Nasa-Luftschlösser Bizarre Ideen für Städte im All

Die Raumstation ISS wird heute von zwei Astronauten mühevoll im Orbit gehalten. In den siebziger Jahren war man gedanklich schon viel weiter. Die Nasa ließ gigantische Weltraumstädte entwerfen, in denen Zehntausende leben sollten. SPIEGEL ONLINE zeigt einige der phantastischen Entwürfe.


Langsam nähert sich der Raumtransporter seinem Reiseziel. Die Weltraumsiedler an den Fensterplätzen sehen als erste den riesigen Reifen, über dem ein gigantischer Spiegel schwebt. Der Reflektor lenkt Sonnenlicht in die Wohnungen, Fabriken und Gärten ihrer neuen Heimat. Fast sechs Kilometer lang ist die Röhre, die zum kosmischen Riesenrad gebogen ist. 130 Meter beträgt der Durchmesser des titanischen Tubus.

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Entwürfe fürs All: Gummiboot und Traum-Städte

Solchen Szenen stellten sich die Autoren von Nasa-Studien vor, die in den siebziger Jahren geradezu phantastische Entwürfe für die Besiedlung des Weltalls enthielten. Wissenschaftler der Weltraumbehörde, der Raumfahrtindustrie und von US-Universitäten kamen in mehreren Jahren zu jeweils zehnwöchigen Sommertreffen zusammen, um visionäre Projekte zu entwerfen. Dabei sollte es nicht um Raumstationen oder ähnliche Petitessen gehen: Weltraumstädte mit mindestens 10.000 Bewohnern nahmen in den Köpfen der Forscher und Studenten Gestalt an.

"Die Kolonisierung des Weltalls genoss ab den späten sechziger Jahren bei jungen Leuten beachtliche Popularität. Dabei spielten Einflüsse des LSD-Gurus Timothy Leary ebenso eine Rolle wie die verbreitete Politikverdrossenheit und die Vietnam-Proteste", sagt Jesco von Puttkamer von der Nasa-Zentrale in Washington. "Eine allgemeine Krise hatte das Land erfasst. Unsere erfolgreichen Mondlandungen beeindruckten da besonders."

Herausforderung an das Vorstellungsvermögen

Die Nasa wollte nicht abseits stehen: Die Kolonie-Vision sollte als Praxisübung in Design-Studien aufgegriffen werden. "Bei solchen Sommertreffen wählen wir traditionell herausfordernde Design-Themen der bemannten Raumfahrt", erklärt Puttkamer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Manche Studien aus den siebziger Jahren seien allerdings besondere Herausforderungen an das Vorstellungsvermögen gewesen.

Heutige Weltraum-Enthusiasten dürften sie eher in tiefe Wehmut stürzen. Die real existierende Internationale Raumstation (ISS) wird von nur zwei Mann bewohnt, die mehr mit Wartungs- als mit Forschungsarbeiten beschäftigt sind. Und selbst an diesem Projekt hat die Nasa weitgehend das Interesse verloren. Daneben wirken Entwürfe von Raumstationen, in denen Traktoren Getreidefelder umpflügen, geradezu bizarr.

Seltsam vertraute Formen

Seltsam vertraut erscheint die Formgebung der kosmischen Luftschlösser. Bereits in den fünfziger Jahren hatte sich Wernher von Braun ein 75 Meter großes Weltraumrad ausgemalt. Auch am Langley Research Center der Nasa in Virginia wurden in den frühen Sechzigern Modelle aufblasbarer Weltraum-Reifen entworfen. Gemeinsam mit dem Pneu-Hersteller Goodyear testeten Nasa-Ingenieure verschiedene Materialien auf ihre Tauglichkeit für bemannte Orbitalstationen. Und 1968 wählte Stanley Kubrick für seinen späteren Leinwandklassiker "2001 - Odyssee im Weltraum" eine torusförmige Weltraumstation als Ort für zwanglose Treffs zwischen russischen und amerikanischen Raumfahrern.

