Mode im Weltraum Space-Anzüge vom Laufsteg in Moskau
Offiziell präsentieren sich Astronauten wie Kosmonauten auf Fotos gern in ihren Skaphandern. Die modernen Ritterrüstungen mit ihren klobigen Helmen, Klappvisieren, Namensschildern, bunten Missions-Emblemen und Hoheitszeichen gelten als die Berufsbekleidung schlechthin dieses exklusiven Zirkels von Frauen und Männern.
Doch nur in den Kinderjahren der Raumfahrt wurden diese Schutzanzüge während des gesamten Fluges getragen. Seit Beginn der Langzeitmissionen werden sie nur noch bei Start, Kopplung, Landung und natürlich Außenbordaktivitäten angelegt. Die meiste Zeit arbeiten die Raumfahrer in den Shuttles oder der Internationalen Raumstation ISS in bequemer Bordkluft.
Wenn es um Weltraumgarderobe geht, ist nicht Paris, Mailand oder Rom die erste Adresse, sondern Moskau. Seit mehr als 20 Jahren entwirft und näht die Vereinigung "Zentaur-Wissenschaft" ("Kentavr-Nauka") alles, was die russischen Kosmonauten bei ihren Missionen als Dienstbekleidung zu tragen haben.
Die Amerikaner nehmen das übrigens sehr viel lockerer. Sie decken sich mit handelsüblicher Konfektion ein und stimmen sich dabei nur farblich ab. Inzwischen sind aber auch Astronauten anderer Länder auf den Geschmack gekommen und kleiden sich in Moskau ein, ohne das aus "diplomatischen Gründen" an die große Glocke zu hängen.
Kosmos-Unterwäsche wird nach Standardgrößen gefertigt, die Bordanzüge sind dagegen Maßarbeit. Das Material ist durchweg beste Baumwolle. Zum Maßnehmen kommt ein Designer eigens zu jedem Kosmosneuling ins "Sternenstädtchen" bei Moskau. Gemeinsam stellen sie die Kollektion nach einem Musterkatalog zusammen. Der Kosmonaut kann dabei aus einer relativ breiten Palette an Unterwäsche, Bordanzügen, Overalls, Hemden und Shirts auswählen.
"Ich will wie eine Sonne aussehen"
Natürlich wird auch der persönliche Geschmack soweit wie möglich berücksichtigt, etwa bei Kragen, Armlänge oder Verschlüssen. Denn der Raumfahrer soll sich in seiner Kleidung nicht nur wohl fühlen, sondern und auch ein bisschen an das Leben auf der Erde erinnert werden. Als Farbe herrscht fliegerblau vor.
Ein besonderes Kapitel sind die Raumfahrerinnen. Das kosmische Modeatelier bemüht sich redlich, ihnen auch im All das Gefühl zu geben, Frau zu sein. Selbst an schicke Bikinis, Tops mit Rüschen und Slips für die "kritischen Tage" ist gedacht. Die französische Spationautin Claudie Haigneré ist des Lobes voll über die kosmische Haute Couture der Russen: "So schick wie in der MIR-Station bin ich noch nicht einmal über die Champs-Elysées spaziert."
US-Astronaut James Voss überraschte die Russen mit einem extravaganten Wunsch: Knallig gelbe Kombis. "Ich möchte wie die Sonne aussehen", sagte er zur Begründung.
Schuhe spielen indes in der Kosmos-Kollektion so gut wie keine Rolle. In der Regel hat jeder Raumfahrer nur ein Paar dabei. Denn in der Schwerelosigkeit werden sie nicht gebraucht. Normalerweise schwebt man in Socken durch die Station. Zum Training auf dem Laufband tragen die Frauen und Männer allerdings feste Lederturnschuhe, die den Füßen guten Halt bieten.
Waschen? Nicht nötig
- Nasa:Astronauten-Kleidung
- Nasa:Video "Space Fashion"
- Space.com:Artikel zur Kleiderangebot von "Kentavr-Nauka"
Bei der kosmischen Garderobe handelt es sich übrigens um Ein-Weg-Sachen. Schmutzige Wäsche wird in Container verstaut und entsorgt - zumeist in den russischen automatischen "Progress"-Frachtern, die die ISS mit allem Nötigen versorgen und nach dem Entladen als Mülleimer dienen, bevor sie in der Atmosphäre verglühen.
Besondere Vorsicht lässt die Kosmosschneiderei übrigens bei der Anlieferung der Aufträge walten. Bevor die Sachen ins All voraus fliegen, werden sie gründlich inspiziert, abgesaugt, geröntgt, sterilisiert und schließlich vakuumverpackt. Auf diese Weise will man verhindern, dass sich Fremdkörper einschleichen, die sich in der Schwerelosigkeit selbstständig machen könnten. Bei einer dieser Kontrollen fand man einmal eine Stecknadel. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie jemand an Bord eingeatmet hätte.
Gerhard Kowalski, ddp