Mission "Rosetta" Banges Warten auf erste Kometenlandung

Das kosmische Rendezvous beginnt, das Fluggerät bremst: Erstmals soll eine Sonde auf einem Kometen aufsetzen. Forscher erleben aufregende Wochen - jetzt bekamen sie einen Schreck.
"Rosetta" im Anflug: "Tschuri" benötigt 12,4 Stunden für eine Rotation um seine Achse

"Rosetta" im Anflug: "Tschuri" benötigt 12,4 Stunden für eine Rotation um seine Achse

Foto: AFP / Esa Medialab / C.Carreau

Seit zehn Jahren schwirrt sie durchs All, nun läuft der Countdown für die europäische Raumsonde "Rosetta". Im August soll sie den Kometen "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" erreichen, im November soll die Landeeinheit aufsetzen.

Das in der Raumfahrtgeschichte beispiellose Manöver birgt viele Risiken. "Wir wissen fast gar nichts", sagt ein Projektleiter. "Der Komet kann weich sein wie Pulverschnee oder hart wie Gletschereis."

Das Rendezvous beginnt: Abbremsend nähert sich "Rosetta" dem Kometen. "Anfang Mai war sie noch mit 800 Metern pro Sekunde relativ zum Kometen unterwegs", sagt Stephan Ulamec, Projektleiter für den "Rosetta"-Lander beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Sie muss fast auf Null runter, wir wollen ja nicht vorbeifliegen."

Mit der Mission "Rosetta" will die europäische Weltraumorganisation Esa einen der ursprünglichsten Himmelskörper erkunden - Kometen sind Überbleibsel der Entstehung des Sonnensystems. Das gut eine Milliarde Euro teure Projekt steckt voller Premieren und Superlative. Nie zuvor wurde die Energie einer Raumsonde in so großer Sonnenentfernung von Solarzellen geliefert. Noch nie zuvor schwenkte eine Sonde auf eine Umlaufbahn um einen Kometen ein. Und noch nie wurde ein Forschungsmodul auf einem Kometen abgesetzt.

Vor gut zehn Jahren hob "Rosetta" an Bord einer "Ariane 5-Rakete" ab. Landeeinheit und wesentliche Instrumente entstanden unter der Leitung deutscher Institute, insgesamt sind 17 Nationen beteiligt. Nach Vorbeiflügen an Erde, Mars und den Asteroiden "Steins" und "Lutetia" wurde die Sonde in einen energiesparenden Winterschlaf versetzt. Im Januar dieses Jahres wurde sie nach 957 Tagen geweckt.

Seither fiebern die vielen hundert beteiligten Wissenschaftler immer neuen Schritten entgegen: Dem bejubelten Aufwachen von "Rosetta" folgte der Weckruf für den kühlschrankgroßen Lander "Philae" Ende März. Anschließend wurden die 21 Instrumente der Mission - elf am Orbiter, zehn am Lander - aktiviert. "Alle sind in Betrieb gesetzt worden, alle sind gesund", sagt Ulamec.

Jeden Tag laufen nun schon Analysen, sendet "Rosetta" Daten zur Erde. Kleinere Probleme gebe es dabei immer wieder, sagt Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPI) in Göttingen, Leiter des Teams für das Doppelkamera-System "Osiris".

Ein Schreck

Gerade bekamen die Forscher einen Schreck: "Osiris" hatte sich Mitte Mai plötzlich abgeschaltet. "Das sind alles Prototypen, und hochkomplexe noch dazu." Ein Ausfall von "Osiris" wäre fatal. "Das System ist das Auge von 'Rosetta'." Nur zwei Navigationskameras sind noch an Bord.

Insgesamt laufe die Mission bisher aber geradezu erschreckend problemlos, beruhigt MPI-Forscher Hermann Böhnhardt, Leitender Wissenschaftler der Landesmission. "Das ist nicht selbstverständlich, die Instrumente sind ja schon zehn Jahre ohne jede Wartung unterwegs." In manchen Bereichen sei es schade, dass Neunzigerjahre-Technologie an Bord sei. "Ein modernes Rechnermodell zum Beispiel hätten wir gerne an Bord", erklärt Böhnhardt.

