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Mini-Putzsatellit "CleanSpace One" Schweizer entwickeln Müllabfuhr fürs All

Ein Reinemachdienst fürs All - und wer hat's erfunden? Die Schweizer natürlich! Der Mini-Satellit "CleanSpace One" soll gefährlichen Weltraumschrott gezielt zum Absturz bringen. Als Vorbild für die technische Umsetzung dient ein Meeresbewohner.

Es war eine ziemlich unschöne Vision, die Donald Kessler da hatte. Der Nasa-Berater entwickelte vor 20 Jahren das Szenario einer Menschheit ohne Raumfahrt - weil Weltraumschrott uns für lange Zeit daran hindern könnte, die Erde zu verlassen. Das Kollisionsrisiko würde Reisen ins All zur tödlichen Gefahr für die Astronauten machen. Durch eine Art Schneeballeffekt, so warnte Kessler, könnte sich die Zahl fliegender Schrottteilchen vervielfachen - und uns hinter einer undurchdringlichen Barriere einsperren.

Zehntausende Schrottteilchen umkreisen bereits jetzt die Erde. Doch ein Projekt aus dem Musterland für Ordnung und Sauberkeit soll nun dabei mithelfen, dass Kesslers Schreckensszenario nicht wahr wird. Forscher des Swiss Space Center an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (EPFL) im schweizerischen Lausanne haben am Mittwoch ihre Pläne für "CleanSpace One" vorgestellt. Sie wollen innerhalb von drei bis fünf Jahren eine Putzmission starten. Und die soll gezielt einen ersten ausgedienten Satelliten aus dem Orbit befördern; bei Erfolg könnte es dann weitere Einsätze geben.

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Weltraumschrott: Putzsatellit "Made in Switzerland"

Foto: SSC

Witze darüber, dass es natürlich die als penibel geltenden Schweizer sind, die das All säubern wollen, drängen sich beinahe auf. Doch die Leute von der EPFL meinen es durchaus ernst. Sie wollen ihre Technologie an einem Prestigeprojekt der Alpenrepublik testen: "Wir haben ein klares Ziel vor Augen", sagt Volker Gass, Chef des Swiss Space Center, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir wollen zunächst auf die beiden Satelliten losgehen, die Schweizer Universitäten in den Jahren 2009 und 2010 gestartet haben."

"Die Universitäten weltweit müssen ihren Schrott aufräumen"

Die Mini-Orbiter "Swiss Cube 1" und "TISat 1", beides Würfel mit zehn Zentimeter Kantenlänge, gehören zu den sogenannten Picosatelliten. Diese kostengünstigen Fluggeräte werden gern von Hochschulen genutzt, um ihren Studierenden eine praxisnahe Ausbildung zu bieten - so kreisen etwa "Uwe" aus Würzburg, "Compass" aus Aachen oder "BeeSat" aus Berlin in 600 bis 700 Kilometern Höhe.

Doch irgendwann ist die Lebenszeit der Mini-Flugkörper zu Ende. Und was dann? "Die Universitäten weltweit müssen ihren Schrott auch aufräumen", sagt Gass. Und dabei soll "CleanSpace One" helfen.

Der kosmische Abschleppdienst wird nur wenig größer sein als die Flugkörper, die er gezielt zum Absturz bringen soll. Wenn er sich seinem - mit 28.000 Kilometern in der Stunde dahinrasenden - Ziel genähert hat, muss er es einfangen. Der Mechanismus, sagt Gass, soll sich am Vorbild einer Seeanemone orientieren: "Die streckt ihre Fühler aus und zieht ihre Beute im richtigen Moment an ihre Brust". Ist das einmal geschafft, dann soll sich das Duo auf einen Todeskurs stürzen. Ein Verglühen der Satelliten in der Erdatmosphäre soll so garantiert sein.

Mit einem Abmaß von 10 mal 10 mal 30 Zentimetern ließe sich "CleanSpace One" vergleichsweise kostengünstig ins All bringen. "Es gibt so viele Startmöglichkeiten für Kleinsatelliten", sagt Gass. "Die neue europäische Rakete Vega wäre zum Beispiel eine gute Möglichkeit, gerade weil die Schweiz das Projekt unterstützt hat." Doch auch eine indische Rakete hält er für eine interessante Option.

Gut acht Millionen Euro Gesamtkosten

Das Thema Weltraumschrott beschäftigt natürlich auch andere Weltraumreise-Nationen. So hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Beispiel mit "Deos" einen Satelliten konzipiert, der auch größere Kollegen entsorgen könnte. Ob und wann der Orbiter jemals fliegen wird, steht jedoch im wahrsten Sinne des Wortes in den Sternen.

Einstweilen wird der Schrott im All vor allem beobachtet. Das U.S. Strategic Command betreibt einen Katalog mit ausgedienten Objekten im Orbit. Und ständig kommen Einträge hinzu. Auch die Europäer arbeiten daran, das All per Radar zu überwachen. Und erst vor wenigen Tagen meldete das DLR den erfolgreichen Test eines leistungsstarken Lasersystems, das schon bald sogar Teilchen mit einem Durchmesser von nur wenigen Zentimetern erfassen soll. Doch auch solche Teilchen können Satelliten und der Internationalen Raumstation gefährlich werden.

"Wir müssen uns der Existenz dieses Schrotts und der durch seine Verbreitung entstehenden Risiken unbedingt bewusst werden", sagt der Schweizer Astronaut Claude Nicollier. "CleanSpace One" soll genau das tun. Das Projekt hat den Charme, dass es ausgesprochen billig sein soll. Zehn Millionen Schweizer Franken, also gut acht Millionen Euro, sind zunächst veranschlagt, den Start bereits mit eingerechnet.

Sollte "CleanSpace One" tatsächlich einmal fliegen, das Projekt käme zur rechten Zeit. Rund 20 Jahre nach seiner ersten Warnung hat Donald Kessler erst vor wenigen Monaten wieder Alarm geschlagen: Die Menge an Weltraumschrott habe inzwischen einen "Kipppunkt" erreicht, warnte er als Leitautor eines Berichts des National Research Council (NRC). Es gebe so viele Teilchen, dass sie sich durch ständige Kollisionen untereinander immer weiter vermehren könnten. Man habe, so Kessler, "die Kontrolle verloren".

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