SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

04. Juli 2010, 21:56 Uhr

Nach missglücktem Andock-Manöver

Russisches Raumschiff erreicht ISS

Erfolg erst beim zweiten Anlauf: Ein unbemannter russischer Weltallfrachter sollte der Internationalen Raumstation ISS Proviant bringen, flog aber drei Kilometer am Ziel vorbei - TV-Signale störten die Systeme. Erst 48 Stunden später gelang das Andock-Manöver.

Moskau/Washington - Was als Routinemission geplant war, ist für die Raumfahrtnationen Russland und USA zu einer peinlichen Millionenpanne geworden. Das unbemannte russische Versorgungsschiff "Progress 38" flog etwa drei Kilometer an der Internationalen Raumstation ISS vorbei - statt wie geplant anzudocken. "Der Transporter hat nicht gestoppt", funkte der russische ISS-Kommandant Alexander Skworzow zur Erde.

Erst beim zweiten Versuch, rund 48 Stunden später, gelang der "Progress" mit rund 2,6 Tonnen Lebensmitteln, Kleidung und Ausrüstung an Bord das Andockmanöver. Die "Progress" hat planmäßig angekoppelt", teilte das russische Flugleitzentrum am Sonntag mit.

Die Nasa und die russischen Behörden hatten gleich nach dem gescheiterten Manöver am Freitagabend beschwichtigt. Eine Gefahr für die ISS sei das Schiff nicht gewesen, hieß es. Die drei russischen Kosmonauten sowie drei US-Astronauten an Bord der ISS seien nicht gefährdet gewesen, hieß es bei der Nasa. Auch der russische Partner, die Raumfahrtagentur Roskosmos, gab Entwarnung. Es handele sich keinesfalls um eine Notfallsituation, sagte Roskosmos-Vizechef Witali Dawydow.

Doch jede Mission verschlingt Millionen. Und klar ist: Die Technik hat versagt, der Autopilot setzte 25 Minuten vor dem geplanten Manöver plötzlich aus. Skworzow und seine Crew hatten keine Zeit zu reagieren und den Transporter mit einem manuellen Manöver anzudocken. Eine "unkontrollierte Rotation" hatte der ISS-Kommandeur ausgemacht.

TV-Signale störten das Andock-Manöver

Schuld waren Fernsehsignale. Ein TV-System für Skworzows Überwachungsmonitor beeinflusste den Autopiloten der "Progress". Das Raumschiff erhielt dadurch den Befehl, das Manöver abzubrechen. Beim zweiten Anlauf wurde das TV-System abgeschaltet. Diesmal klappte es - wieder hatte der Computer das Steuer der "Progress" übernommen. Der Raumtransporter, der am Mittwoch vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur gestartet war, wurde vom Boden aus in Position gebracht.

Die Panne am Freitagabend war nicht die erste. Erst Anfang Mai trat bei einem Schwesterschiff ein Navigationsfehler beim Andocken auf. Weil die Crew rasch handelte, ging alles glimpflich aus: Der damalige Kommandeur Oleg Kotow konnte das Versorgungsschiff manuell an die ISS andocken.

Der peinliche Zwischenfall kommt für Russen und Amerikaner gleichermaßen zur Unzeit. Die amerikanischen Space Shuttles werden Anfang 2011 ausgemustert - bis in einigen Jahren ein Nachfolgemodell existiert, sind die russischen Sojus-Kapseln das einzige Transportmittel auch für US-Astronauten. Deshalb will Moskau die Notlage der Nasa zu Geld machen und die Transportgebühren gewaltig erhöhen. Zweifel an der russischen Technik dürfen deshalb erst gar nicht aufkommen.

Die "Progress"-Frachter sind seit Januar 1978 in Dienst. Bisher sind weit über 100 davon zu den russischen Raumstationen und zur ISS geflogen.

otr/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung