Nato-Weltraumstrategie Säbelrasseln im All

Auf ihrem Außenministertreffen will die Nato auch den Weltraum zum Militärgebiet erklären. Das Bündnis sorgt sich um die verwundbare Satelliten-Infrastruktur - doch ein Schutz vor Angriffen ist kaum möglich.

Animation eines Kommunikationssatelliten der Bundeswehr (Archivbild)
Astrium Gmbh/ DPA

Animation eines Kommunikationssatelliten der Bundeswehr (Archivbild)


Geht es nach der Nato, könnte der Weltraum künftig zum Kriegsschauplatz werden. Beim Herbsttreffen der Außenminister am Mittwoch in Brüssel soll das All nach Boden, Luft, See und dem Cyberspace zum fünften Einsatzgebiet des Bündnisses gemacht werden - das hatte der SPIEGEL am Freitag berichtet. Endgültig verabschiedet wird der Beschluss dann voraussichtlich beim Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in London in zwei Wochen.

Die Vorhaben der Nato-Verteidigungsminister hatte sich bereits im Juni abgezeichnet, damals wurde erstmals eine Weltraumstrategie verabschiedet. Sie sieht vor, den technologischen Vorsprung der Nato-Staaten vor anderen Ländern wie beispielsweise China zu wahren und die Infrastruktur im Orbit zu schützen.

Denn im All befinden sich unter den derzeit rund 2000 aktiven Satelliten etliche, die wichtige militärische Aufgaben übernehmen. Sie sind für die Kommunikation bei Einsätzen, bei der Navigation oder als Frühwarnsysteme für Raketenstarts unverzichtbar. Außerdem liefern sie Lagebilder aus Konfliktgebieten. Dementsprechend dürften in Konfliktfällen Satelliten das Ziel von feindlichen Angriffen werden, was auch das zivile Leben in Mitleidenschaft ziehen könnte: Digitale Zahlungssysteme oder die Kommunikation im Verkehrswesen würden beeinträchtigt. Deshalb will die Nato wichtige Technik künftig stärker schützen.

Nato-Vertreter warnen seit Längerem, dass China und Russland Fähigkeiten zur Zerstörung von Satelliten erfolgreich erprobt hätten. Die USA vernichteten in einem Test bereits 1985 mit einer Rakete, die von einem Kampfjet abgefeuert wurde, den US-Forschungssatelliten "Solwind P78-1".

Auch China hat 2007 demonstriert, dass es Satelliten vom Boden aus mit Raketen zerstören kann. Im März zeigte dann Indien mit der "Mission Shakti" vergleichbare Fähigkeiten. Damals schoss eine dreistufige Abfangrakete des Typs PDV Mk II einen eigenen Militärsatelliten ab. Ein Schutz vor solchen Attacken ist derzeit kaum möglich, eine entsprechende Technik bisher nicht erprobt.

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Offiziell seit Juli verfolgt Frankreich innerhalb der Nato einen eigenen Ansatz. Damals gab die Nation die Gründung eines Weltraumkommandos bekannt. Das Land wolle künftig seine Satelliten "auf aktive Weise" schützen, sagte Präsident Emmanuel Macron. Verteidigungsministerin Florence Parly gab die Entwicklung von Laser-Waffen bekannt. "Wenn unsere Satelliten bedroht sind, wollen wir die Satelliten unserer Gegner blenden", sagte sie. Nach Angaben aus französischen Regierungskreisen werde auch eine Art Maschinengewehr erwogen, um angreifende Satelliten auszuschalten. Beide Waffensysteme sollen auf Kleinstsatelliten montiert sein, die im Orbit patrouillieren.

Dennoch sind Laser-Schlachten im All, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen kennt, in naher Zukunft eher unwahrscheinlich. Denn Weltraumangriffswaffen will die Nato nicht einsetzen. "Unsere Herangehensweise ist vollkommen defensiv", sagt Generalsekretär Jens Stoltenberg. "Die Nato hat nicht die Absicht, Waffen in den Weltraum zu bringen." Tatsächlich verfügt das Bündnis seit Anfang des Jahrtausends nicht einmal mehr über eigene Satelliten. Die Nato nutzt nur noch Technik der Mitgliedstaaten. Die Bundeswehr schoss beispielsweise 2009 "COMSATBw" ins All, ihren ersten eigenen Kommunikationssatelliten. Er ermöglichte unter anderem weltweit abhörsichere Telefongespräche. Schon bald soll das private Raumfahrtunternehmen SpaceX für die Bundeswehr die "SARah"-Spionagesatelliten ins All bringen.

Bisher entspricht die Strategie der Nato dem Weltraumvertrag von 1967. Er sieht vor, dass die Erforschung des Alls friedlich erfolgen soll. Auch die USA, Russland, China und Frankreich haben unterzeichnet. Ausdrücklich verboten ist nach Artikel vier die Stationierung von "Atomwaffen oder jeglicher Art von Massenvernichtungswaffen". Auf dem Mond und anderen Himmelskörpern untersagt sind zudem Militärbasen, Befestigungsanlagen, Waffentests oder Militärübungen. Auf Satelliten oder Raumschiffen stationierte konventionelle Waffen sind davon nicht erfasst.

