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Geplante Marskolonie Big Brother im Weltall

Ein niederländischer Unternehmer will den Mars besiedeln und daraus eine Doku-Soap machen. Jetzt begann die Ausschreibung, jeder kann sich bewerben. Leider hat die Sache einen Haken: Ein Rückflug-Ticket gibt es nicht.

Der Mars mag keine Menschen. Das bekam die Crew von "Mars One", dem fiktiven Raumschiff aus dem Science-Fiction-Film "Red Planet", schon vor 13 Jahren zu spüren. Da ging alles schief, was schiefgehen konnte. Der erste Mann starb gleich nach der Landung. Ein Roboter mutierte zur Killermaschine. Gefräßige Marswürmer griffen die Überlebenden an. Am Schluss kehrten nur zwei der sechs zurück.

Bas Lansdorp hofft, dass es seinen Leuten besser ergeht. "Das wird nicht leicht", ahnt der niederländische Unternehmer und Möchtegern-Raumfahrtpionier. "Doch es wird klappen."

Der Ingenieur meint es ernst: Er will eine menschliche Kolonie auf dem Mars gründen. Die ersten vier Siedler sollen schon in zehn Jahren auf dem roten Planeten landen. Mehr noch: Lansdorp will das ganze Abenteuer, vom Training bis zum Mars-Alltag, live im Fernsehen übertragen und die Zuschauer mit abstimmen lassen, wer fliegen darf - "Big Brother" im All.

Am Montag begann die Ausschreibung. Jeder kann sich bewerben , gegen 38 Dollar Gebühr. Doch Vorsicht: Dass Lansdorps Firma "Mars One" heißt, wie das unselige Raumschiff aus "Red Planet", ist nicht das einzige böse Omen.

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Für immer im All: "Sie werden Helden sein"

Foto: Mars One

Der Startschuss findet in einem Mittelklasse-Hotel in Manhattan statt, in einem Ballsaal mit traurig blätternder Tapete. Sechs Vertreter von "Mars One" sitzen da hinter handgemalten Namensschildchen, Mikrofonkabel schlängeln sich über den Boden. Von hier zum Mars, dazwischen liegen Galaxien.

Dann gibt's noch einen anderen Haken. Eine Heimkehr vom Mars sei zurzeit nicht machbar, weder finanziell noch technologisch. "Dies", warnt Lansdorp, "ist eine One-Way-Mission."

Der 36-Jährige hat viel Spott einstecken müssen, seit er die die Grundzüge des Projekts vor einem Jahr vorstellte. Die Zweifel bleiben. Das beginnt am Montag schon mit dem Werbefilmchen, das wenig bietet außer Computergrafiken, melodramatischer Musik und einem sonoren Sprecher ("Maaars…!").

Auch Lansdorp und sein Team drücken sich um klare Aussagen herum. Fest steht demnach nur: Es wird staubig und heroisch. "Sie werden Helden sein", sagt Lansdorp über seine Astronauten in spe, "die Heldenhaftes tun."

Na gut. Schließlich ist "Mars One" auch nur eine Marketingfirma. Die Hardware für die Himmelfahrt - Rakete, Raumschiff, Marsstation - sollen andere stellen. SpaceX zum Beispiel, das Raumfahrtunternehmen des Milliardärs Elon Musk: Mit dem sei man "im Gespräch". Auch Musk hatte jüngst ambitionierte Pläne für eine Marskolonie bekannt gegeben.

Rest des Lebens in widriger Welt

Für "Mars One" sollen die ersten vier Marsmännchen 2022 starten und nach sieben Monaten Reise ankommen, gefolgt alle zwei Jahre von weiteren Quartetts. Erst würden sie in einer engen Station leben, später eine "permanente Siedlung" bauen, am Ende eine ganz neue Zivilisation. Zeugungskraft vorausgesetzt.

Ein größeres Fragezeichen ist die Finanzierung. Lansdorp schätzt die Kosten des Open-End-Trips in die roten Hölle auf sechs Milliarden Dollar, plus "Budgetüberschreitungen". Andere sehen das eher im Billionen-Dollar-Bereich.

Daher die Doku-Soap. Kameras sollen jeden schwerelosen Schritt begleiten, TV-Rechte die Ausgaben decken. "Buchstäblich jeder auf der Welt wird das sehen wollen", prophezeit Lansdorp. "Das größte Publikum aller Zeiten."

Weshalb die Teilnehmer - neben dem Willen, den Rest ihres Lebens in lebenswidriger Atmosphäre zu verbringen - auch telegene Star-Qualitäten beweisen müssen. "Eine fast unmögliche Kombination von Charakterzügen", räumt Physik-Nobelpreisträger Gerard 't Hooft ein, der "Mars One" seinen Segen gegeben hat.

"Man kann nicht ins Kino"

Interessenten können sich per Kurzvideo bewerben. Mindestalter 18 Jahre, medinizische Auflagen: keine chronischen Krankheiten, keine Sehschwäche, kein Bluthochdruck, keine Beulen am Kopf, "sonst passt der Helm nicht", sagt Norbert Kraft, der medizinische Direktor des Projekts. Nach der vierten Auswahlrunde bleiben sechs Vierergruppen übrig. Die TV-Zuschauer bestimmen, welche als erste fliegt.

Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet. Wieso gibt es weder eine Sicherheitsanalyse noch ein detailliertes Budget? Was, wenn einer zurück will oder durchdreht? Was geschieht mit den Kolonisten, sollten die Betreiber pleite gehen? Oder die Einschaltquoten abschmieren?

Und dann die Langeweile: "Man kann da nicht ins Kino", sagt Kraft. Versteeg schlägt "malen oder lesen" vor. Ob man sich das auf Dauer im Fernsehen angucken will, bleibt dahingestellt.

Am misstrauischsten stimmt freilich etwas anderes. Ob Lansdorp denn selbst an Bord gehen würde? Klar doch, versichert er. Aber nicht wirklich: "Ich habe eine total nette Freundin, und sie will nicht mitkommen."

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