"Mars Global Surveyor" Deutsche Mars-Kamera soll legendäre US-Sonde aufspüren

Wieso funkt der "Mars Global Surveyor" nicht mehr? Alle Kontaktversuche scheitern. Womöglich ist die Mars-Sonde verschollen - dabei war sie ein Vorzeigeprojekt der Nasa. Die letzte Hoffnung: eine deutsche Kamera an Bord des "Mars Express"-Satelliten.


Einen teuren Kundschafter für verschollen zu erklären, fällt nicht leicht - zumal wenn er weltweite Popularität genießt und seine Arbeit bestens gemacht hat. Doch das Eingeständnis rückt für die US-Raumfahrtbehörde Nasa näher: Seit Anfang November hat sie keine Signale mehr von ihrer altgedienten Sonde "Mars Global Surveyor" (MGS) empfangen.

Die Hoffnung schwindet, je wieder die Verbindung zum vor zehn Jahren gestarteten Beobachtungssatelliten herzustellen. Und langsam gehen der Bodenkontrolle die Ideen aus, wie man den verschollenen "Surveyor" noch kontaktieren könnte. Selbst mit dem digitalen Adlerblick der Hirise-Kamera an Bord des "Mars Reconnaissance Orbiter" konnte man ihn nicht sichten, als die beiden Raumsonden aneinander vorbeiflogen. Es wäre allerdings auch kein trivialer Schnappschuss gewesen: Die hochauflösende Kamera in Richtung des "Surveyor" zu schwenken, ist mittlerweile schwierig, denn nach über drei Wochen Funkstille weiß die Bodenkontrolle nicht mehr genau, wo er ist.

Anfang November gab es zuletzt einen kurzen Kontakt zum "Surveyor", und da verwirrte er die Techniker mit kryptischen Fehlermeldungen. Seitdem schweigt er, und seitdem versucht die Nasa Kontaktaufnahmen über das Deep Space Network (ein Netz von Relaystationen in den USA, Australien und Spanien). Doch diese Standardmethode zur Kommunikation mit Raumsonden blieb erfolglos.

Verschollen im Marsorbit

Mittlerweile wird die kostbare Beobachtungszeit der Hirise-Kamera für andere Aufgaben dringender benötigt: Der "Mars Reconnaissance Orbiter" soll damit geeignete Landeplätze für kommende unbemannte US-Landefähren finden. Deshalb hatte die Nasa den schon 2004 gelandeten Marsroboter "Opportunity" beauftragt, vom Boden aus den verschwundenen Kollegen anzufunken. Am 21. und 22. November überflog der "Surveyor" jeweils für gut zwölf Minuten dessen Landegebiet. Doch auch "Opportunity" konnte kein Signal der bis vor kurzem ältesten noch funktionierenden Marssonde auffangen. Sie meldet sich nicht.

Bis zu diesem Herbst war der "Mars Global Surveyor" der Nasa ein treuer Späher. Das 377-Millionen-Dollar-Projekt war mehrfach verlängert worden. Erst im September hatte die Nasa die Missionszeit erneut ausgedehnt - gleich um zehn Jahre.

"Die Sonde hat ihre Aufgaben mehr als erfüllt", sagt Lutz Richter vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln Porz. Richter gehört zum wissenschaftlichen Team der Marsrover "Spirit" und "Opportunity". Die "Surveyor"-Kamera war jahrelang führend in der hochauflösenden Erkundung der Marsoberfläche. Rund 240.000 Fotos schickte die Sonde zur Erde. Richter zu SPIEGEL ONLINE: "Global Surveyor trug entscheidend zur Auswahl der Landeplätze für die beiden Marsgefährte bei."

Der Weg zur Wasserstelle

Neben dieser Bilderflut waren es die Messdaten des Tes-Instruments (Thermal Emission Spectrometer) an Bord des "Surveyor", die den Marsrobotern den Weg wiesen. Die Signatur des Minerals Hämatit, die Tes in der äquatornahen Marsregion Meridiani Planum auffing, deutete auf eine wasserreiche Vergangenheit hin. Denn auf der Erde entsteht Hämatit meist unter Wassereinfluss. Meridiani Planum (eine Ebene von den Ausmaßen Deutschlands) wurde deshalb als Landeplatz ausgewählt, und offenbar lag "Mars Global Surveyor" richtig: Auch die Analyse in der Region brachte überzeugende Indizien für eine feuchte Mars-Geschichte. Ob in der heute staubtrockenen Region einst die Wellen eines flachen Salzwassersees schwappten oder Grundwasser das Gestein umspülte, ist allerdings immer noch unklar.