An der Idee musste also etwas dran sein - die Teilnehmer der Sommertreffen der siebziger Jahre machten sich ans Werk. Ihre Weltraumstädte sollten die Erde auf der gleichen Bahn wie der Mond umkreisen und dabei zu beiden Himmelskörpern den gleichen Abstand halten. Diese vom französischen Mathematiker Joseph Lagrange entdeckten L4- und L5-Punkte im Erde-Mond-System sind stabile Gleichgewichtslagen und damit ideal für die Platzierung der Orbitalsiedlung. Baumaterialien könnten vergleichsweise energiesparend vom Mond herangeschafft werden.

Riesenkanone sollte Material durchs All schießen

Für den Materialtransport hatten sich die Forscher etwas Besonderes ausgedacht: Eine atombetriebene Riesenkanone sollte die Baustoffe als zylindrische Projektile zur Großbaustelle katapultieren. Nach dem Prinzip eines gigantischen Luftgewehrs könnten alle 30 Minuten rund 50 Tonnen schwere Transporte ins All gejagt werden, rechnen die Autoren einer Studie von 1975 vor. Eine Flotte aus 50 automatischen Sammel-Sonden wäre im Baustellenbereich emsig bemüht, die umherschwirrenden Großpakete einzufangen.

Geradezu profan mutet im Vergleich dazu die Energiegewinnung für die Weltraumstadt an. Sonnenkraftwerke sollen die fliegende Siedlung mit Strom versorgen, in den Fabriken der Stadt nachproduziert und gar als Exportschlager zum blauen Planeten geliefert werden.

Enge ökonomische Beziehungen mit der alten Heimat würden für den Fortbestand der Kolonie lebenswichtig sein, glaubten die Weltraum-Visionäre. Bei der Lebensmittelversorgung setzen sie allerdings auf Autarkie: Eine Intensivlandwirtschaft auf 63 Hektar könnte alle Bewohner aus eigener Kraft ernähren.

Familienleben im Orbit

Leben, Arbeiten und Familien gründen - das Leben in der Weltraumstadt sollte möglichst einer irdischen Existenz ähneln. Durch Rotation entsteht im Riesenreifen künstliche Schwerkraft. Knochen- und Muskelschwund, heute noch eine bedrohliche Folge der Schwerelosigkeit, könnten so vermieden werden. Eine Schicht aus Mondgeröll auf der Außenhaut des Reifens sollte das Innere vor tödlicher Weltraumstrahlung schützen.

"Einige technische Konzepte, wie etwa der Langzeitschutz vor Strahlung und Mikrometeoriten, sind vom heutigen Standpunkt betrachtet eher Spekulationen nach dem Motto: Die Zukunft wird die richtigen Lösungen bringen", so Nasa-Manager Puttkamer. Das gelte auch für künstliche geschlossene Ökosysteme: "Die können wir bis zum heutigen Tag nicht nachbilden."

49 Quadratmeter im mehrgeschossigen Haus

In den Siebzigern jedoch erschien die gekrümmte Hohlwelt als ernst zu nehmende Vision für die Lebensverhältnisse im kommenden 21. Jahrhundert. In den Weltraumröhren brauche niemand Platzangst zu haben, glaubten damals die Befürworter der Idee. Immerhin 49 Quadratmeter Wohnraum sollte jeder Siedler sein Eigen nennen. Spießige Doppelhaushälften sind im All allerdings tabu. Vielmehr sehen die Bebauungspläne Platz sparende Gebäude mit vier Geschossen vor.

"Die Kolonisierung des Alls war nie ein offizielles Nasa-Programm", sagt Puttkamer. Dennoch könne die Weltraum-Besiedlung eines Tages eine Option für die Menschheit sein. "Persönlich sehe ich die ersten Außenposten im All aber auf natürlichen Himmelskörpern wie dem Mond oder dem Mars und nicht in gigantischen U-Boot-ähnlichen Konstruktionen."

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