Funktionieren alle Bremsmanöver, soll die Sonde vom 7. August den rund drei mal fünf Kilometer messenden "67P/Tschurjumow-Gerassimenko" - Spitzname "Tschury" - umrunden. Dann ist "Osiris" gefordert: Aus zunächst 100 und dann schrittweise bis 10 Kilometern Höhe wird die Oberfläche des Kometen kartografiert.

In diesen Tagen wird es wohl knistern vor Spannung im "Rosetta"-Kontrollzentrum in Darmstadt, bis zu dem "Rosettas" Signale eine halbe Stunde brauchen. Denn bisher ist völlig unklar, wie der kohlschwarze Brocken beschaffen ist.

Fatale Gletscherspalten

Auch über die Struktur ist nichts bekannt. "Wir träumen von einem flachen Terrain als Landeplatz", sagt Böhnhardt. "Bilder von anderen Kometen weisen allerdings darauf hin, dass das naiv ist." Problematisch für die anstehende Landung wäre vor allem eine stark zerklüftete Oberfläche.

"Eine Gletscherspalte neben der anderen zum Beispiel oder meterhohe Eiszapfen", erklärt Ulamec. Einen Abbruch der Mission wird es aber selbst dann nicht geben. "Wir sind so einen langen Weg gegangen, wir werden es in jedem Fall trotzdem versuchen."

Eine Fläche von knapp drei Metern Durchmesser brauche "Philae" zum Aufsetzen seiner drei Standfüße, erklärt Böhnhardt. Vom Boden bis zur Unterkante des Landers sind 40 Zentimeter Platz - wenn die Beine nicht in den Grund sinken. "Ob die Oberfläche weich oder hart ist, wird sich aus den Kamerabildern des Orbiters leider nicht ableiten lassen."

Immerhin reiche die Auflösung von zwei bis drei Metern zum Erkennen gefährlich großer Brocken oder Risse. Dennoch bleibt die Landung auf "Tschury" ein Spiel mit etlichen Unbekannten.

Aufregende Tage

Bis Oktober soll anhand der Fotos ein Landeplatz für "Philae" gewählt werden, für den 11. November ist dann der heikelste Punkt der gesamten Mission geplant: das Absetzen des Landers.

Zuvor muss "Rosetta" die Staub- und Gaswolke des Kometen passieren. Manche "Staubkörner" könnten Medizinballgröße haben, sagt Holger Sierks vom MPI in Göttingen. Solche "Snowballs" habe der Vorbeiflug am Kometen "Hartley 2" gezeigt. Ein Crash droht: Dann helfe auch kaum mehr, dass sowohl Sonde als auch Staub nur noch mit Fußgängergeschwindigkeit unterwegs sind.

Spüren "Philaes" Sensoren Bodenkontakt, tut der Lander einiges, um diesen nicht wieder zu verlieren: Eisschrauben sollen sich in den Boden bohren, Ankerharpunen werden ausgelöst und eine Gasdüse gezündet, die "Philae" Richtung Boden drückt. "Seine knapp hundert Kilogramm Masse entsprechen dort nur noch drei Gramm", sagt Böhnhardt. Fatal für die geplanten Messungen wäre eine starke Schräglage oder ein Überschlagen. "Wenn wir komplett versinken, gäbe es auch kaum Daten."

Auf ihrer Flucht in sichere Höhe soll "Rosetta" möglichst noch Bilder vom gelandeten "Philae" schießen. Ein schickes Porträt wie beim Marsmobil "Curiosity" sei allerdings nicht zu erwarten, betont Sierks. "Eher drei, vier verschwommene Pixel."

Ist die Landung geglückt, wollen sich die Forscher an weitere Vorbeiflüge wagen, bis auf vier Kilometer soll sich der Orbiter dabei "Tschurby" nähern. "Wir wagen uns in die Höhle des Löwen."

Trainieren Sie Ihr Gedächtnis!
boj/dpa