greenbelt (US-Bundesstaat Maryland) gehen davon aus, dass sich einfache organische Moleküle schon kurz unter der Marsoberfläche finden lassen könnten. Im Fachblatt "Geophysical Research Letters"  haben die Forscher kürzlich geschrieben, dass etwa zehn Zentimeter Bedeckung ausreichend seien. In dieser Tiefe seien Verbindungen genügend vor gefährlicher Strahlung geschützt.

Doch selbst wenn "Curiosity" tatsächlich organische Verbindungen aufspürt, wären die nicht zwangsläufig ein Zeichen von Leben. Die Moleküle könnten auch durch Meteoriten zum Mars gekommen sein. Zudem könnten sich am Bohrer Teflonverbindungen lösen, was die Analysen zusätzlich erschweren würde.

Reste des Himmelskrans werden zum Absturz gebracht

Seine reiche Ausstattung mit Messinstrumenten macht "Curiosity" zur Wuchtbrumme: Der Rover hat eine Masse von 900 Kilogramm. Wegen des hohen Gewichts kann die Nasa ihre Sonde bei der Landung nicht wie etwa die Zwillinge "Spirit" und "Opportunity" mit Airbags abfedern - immerhin geht es um ein Bremsmanöver von halsbrecherischen 21.000 auf knapp drei Kilometer in der Stunde. Zum Einsatz kommen stattdessen ein Fallschirm, Bremsraketen und ein kompliziertes System namens "Sky Crane". Bei ihm wird, der Name legt es nahe, das Fahrzeug in der letzten Phase der Landung von einer Art fliegendem Kran zum Boden abgeseilt.

Die Überbleibsel des Absenkmechanismus sollen anschließend in sicherem Abstand vom Rover kontrolliert abstürzen. "Das wird keine gemütliche Landung. Ein Aufsetzen auf dem Mars ist immer äußerst risikoreich", sagt Nasa-Mann McCuistion. Das Zielgebiet für die Landung ist eng eingegrenzt: eine Ellipse von 20 mal 7 Kilometern - weit genug entfernt von den gefährlichen Klippen des Mount Sharp, um einen Crash zu vermeiden.

Der rund zwei Milliarden Dollar teure "Curiosity"-Rover wird auf längere Zeit das komplizierteste Gerät sein, das Menschen zum Mars schicken. Die Nasa hat aus Budgetgründen geplante Missionen zusammengestrichen. Die Amerikaner sind auch aus einer Marskooperation mit der Esa ausgestiegen. Beide Seiten wollten eigentlich 2016 einen Orbiter zum Roten Planeten schicken - und 2018 dann einen Rover. Ob die Europäer "Exo Mars" nun stattdessen mit Hilfe Russlands umsetzen können, ist längst noch nicht klar.

Für Mitte der dreißiger Jahre hat US-Präsident Barack Obama seinem Volk die Landung von Nasa-Astronauten auf dem Mars in Aussicht gestellt. Vorher sollte es allerdings eine Mission geben, bei der Bodenproben von einer unbemannten Kapsel zur Erde gebracht werden. "Die Probenrückführung kostet richtig Geld. Da sollte man sicher sein, was man macht", sagt DLR-Forscher Jaumann. Und genau dabei soll "Curiosity" helfen, wenn der Rover demnächst seine Morsebotschaft in den Sand schreibt.

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