Bündnisfall durch Attacken im All

Vorreiter bei Weltraumwaffen sind die USA. US-Präsident Donald Trump präsentierte im Januar eine neue Raketenabwehr-Strategie. Zu ihren Kernelementen gehören im Weltraum stationierte Waffensysteme gegen besonders schnelle Überschallraketen, die von Russland und China entwickelt werden. Erst vor wenigen Monaten kündigte Trump zudem ein militärisches Weltraumkommando an. Die "US Space Force" soll bis 2020 als sechste US-Teilstreitkraft aufgebaut werden. Die Truppe soll sämtliche Weltraumaktivitäten des US-Militärs bündeln und mit Satelliten und Abwehrwaffen Einsätze auf der Erde unterstützen.

Ob im Fall von Attacken im All die neue Nato-Strategie den Bündnisfall auslöst, ist noch unklar. Er ist in Artikel 5 des Nato-Vertrags geregelt und legt fest, dass die Nato-Partner Beistand leisten, wenn ein bewaffneter Angriff "gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika" erfolgt. Nach dem Wortlaut würde die Zerstörung eines Satelliten im All nicht darunter fallen.

Allerdings gilt der Nato-Vertrag seit 1949 fast unverändert und ist nicht an heutige Waffentechnologien angepasst worden. Generalsekretär Stoltenberg antwortete am Dienstag auf die Frage nach einem Bündnisfall ausweichend: Über militärischen Beistand entscheide die Nato "von Fall zu Fall", sagte er. "Und wir wollen möglichen Gegnern nicht den Vorteil geben, klarzustellen, was die Schwelle für die Auslösung von Artikel 5 ist".

joe/AFP

insgesamt 13 Beiträge
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auweia 20.11.2019
1. SARah-System
Es ist natürlich knalliger, statt von "Beobachtungs"- von "Spionage-" satelliten zu reden. Davon ab: Das System wurde 2013 geplant und wird 2019, also ca. 7 Jahre später, ins All befördert. Hurra, wir haben mal etwas geschafft. Bloß: Die Zeit von Konzeption über Bau bis Einsatz wäre vielleicht bei einem Panzer oder Flugzeug mit einer Nutzungsdauer von ca. 40 Jahren ok (Die Chinesen und Russen sind auch hier schneller). Aber bei einem Hightech-Produkt mit deutlich kürzerer Halbwertszeit....?
quark4@mailinator.com 20.11.2019
2.
Und ich dachte, es gäbe einen Vertrag, der die Stationierung von Waffen im All verbietet. Aber der menschliche Wahnsinn kennt eine Begrenzung nur in der Umsetzbarkeit, nicht in der Vernunft. Das Ganze endet vermutlich darin, daß der ganze erdnahe Bereich voller kleiner Geschosse ist. Einfach super. Statt das man das Geld für die Menschen ausgibt ...
markx01 20.11.2019
3. Ihr Weltbild ist in der Hinsicht
Zitat von quark4@mailinator.comUnd ich dachte, es gäbe einen Vertrag, der die Stationierung von Waffen im All verbietet. Aber der menschliche Wahnsinn kennt eine Begrenzung nur in der Umsetzbarkeit, nicht in der Vernunft. Das Ganze endet vermutlich darin, daß der ganze erdnahe Bereich voller kleiner Geschosse ist. Einfach super. Statt das man das Geld für die Menschen ausgibt ...
zu einseitig. Man muss hier einfach mal die Vorteile solche Vorhaben sehen. Was das für wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt bedeutet, verstehen wahrscheinlich nur ganz wenige Menschen auf der Welt. Es gibt auch im Weltraum Terrorismus. Genannt: "little green man". Davor muss man sich schon schützen. Weltraumschrott, hervorgerufen durch hypernervöse Zeigefinger des "Feindes", ist ein weiterer Punkt. Und letztlich gibt es auch noch Hollywood und Langeweile. Gruß
Pfaffenwinkel 20.11.2019
4. Schöne neue Welt
So lange es auf unserer Erde noch Kriege geben wird (ein Ende ist derzeit nicht in Sicht), sollte man sich nicht den Kopf über Kriege im Weltall zerbrechen.
bissig 20.11.2019
5. Wenn die wirklich anfangen,
da oben Satelliten zu zerstören, dann kommt keiner mehr so einfach von dem Felsbrocken runter. Seit die Chinesen damals den Satelliten zerstört haben, ist die Menge an Weltraumschrott erheblich gestiegen - und damit für alle, die da durch müssen, die Gefahr gewachsen, von einem Teil getroffen zu werden.
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