Verschwörungstheorien zur Mondlandung "Vom ersten Tag an gab es Zweifler"

Mondkomplott, Chemtrails, Reichsflugscheibe: Der Physiker Holm Hümmler untersucht Verschwörungstheorien. Hier erklärt er, welche in Deutschland kursieren. An einer offiziellen Erklärung zweifelt er selbst.

Kein Lügner: US-Astronaut Buzz Aldrin war wirklich auf dem Mond
Nasa / DPA

Kein Lügner: US-Astronaut Buzz Aldrin war wirklich auf dem Mond

Ein Interview von


Als er auf die Bibel schwören sollte, dass er wirklich auf dem Mond war, reichte es Buzz Aldrin. Der damals 72-Jährige und zweiter Mensch auf dem Mond verpasste dem Verschwörungs-Filmemacher Bart Sibrel einen Kinnhaken und beendete so 2002 ein unrühmliches Interview. Die Zweifel konnte er mit dem Faustschlag allerdings nicht ausräumen. Bis heute kursieren Gerüchte, die erste Mondlandung sei eine Inszenierung im Filmstudio gewesen.

Der Physiker Holm Gero Hümmler beschäftigt sich seit 20 Jahren mit solchen und ähnlich kruden Theorien. Im Interview erzählt er, warum die Mondlandung kein Fake ist und wie Sie verdrehte Fakten enttarnen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hümmler, warum sind Sie sicher, dass Menschen auf dem Mond waren?

Holm Hümmler: So ein Ereignis lässt sich nicht inszenieren, zu viele Leute auf der ganzen Welt hätten mitmachen müssen. Alle, die mit Mondgestein arbeiten, die Apollo-Reflektoren auf dem Mond für Messungen nutzen, die nichts mit der Nasa oder den USA zu tun haben. Sogar die Sowjetunion, die ja die Mondlandung bestätigte. Es ist einfach nicht plausibel, dass Hunderttausende Mitwisser bei einer Verschwörung dieser Größe mitmachen und dann auch dichthalten.

Zur Person
  • Dennis Merbach/merbach.net
    Dr. Holm Gero Hümmler geboren 1970, hat Physik mit Nebenfach Meteorologie studiert und arbeitet als Unternehmensberater. Seit 20 Jahren engagiert er sich zudem in der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP).

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nicht einen einzigen Zweifel, den Sie für überzeugend halten?

Hümmler: Dass die Mondlandung wirklich geglückt ist mit der Technik von damals, bringt einen schon zum Nachdenken. Computersimulationen gab es so gut wie nicht. Alles musste aufwendig getestet werden, unter möglichst realen Bedingungen. Deshalb wurde die Mondlandefähre bereits bei "Apollo 10" in die Mondumlaufbahn gebracht und die Landung bis kurz vor dem Aufsetzen erprobt. Dass die tatsächliche Landung dann trotz technischer Probleme gelang, ist schon erstaunlich. Aber die angeblichen Beweise, "Apollo 11" sei ein riesiger Schwindel, sind mit wissenschaftlichen Methoden leicht zu entkräften.

Die bekanntesten Mondschwindel-Mythen
Theorie: Unter der Landefähre hätte sich ein Krater bilden müssen
Hümmlers Erklärung: Der Mond ist von einer wenige Zentimeter dicken Staubschicht bedeckt, darunter liegt festes Gestein. Ein Raketenantrieb würde auch auf der Erde bei vergleichbarem Gestein keinen Krater hinterlassen. Zudem bewegte sich die Landefähre seitwärts, der Strahl war also nicht lange auf eine Stelle gerichtet und im Vergleich zu Raketenstarts auf der Erde war der Schub des Treibwerks winzig.
Theorie: Die Bilder vom Mond wurden in einer Halle aufgenommen, deshalb sind darauf keine Sterne zu sehen.
Hümmlers Erklärung: Die Belichtung der Kameras war so eingestellt, dass der Mondboden, die Raumanzüge und die Landefähre gut zu erkennen sind. Das Licht der Sterne war zu schwach, um auf den Bildern sichtbar zu sein. Auf einem Bild der Schattenseite der Landefähre ist zumindest die Venus zu sehen, die deutlich heller erscheint als Sterne. Auch bei heutigen Fotografien des Mondes sind die umgebenden Sterne meist nicht zu sehen, wenn die Belichtung so eingestellt ist, dass die Strukturen auf dem Mond gut zu erkennen sind.
Theorie: Trotz Aufnahmen im Gegenlicht sind viele Details in den unbeleuchteten Flächen gut zu erkennen. Das spricht für eine zweite, künstliche Lichtquelle.
Hümmlers Erklärung: Die Mondoberfläche streut das Licht und sorgt dadurch für einen indirekten Blitz. Außerdem hat die Nasa viele Bilder der Mission nachträglich bearbeitet und die Kontraste verstärkt. Dadurch erscheinen die Lichtverhältnisse auf einigen Bilder unnatürlich.
Theorie: Schatten verlaufen nicht parallel und erscheinen unterschiedlich groß, selbst wenn sie von gleichgroßen Objekten stammen. Ursache dafür können nur weitere Lichtquellen sein.
Hümmlers Erklärung: Weil eine Kamera die dreidimensionale Welt des Mondes zweidimensional darstellt, erscheinen Schatten nicht parallel, sondern laufen auf einen Fluchtpunkt am Horizont zu. Maler nutzen diesen Effekt seit der Renaissance, um Räumlichkeit auf einer Leinwand zu erzeugen. Die unebene Mondoberfläche verzerrt die Schatten zusätzlich.
Theorie: Die aufgestellten Flaggen scheinen im Wind zu flattern. Wie soll das gehen, wenn es auf dem Mond keine Atmosphäre gibt?
Hümmlers Erklärung: Die Raumfahrer mussten die Flaggen mit einem Hammer in den Boden rammen, dadurch brachten sie diese in Schwingung. Auf der Erde würde die Fahne rasch durch den Luftwiderstand abgebremst. Auf dem Mond ist der Widerstand viel geringer. Einmal angestoßen, bewegen sich Fahnen auf dem Mond deshalb deutlich länger und wegen der geringeren Schwerkraft auch langsamer als auf der Erde.
Theorie: Die Astronauten hätten die tödliche Strahlung im All nicht überleben können.
Hümmlers Erklärung: Während der Mission trug jeder Raumfahrer ein Dosimeter mit sich, das die Strahlenbelastung genau dokumentierte. Im Durchschnitt lag sie bei 12 Millisievert. Dieser Dosis ist jeder Mensch in Deutschland innerhalb von zwei bis drei Jahren ausgesetzt. Sie ist selbst innerhalb dieser wenigen Tagen der Reise zum Mond nicht tödlich, sondern könnte allenfalls das Krebsrisiko rein rechnerisch minimal erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Mythos, die Mondlandung sei ein Fake?