Flüssiges Wasser, wenngleich in geringeren Mengen, gab es wohl auch bis in die jüngste geologische Vergangenheit. Im Jahr 2000 fanden Nasa-Forscher auf "Surveyor"-Fotos seltsame Gräben, die sie "Gullies" tauften - "Abflussgräben". Diese zeigten sich bevorzugt an Abhängen zum Beispiel von Kraterwällen. Sie ähneln frappierend Strukturen, die Geologen von der Erde kennen. Bei uns entstehen sie, wenn Wasser im Untergrund Gestein und Bodenmaterial im Hang ins Rutschen bringen und die schlammige Mixtur talwärts stürzt.

Als Ergebnis dieser "Schlammströme" bleiben die Gullies zurück. Einige sind höchstens drei Millionen Jahre alt, folgerte der DLR-Forscher Dennis Reiss - in geologischen Zeiträumen kaum ein Wimpernschlag. Obwohl der Mars durch Vorgänger-Missionen schon komplett kartiert war, enthüllten erst die hochauflösenden Bilder des "Mars Global Surveyor" die nur wenige Kilometer langen Gullies.

Polargebiete im Wandel

Als dann in den vergangenen Jahren "Surveyors" Nachfolger in den Marsorbit einschwenkten, begann die Sonde vor allem noch Daten zur langfristigen Entwicklung des Marswetters zu sammeln, für Klimastudien. Sie konnte durch die lange Dauer ihrer Mission zum Beispiel Veränderungen in den Marspolargebieten dokumentieren - Anzeichen für Klimaschwankungen auf dem Planeten.

Noch scheut die Nasa davor zurück, offiziell das Ende des "Mars Global Surveyor" zu verkünden. Sie setzt auf weitere, wenig Erfolg versprechende Kontaktversuche von der Erde aus. So verfuhr die Weltraumbehörde schon beim Verlust früherer Sonden, zum Beispiel nachdem der Kontakt zu "Pathfinder" abgerissen war. Intern gilt die Chance zur Wiederbelebung des "Surveyor" allerdings als schlecht.

Einen letzten kleinen Hoffnungsschimmer für die US-Sonde sieht das Bodenpersonal ausgerechnet in der deutschen Bordkamera der Esa-Sonde "Mars Express". Sie kreist seit Weihnachten 2003 um den Nachbarplaneten der Erde. Erst seit dieser Woche wird "Mars Express" als neue Option für die Suche nach dem "Surveyor" gehandelt. Anfang Dezember werde die europäische Sonde etwa 200 bis 400 Kilometer an sie herankommen, sagt Ernst Hauber vom Berliner Institut für Planetenforschung zu SPIEGEL ONLINE. Er ist für die Einsatzplanung der Kamera zuständig.

Damit besteht Anfang Dezember noch einmal die Möglichkeit, den verschollenen "Surveyor" zu finden. Bis 10. Dezember wird es gleich mehrere Vorbeiflüge geben - wobei die beiden Sonden jedoch sehr schnell aneinander vorbeirauschen und Vermutungen über die exakte Bahn und die Position der Antennen von "Mars Global Surveyor" ungewisser sind denn je. Deswegen bleibt Experte Hauber skeptisch. "Die Beobachtungen sind sehr schwierig. Ich bin sehr pessimistisch, ob wir etwas für den 'Surveyor' erreichen können", sagt er.

Aber auch wenn die Sonde verschollen bleibt, wird sie offiziell wohl nicht vor Weihnachten aufgegeben. Als Anfang Dezember 1999 der "Mars Polar Lander" keine Signale vom Südpol des Planeten sendete, versuchten Nasa-Techniker noch bis Mitte Januar, das Raumfahrzeug zu erreichen - obwohl in seinem Fall recht klar war, dass es bei einem Absturz zerschellt war.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.