Millionenschweres Projekt Europäer wollen Weltraumschrott überwachen

Die europäische Weltraumbehörde Esa will sich künftig selbst um die Überwachung von Weltraumschrott kümmern. Doch die geplante Emanzipation von der Nasa ist sehr teuer - und wird fast zehn Jahre dauern.

Weltaumschrott (Daten von 1996): "In der Beobachtung noch sehr viel mehr tun"
DPA

Weltaumschrott (Daten von 1996): "In der Beobachtung noch sehr viel mehr tun"

Von


Im Moment des Crashs war Europa vollkommen ahnungslos. Nach der Kollision zweier Satelliten in der vergangenen Woche musste sich die Europäische Weltraumbehörde Esa erst Daten aus den USA kommen lassen, um die Gefährdung der eigenen Satelliten durch Trümmerteile abschätzen zu können. Das Space Surveillance Network der Amerikaner beobachtet ständig mehr als 17.000 Objekte im Erdorbit - und half mit aktuellen Informationen auch den Europäern aus der Patsche.

Doch die Esa will nicht ewig auf den Wissenstransfer über den Atlantik angewiesen sein. Stattdessen werkeln die Europäer nun an einem eigenen Überwachungsnetz. Die Pläne für dieses "Space Situational Awareness Programme" hat die Weltraumbehörde am Montag vorgestellt. "Man muss in der Beobachtung noch sehr viel mehr tun", sagte der Leiter der für Weltraummüll zuständigen Esa-Abteilung, Jean- François Kaufeler.

Das ganze wird ein teurer Spaß, so viel ist sicher: Eine erste Entwicklungsphase bis zum Jahr 2011 kostet 50 Millionen Euro. Dieses Geld ist bereits fest zugesagt. Wenn sich die Esa-Staaten dann entscheiden, das Programm fortzusetzen, kommen nach Expertenschätzungen noch Kosten von einigen hundert Millionen Euro hinzu. "Frühestens im Jahr 2017 oder 2018 kann man mit dem fertig ausgebauten System rechnen", sagt Esa-Experte Holger Krag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ein Netzwerk aus mehreren Messstationen soll fliegende Objekte ab zehn Zentimeter Größe erfassen. In Erdnähe, bis in etwa 2000 Kilometer Höhe, kommen starke Radarstationen zum Einsatz. Der Weltraumschrott ist recht ungleichmäßig verteilt: Besonders viele fliegende Schrotteile gibt es in 800, 1000 und 1500 Kilometern Höhe. Der knapp 36.000 Kilometer entfernte geostationäre Orbit ist etwas weniger verschmutzt. Doch auch er soll mit optischen Teleskopen abgesucht werden.

Bis zu 10.000 Jahre lang gefährlich

Die Höhe entscheidet, wie lange der Weltraumschrott um die Erde kreist. Objekte, die in weniger als 200 Kilometern um die Erde reisen, verglühen innerhalb weniger Tage in der Atmosphäre. Alles jenseits von 800 Kilometern kann hingegen eine halbe Ewigkeit kreisen. Russische Experten haben davor gewarnt, dass die Trümmer der Satellitenkollision aus der vergangenen Woche nun bis zu 10.000 Jahre um die Erde jagen werden.

Möglicherweise sind aber inzwischen auch einige Bruchstücke in die Erdatmosphäre eingetreten. Aus dem US-Bundesstaat Texas gibt es zahlreiche Berichte vom Wochenende, bei denen verschreckte Beobachter leuchtende Kugeln am Horizont beobachtet haben wollen. In einigen Fällen wurde auch von lauten Knallgeräuschen berichtet. Das Strategische Kommando des US-Militärs erklärte jedoch, es habe sich wohl nicht um Satelliten-Trümmer gehandelt.

Doch klar ist in jedem Fall: Selbst kleinste fliegende Trümmer sind eine Gefahr für andere Raumfahrtzeuge. Bereits der Aufprall eines ein Zentimeter großen Stückes könnte einen Satelliten schwer beschädigen und dessen Mission beenden, erklärte der Chef des European Space Operation Centre (ESOC), Gaele Winters. Deswegen müssten sich die Europäer auch selbst um die Weltraumüberwachung kümmern.

"Ein eigenes System würde uns einen Schub an zusätzlicher Sicherheit geben", sagt auch Holger Karg. Kollisionen im All, der Eintritt von Objekten in die Erdatmosphäre, Havarien bei Satelliten - all das könnten die Europäer dann rund um die Erde verfolgen. "Was wir brauchen ist ein Ansatz, mit dem man mit Sicherheit sagen kann, dass man alles sieht." Bisher könnten die Europäer lediglich Informationen verfeinern - wenn sie vorher einen Hinweis der Amerikaner bekommen hätten. Dann kommt etwa das Großradar "Tira" in der Nähe von Bonn zum Einsatz, oder das Esa-Teleskop auf Teneriffa.

Das neue europäische Überwachungsnetzwerk fürs All soll übrigens nicht nur Weltraumschrott im Blick haben. So sollen mit einem speziellen Flugkörper im All auch Sonneneruptionen erfasst werden, die Satelliten ebenfalls gefährlich werden können. Und auch erdnahe Asteroiden, sogenannte NEOs wollen die Esa-Experten beobachten. Denn auch hier ist Europa bisher auf US-Hilfe angewiesen.

Mit Material von dpa und AP.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.