Hümmler: Vom ersten Tag an gab es Zweifler. So richtig Fahrt aufgenommen hat die Diskussion, als Bill Kaysing 1976 sein Buch "We never went to the moon" veröffentlichte. Er war der Erste, der technisch zumindest etwas Ahnung hatte, die kursierenden Theorien bündelte und versuchte, diese zu belegen. Bis heute sind Tausende von seinen angeblichen Beweisen überzeugt, dass in Wahrheit nur eine leere Rakete ins Meer gestürzt ist, während die Astronauten heimlich in Las Vegas Urlaub machten, bis sie ein Militärflugzeug über dem Pazifik abwarf.

SPIEGEL ONLINE: Dabei haben Mondsonden längst Bilder von der Landefähre "Eagle" gemacht. Warum glauben Menschen trotzdem an die Verschwörungstheorie?

Hümmler: Egal, ob Mondlandung oder 11. September; Verschwörungstheorien funktionieren immer gleich. Medien präsentieren ein Ereignis, das der Zuschauer kaum begreifen kann. Ein angebliches Komplott liefert eine einfache Begründung - und oft die spannendere Geschichte. Kondensstreifen am Himmel sind nur dann interessant, wenn es sich angeblich um Chemikalien handelt, die die Menschheit vergiften sollen. Gerade in Deutschland glauben viele an solche Chemtrails ebenso wie an Reichsflugscheiben - weltraumfähige Flugobjekte der Nazis, versteckt in der Antarktis. Beliebt ist aktuell auch die Theorie, die Regierung würde die Menschen mit der 5G-Handy-Technologie grillen wollen.

Preisabfragezeitpunkt:
17.07.2019, 14:59 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Holm Gero Hümmler
Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden.

Verlag:
Hirzel, S., Verlag
Seiten:
223
Preis:
EUR 19,80

SPIEGEL ONLINE: Wie lassen sich solche verdrehten Fakten enttarnen?

Hümmler: Als erstes müssen Sie sich fragen, welche alternative Erklärung geboten wird, wenn die offizielle Version angeblich nicht stimmt. Diese ist meist so haarsträubend, dass die komplette Theorie unglaubwürdig wird. Als nächstes müssen Sie alles Emotionale ausblenden und sich allein auf die nachprüfbaren Fakten konzentrieren. Ein Beispiel: In Bezug auf den 11. September wird immer wieder behauptet, die Stahlträger hätten bei diesen Temperaturen nicht schmelzen dürfen. Dabei weiß jeder, der schon mal einem Schmied über die Schulter geschaut hat, dass Stahl nicht schmelzen muss, um biegbar zu sein.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie auch selbst an eine These glauben, die als Verschwörungstheorie gehandelt wird. Welche ist das?

Hümmler: Ich glaube nicht an den Selbstmord von Uwe Barschel. Ähnlich wie bei Verschwörungstheorien steckt dahinter das Gefühl, dass die offizielle Version nicht alle offenen Fragen klärt. Ich habe aber auch keine Beweise, die gegen einen Selbstmord sprechen und will deshalb nicht spekulieren - ich bin ja schließlich kein Verschwörungstheoretiker.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.